Birgit Heimbach, Hebamme und seit 25 Jahren Redakteurin der DHZ: »Medizinische Versorgung kann Nähe nicht ersetzen.«

Wer in den 1950er-Jahren längere Zeit im Säuglingsheim aufwuchs, hat eine deutlich kürzere Lebenserwartung als die Allgemeinbevölkerung, wie eine aktuelle Zürcher Langzeitstudie zeigt. Mit 60 Jahren hatten ehemalige Heimkinder ein um 48 % höheres Sterberisiko als die Kontrollgruppe und ihre Lebenserwartung war um etwa zwölf Jahre verkürzt. Der Grund: Die Kinder waren zwar körperlich und medizinisch gut versorgt worden, es mangelte jedoch an verlässlicher Zuwendung und stimulierenden frühen Erfahrungen. Forschende des Schweizer Marie Meierhofer Institutes für das Kind (MMI), das mit dem Universitäts-Kinderspital Zürich assoziiert ist, haben dafür die Daten von rund 800 Personen analysiert.

Bereits die Kinderärztin Marie Meierhofer, die um 1960 über 400 Säuglinge in Zürcher Heimen untersucht hatte, beschrieb schwere Entwicklungsdefizite nach früher Heimunterbringung. Ergebnisse wie diese sind eigentlich seit Langem bekannt: Medizinische Versorgung kann Nähe nicht ersetzen. Dennoch mussten bis vor wenigen Jahren Kinder, die nach der Geburt mitunter monatelang auf einer neonatologischen Intensivstation verbrachten, weitgehend ohne elterliche Fürsorge auskommen. Lange Zeit ging man davon aus, darauf verzichten zu können. Das ändert sich nun.

Soeben fand die Jahrestagung der Gesellschaft für Neonatologie und Pädiatrische Intensivmedizin (GNPI) statt und viele Vorträge widmeten sich der Beteiligung der Eltern an der Betreuung ihrer Kinder, etwa: »Was wissen wir über die Gesundheit und Bedarfe von Eltern Frühgeborener«, »Väter in der Neonatologie« und »Eltern in Forschung und Leitlinienmitwirkung«. Es gibt Kliniken im deutschsprachigen Raum, die durch aufwendige Um- und Neubauten auch räumlich eine durchgehende Präsenz der Eltern sowie ihre Einbindung in die Pflege ihrer Kindern ermöglichen. Dazu zählt etwa die im Juli eröffnete Neonatologie am Inselspital Bern und die im August eröffnete Neonatologie des Uniklinikums Tübingen. Dort stellen Eltern ihre Kinder bei der Visite den Ärzt:innen vor und besprechen gemeinsam mit ihnen die Behandlung – ein Konzept, das wissenschaftlich begleitet wird. Derzeit wird zudem am Ortenau Klinikum Offenburg-Kehl eine neue Neonatologie gebaut, die 2030 eröffnet werden soll. Ein erfreulicher Trend, dessen Ursprung in Skandinavien liegt.

Zu bedauern ist dagegen, dass es keine spezialisierte Ausbildung für Kinderkrankenpfleger:innen mehr gibt, sondern nur noch eine generalistische Pflegeausbildung für jedes Alter mit späterer Spezialisierung. Fachleute warnen, dass die besonderen Bedürfnisse von Kindern dabei zu kurz kommen und die Versorgungsqualität leiden könnten. Zudem könnte der Beruf an Attraktivität verlieren, weil die gezielte Ausrichtung auf die Pflege von Kindern in der Ausbildung weniger sichtbar wird. Ein Fachkräftemangel wird befürchtet. Dies werden die künftig stärker eingebunden Eltern wohl kaum ausgleichen können.

Zitiervorlage
Heimbach, B. (2026). Kinderkrankenschwestern gehen, Eltern kommen. Deutsche Hebammen Zeitschrift, 78 (9), 1.