Hella Wiese, Hebamme, Pflege - wissenschaftlerin und freie Redakteurin der DHZ: »Die Bagatellisierung des Kaiserschnitts führt zur Bagatellisierung des Wochenbettes nach einem Kaiserschnitt.«
Nach mehr als zehnjähriger Pause bin ich seit knappen zwei Jahren wieder regelmäßig in der ambulanten Wochenbettbegleitung unterwegs. Dabei habe ich ein Lehrstück erhalten, das eindrücklich zeigt, wie schnell sich Dinge verändern können – und wie konstant zugleich Grundregeln bleiben. Eine Grundregel des Wochenbettes ist, dass es viel Ruhe und liebevolle Zuwendung im Umgang mit Mutter und Kind und deren Familien braucht, um Ermutigung und Zuversicht für ein gemeinsames Leben vermitteln zu können. Schnell verändert hat sich die Verweildauer nach einem Kaiserschnitt in der Klinik. Folglich hat sich der Anspruch an mich als Hebamme bei der Begleitung des Wochenbettes nach einem Kaiserschnitt verändert.
In der ersten Woche haben die Wöchnerinnen mit Schmerzproblematiken zu tun, die womöglich noch eine medikamentöse Therapie erfordern. Was ist bei Schmerzen nach Sectio üblich und ab wann sollte ich aufmerksam werden? Welche Nähte sind resorbierbar und welche nicht? Wie ist eigentlich der Wundverband zu beurteilen? Und der Stillbeginn: Was ist besonders und wie kann sinnvolle Hilfe aussehen? Ist die Gewichtsentwicklung des Kindes nach Kaiserschnitt dieselbe wie nach einer Spontangeburt? Nicht zuletzt: Was sollten Frauen über ein Leben nach dem Kaiserschnitt wissen?
Schon die Auseinandersetzung mit dem Wochenbett nach Spontangeburt hat gezeigt, dass diese Zeit generell eine sehr unterschätzte und wenig beachtete Lebensphase von Frauen und Neugeborenen ist. Das zeigt sich sowohl im gesellschaftlichen Kontext als auch in der Ausbildung von Hebammen und Ärzt:innen.
Kürzlich war ich auf einer Tagung der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe, auf der aktuelle Leitlinien und Studien vorgestellt und diskutiert wurden. Ein Vortrag hat bei mir einen besonderen Eindruck hinterlassen: Es ging um das Phänomen des Wunschkaiserschnitts und ich hörte die Referentin unwidersprochen sagen: »Frauen dürfen nicht zur Spontangeburt gezwungen werden.« Nachdem ich durch meine eigene Praxis und durch die redaktionelle Arbeit an dem Titelthema für dieses Heft viel über die Besonderheiten und möglichen Schwierigkeiten des Wochenbettes nach einem Kaiserschnitt gelernt habe, erscheint mir dieses Statement ahnungslos.
Jede Hebamme weiß, dass der Geburtsverlauf den Verlauf des Wochenbettes bestimmt. Es sollte alles darangesetzt werden, Frauen zu befähigen und zu ermächtigen, ihre Kinder mit einer Spontangeburt auf die Welt zu bringen. Also müsste es heißen: »Frauen dürfen nicht aus einer mangelhaften Versorgungssituation heraus und der daraus resultierenden Angst vor Schmerzen und Vereinsamung unter der Geburt in den Wunsch zu einem Kaiserschnitt getrieben werden.«
Die Bagatellisierung des Kaiserschnitts führt zur Bagatellisierung des Wochenbettes nach einem Kaiserschnitt. Dies birgt die Gefahr, diese sensible Lebensphase von Frauen und Neugeborenen unnötig zu erschweren. Wenden wir uns also dem Wochenbett nach Kaiserschnitt zu, um der Frauen, ihrer Kinder und Familien und nicht zuletzt um unserer selbst willen.

