Wie geht es den Hebammen in der Klinik? In einer Zeit, in der Wirtschaftlichkeit die erste Prämisse in unserem Gesundheitssystem ist, der sich alles unterzuordnen hat, kann diese Antwort nicht positiv ausfallen. Tatsächlich arbeiten Hebammen in deutschen Kliniken unter extrem belastenden Bedingungen. Eine ungeheure Arbeitsdichte, ein riesiger Dokumentationsaufwand, eine Fülle von berufsfremden Aufgaben und extreme Personalknappheit führen dazu, dass viele Kolleginnen im alltäglichen Spagat zwischen ihrem Berufsethos und den Zwängen des jeweiligen Kliniksystems hart am Limit arbeiten. Die Tatsache, dass es ihnen dabei immer weniger möglich ist, die erste und wichtigste ihrer Aufgaben wahrzunehmen – an der Seite der Frau zu sein und wenn es nötig ist, bei ihr zu bleiben – führt nicht nur dazu, dass immer weniger Frauen eine spontane Geburt erleben. Auch die Gesundheit der Hebammen ist in Gefahr. Kolleginnen, die über Jahre und unter solch ungeheurem Druck arbeiten und dabei auch noch Angst um ihren Arbeitsplatz haben müssen, können immer weniger das Glück einer gelungenen Geburtsbegleitung erleben. Sie brennen aus.
Die Hebamme als Ressource ist dann nicht mehr verfügbar. Hebammenkompetenz hat mit Erfahrung, Intuition und In-Beziehung-sein zu tun. In permanenter Überforderung kann dies nicht mehr funktionieren. Die Hebamme kann nicht mehr mit allen Sinnen in Achtsamkeit und Präsenz bei der Frau zu sein. Die Kollegin, welche die Funktion dieses zentralen Instrumentariums in dieser Ausgabe beschreibt, möchte anonym bleiben, weil sie Schwierigkeiten von Seiten ihrer Geschäftsführung befürchten muss. Umso mehr freue ich mich über alle Artikel, in denen die Kolleginnen über ihren Alltag sprechen und möchte mich an dieser Stelle ganz herzlich dafür bedanken.
Vielen Kolleginnen steht das Wasser bis zum Hals. Es ist höchste Zeit zu handeln! Dafür brauchen wir gute und kreative Ideen, wie die der normalen Geburt als Weltkulturerbe, die der Deutsche Hebammenverband derzeit plant. Neben Verbandspolitik geht es um die Solidarität der geburtshilflichen Teams in den Kliniken und darum, Frauen und werdende Eltern mit ins Boot zu holen. Auch gemeinsame Aktionen mit anderen Berufsgruppen unter dem Dach von ver.di sind notwendig. Hebammen müssen laut werden und dafür können sie nicht allein bleiben. Wichtiger denn je ist es deshalb, am 5. Mai, dem Internationalen Tag der Hebammen, durch Aktionen und Gespräche Politikerinnen und Eltern auf die Situation in den Kliniken aufmerksam zu machen. Gerade in Zeiten von Krisen und knappen Ressourcen ist es wichtig, über Werte zu sprechen. Wir wissen, dass eine gelungene Geburt eine Kraftquelle für das ganze Leben einer Frau sein kann. Und gleichzeitig ist sie die Basis für die Arbeitszufriedenheit der Hebamme. Denn: Die Kompetenzen der Frauen sind die Kompetenzen der Hebammen. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen Energie, Ausdauer und Kreativität im Einsatz für die notwendigen Veränderungen!
