Birgit Heimbach, Hebamme und seit 25 Jahren Redakteurin der DHZ: »Die International Confederation of Midwives (ICM) weist eindeutig darauf hin, dass Ultraschalldiagnostik zum Kompetenzbereich von Hebammen gehört.« Foto: privat
Hat sich tatsächlich eine befruchtete Eizelle in die Gebärmutter eingenistet? Liegt wirklich eine Schwangerschaft vor – und befindet sich die Fruchtanlage an der richtigen Stelle? Wo sitzt die Plazenta genau? Ist nach einer Fehlgeburt alles vollständig abgegangen? Solche Fragen am Anfang einer Schwangerschaft möchten Hebammen idealerweise eigenständig klären. Später in der Schwangerschaft stellt sich ihnen etwa die Frage: Gibt es noch genug Fruchtwasser? Ultraschall eröffnet zentrale Möglichkeiten moderner, eigenständiger Hebammendiagnostik. Die International Confederation of Midwives (ICM) verweist darauf, dass Ultraschalldiagnostik zum Kompetenzbereich von Hebammen gehört.
Trotz dieser hohen Relevanz ist Ultraschall bislang kaum so in die Hebammenstudiengänge integriert, dass Hebammen befähigt werden, diese Technik im eigenen Verantwortungsbereich anzuwenden. In der Praxis führt
dies häufig zu Überweisungen an gynäkologische Praxen – ein Umweg, der Versorgungslücken vergrößern kann.
Die Hochschule Bochum gehört zu den Vorreiterinnen: Schon im Bachelorstudium werden Grundlagen gelegt, im Masterstudium wird die fachlich fundierte, ethisch reflektierte und rechtlich verantwortbare Anwendung bildgebender Verfahren vertieft. Zwei Beiträge dieses Titelthemas zeigen, wie die Module aufgebaut sind, wie Hebammen in anderen Ländern bereits mit Ultraschall arbeiten und welche breit gefächerten Fort- und Weiterbildungsmöglichkeiten dort bestehen.
Eine der wenigen Hebammen, die hierzulande in eigener Praxis Sonografie anbieten, ist Martina Knapp aus Oldenburg. Inzwischen bietet sie selbst Fortbildungen an. Sie macht deutlich, dass sich Ultraschall heute kaum noch als Handwerkszeug der Primärversorgerin Hebamme wegdenken lässt. Zugleich mahnt sie angesichts gesellschaftlicher Veränderungen ein Umdenken im deutschen Gesundheitswesen an: Aufgaben müssten neu verteilt werden, denn angesichts einer alternden Gesellschaft und sinkender Zahl an Ärzt:innen entsteht mehr Betreuungsbedarf. Hebammen müssten deshalb drohenden Engpässen in der Schwangerenversorgung frühzeitig entgegenwirken. Bei der Deutschen Gesellschaft für Hebammenwissenschaft (DGHWi) hat sie vor kurzem die Sektion Ultraschall initiiert, mit dem Ziel diese Technik in der Hebammenarbeit zu etablieren.
Es gibt Vorbehalte, dass die Tastroutine leiden könnte, wenn Hebammen sich in bildgebenden Verfahren schulen. Ein Blick in die Geschichte zeigt, wie wiederkehrend solche Befürchtungen sind: 1827 warnte der Berliner Prof. Adam Elia Siebold davor, dass »Geburtshelfer über das Hörenwollen mit dem HT-Rohr nicht die Vervollkommnung des Tastsinns vergessen« sollten. Und als Hebammen die Technik erlernen wollten, hieß es gar, ihnen fehle die »ruhige Gemütsstimmung«, um die leisen Töne korrekt zu interpretieren. Heute ist es unvorstellbar, Frauen solche Kompetenzen abzusprechen.
Bereits 2011 ermunterte Prof. Dr. Christoph Brezinka von der Uniklinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe in Innsbruck, Hebammen in einem Beitrag in Die Hebamme, sich diese Technik nicht vorenthalten zu lassen – ein Aufruf, der heute aktueller ist denn je.
