Katja Baumgarten, Hebamme und seit über 25 Jahren Redakteurin der DHZ: »Warum fehlt Deutschland dieser Sinn für die Zukunft?« Foto: © Christian Iseli

Zwei Hebammenkundgebungen innerhalb von drei Tagen haben mich in ihrem Zusammenklang nachdenklich gestimmt. Am 10. Juni hatte der Deutsche Hebammenverband (DHV) zu einer Kundgebung vor dem Tagungsort der Gesundheitsministerkonferenz in Hannover aufgerufen. Die Vorsitzenden aller Hebammenlandesverbände und zahlreiche Kolleginnen waren angereist, um gegen die schlechte Bezahlung der freiberuflichen Hebammen zu protestieren. Der neue Hebammenhilfevertrag biete für viele Kolleg:innen keinen ausreichenden Inflations­aus­gleich, Beleghebammen-Teams hätten sogar mit Honorareinbußen von bis zu 30 % zu kämpfen. Fünf Gesundheitsminister:innen traten ans Mikrofon und hoben die Bedeutung der Hebammenarbeit hervor. »Wir wollen kein Lob – sondern echte Verbesserungen!«, riefen die Hebammen. Nordrhein-Westfalens Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) entgegnete freundlich-jovial, nicht die Politik, sondern die Krankenkassen seien für die Honorare zuständig. Die Minister:innen dürften sich in die Verhandlungen nicht einmischen. Er empfahl den Hebammen, gegenüber dem GKV-SV geeint aufzutreten – wie Gewerkschaften: Je geschlossener, desto kraftvoller.

Drei Tage später erlebte ich in Portugal eine eindrucksvolle Kundgebung ganz anderer Art: Zum Auftakt des 34. Internationalen Hebammenkongresses (ICM) in Lissabon demonstrierten am 13. Juni über 1.000 Hebammen aus allen Kontinenten, um auf ihr Kongressmotto »One Million More Midwives« aufmerksam zu machen. Der ICM forderte Regierungen und Gesundheitsverantwortliche weltweit auf, den Hebammenbestand zu vergrößern: In Hebammen zu investieren bedeute, in Frauengesundheit zu investieren. Die Datenlage sei eindeutig: Mit mindestens 900.000 zusätzlichen Hebammen könnten jährlich rund zwei Drittel der Mütter- und Neugeborenensterblichkeit sowie der Totgeburten verhindert werden – bis 2035 wären das bis zu 4,3 Millionen gerettete Menschenleben pro Jahr.

Besonders beeindruckt hat mich ein innovatives Beispiel aus Bangladesch. Regierungssonderberater Dr. Ziauddin Hyder schilderte in seiner ICM-Eröffnungs­rede die Vision von Premierminister Tarique Rahman: Das Gesundheitssystem solle von einem eher behandlungsorientierten zu einem prä­ventions­orientierten Modell umgebaut werden – mit Mütter- und Neugeborenengesund­heit sowie gemeindenaher Versorgung im Mittelpunkt. Konkret plane die Regierung, in den nächsten drei bis fünf Jahren 25.000 Hebammen einzustellen. Ein Dollar in die Prävention investiert, spare neun Dollar an Folgekosten.

Warum fehlt Deutschland dieser Sinn für die Zukunft? Ein Land, das sich für hoch entwickelt hält, tut sich schwer damit, Frauen- und Kindergesundheit konsequent ins Zentrum seiner Aufmerksamkeit zu stellen. Während Bangladesch eine nationale Investitionsoffensive startet, müssen viele Hebammen hierzulande um ihre Existenz kämpfen, statt dass ihr Potenzial in der Primärversorgung anerkannt wird. Die Politik setzt unbeirrt auf einen harten Sparkurs im Gesundheitssystem.

Zitiervorlage
Baumgarten, K. (2026). In Frauengesundheit investieren. Deutsche Hebammen Zeitschrift, 78 (7/8), 1.