Dr. Angelica Ensel: »Eine sorgfältige Begleitung des Übergangs ist eine Investition in die Zukunft einer geburtshilflichen Abteilung, eines Geburtshauses oder Hausgeburtsteams.« Foto: © privat
Fertig ausgebildet und jetzt selbstverantwortlich Geburten begleiten – ein Spektrum von Gefühlen ist damit verbunden: Freude und Stolz, aber auch Aufregung, Respekt vor der Aufgabe und Unsicherheit. Werde ich an alles denken, die richtigen Entscheidungen treffen? Wie umgehen mit der eigenen Unsicherheit und der Angst, mich zu blamieren?
Dass Berufsanfängerinnen sich heute überhaupt in Richtung Geburtshilfe orientieren, ist alles andere als selbstverständlich. Studien zeigen, dass viele sich gegen eine geburtshilfliche Tätigkeit entscheiden – sei sie klinisch oder außerklinisch – wobei der überwiegende Teil mit diesem Wunsch in die Ausbildung startete. Wir wissen, dass ein enger Zusammenhang besteht zwischen einer in den Praxiseinsätzen positiv erlebten Geburts- und Teamkultur und der Entscheidung, als fertig ausgebildete Hebamme in der Geburtshilfe oder sogar im Ausbildungskreißsaal anzufangen.
Die Situation an der Schwelle ist eine vulnerable, herausfordernde Phase. In dieser Zeit werden Weichen gestellt – sowohl für die eigene professionelle Identität als auch für die Rolle im Team. Damit der Übergang gelingt, brauchen die »Neuen« eine Willkommenskultur der Einarbeitung, die ihr Selbstvertrauen stärkt, ihnen Raum für Reflexion und Austausch bietet, sowie ehrliche, konstruktive Rückmeldungen. Sie brauchen ein angstfreies Klima, das Gefühl, dass ihre Unsicherheit nicht als Schwäche oder mangelnde Kenntnis ausgelegt wird, und insbesondere das Gefühl, dass sie ihre Grenzen wahrnehmen und kommunizieren dürfen. Für ein Team wiederum ist es herausfordernd, den neuen Kolleginnen im oft hektischen Alltag ausreichend Zeit und Geduld entgegenzubringen. Durch die große Arbeitsdichte werden die neuen Kolleginnen oft sehr schnell »hineingeworfen«, müssen Verantwortung für mehrere Gebärende gleichzeitig tragen, mit Komplikationen allein umgehen. Wenn sie in einem Ausbildungskreißsaal arbeiten, sind sie unter Umständen von Anfang an auch mit Studierenden konfrontiert, die bei ihnen »mitlaufen«.
Wenn der Übergang gelingt, ist es eine Bereicherung für beide Seiten. Die »Jungen« stärken das Team mit aktuellem, wissenschaftlich basiertem Wissen, einem frischen Blick auf eingefahrene Strukturen und Ideen für Veränderungen. Die »Alten« vermitteln Wissen aus ihrem Erfahrungsschatz, was dankbar aufgenommen wird. Das Gefühl gegenseitiger Wertschätzung und die Freude, sich gemeinsam weiterzuentwickeln, tragen das Team. All das kommt Frauen und Eltern zugute.
Eine sorgfältige Begleitung des Übergangs ist eine Investition in die Zukunft einer geburtshilflichen Abteilung, eines Geburtshauses oder Hausgeburtsteams. Eine Entwicklungsarbeit, die die persönliche Berufsbiografie der Hebamme entscheidend prägen wird. Wenn es gelingt, wird sie in ihre neue Berufsidentität hineinwachsen, um immer mehr die Hebamme zu werden, die sie sein will.
