Dr. Angelica Ensel, Hebamme, Dozentin und langjährige Redakteurin der DHZ: »Sind wir bereit, anzuerkennen, dass es völlig unterschiedliche Versionen der Wirklichkeit gibt?« Foto: © privat
Es ist wohl eine der schwierigsten Herausforderungen im menschlichen Miteinander: der ehrliche Austausch. Er fordert uns immer wieder neu heraus – besonders in nahen Beziehungen wie Partnerschaften und Freundschaften, aber ebenso im Arbeitsleben und in hierarchischen Strukturen. Sind wir bereit, die Wahrheit des Gegenübers zu hören, selbst dann, wenn wir uns vor den Kopf gestoßen, verärgert und verletzt fühlen? Sind wir bereit, anzuerkennen, dass es völlig unterschiedliche Versionen der Wirklichkeit gibt – geprägt von der individuellen Biografie, Lebenssituation und jeweiligen Aufgaben? Und gelingt es uns, diese Perspektiven zunächst zu akzeptieren, ohne ihnen unsere eigenen Bewertungen sofort entgegenzusetzen?
Die eigene Perspektive in Frage zu stellen, setzt Souveränität voraus. Es bedeutet, sich der eigenen Gefühle, Haltungen und Werte bewusst zu sein und gleichzeitig beweglich zu bleiben. Es braucht Offenheit und Mut, sich selbst zu reflektieren, auf den anderen zuzugehen und sich – bereit zuzuhören – auf das Gegenüber und dessen Sichtweise einzulassen. Sich auf diesen Perspektivwechsel einzulassen, bedeutet die eigene Verletzlichkeit anzuerkennen, sagt der Medizinethiker Giovanni Maio, der eine »Ethik der Verletzlichkeit« postuliert. Als Menschen sind wir darauf angewiesen, gesehen, gehört und verstanden zu werden – Bedingungen, die wir nicht selbst herstellen können.
Aus dieser Grundbedingung ergibt sich, so Maio, Verantwortlichkeit als Grundstruktur menschlicher Existenz: unsere Fähigkeit zur Empathie und zur Sorge füreinander. Sie äußert sich vor allem darin, einander zuzuhören und die andere Person in ihrem Entwicklungspotenzial zu sehen – in einer Haltung der neugierigen Offenheit, die fragt: »Wer bist Du?«, so Maio. Die Verletzlichkeit im anderen zu erkennen, bedeutet zugleich, ihn als ein Wesen zu sehen, das durch mich verletzt werden kann. Genau hier liegt ein zentrales Thema der Hebammenarbeit – sowohl im Umgang mit den Anvertrauten als auch in der Beziehungsgestaltung im(interdisziplinären)Team.
Sich für die Perspektive des anderen zu öffnen, heißt nicht, eigene Haltungen und Werte aufzugeben, sondern das eigene Denken zu erweitern und zu bereichern. Indem wir Multiperspektivität erleben und zulassen, können wir auch komplexe Probleme lösen. Dies wiederum stärkt unsere Selbstwirksamkeit und wirkt sich positiv auf die Gesundheit aus. Perspektivwechsel zu üben ist eine lebenslange Aufgabe und Herausforderung. Doch: Sie ist unabdingbar, wenn wir uns als Menschen begegnen wollen, um Konflikte, Streit, Krisen und Kriege zu überwinden. Nehmen wir diese Herausforderung an – als Chance und Ressource, um unsere Welt nachhaltig friedlicher und menschlicher zu gestalten!
