Für mich hat sich nichts geändert. Als vor fast 30 Jahren mein erster Sohn zur Welt kam, gab es Bonding und Bedding-in satt. Das wurde damals wegen seiner Selbstverständlichkeit gar nicht so benannt. Vor ein paar Tagen hatte ich das Glück, noch einmal Vater einer Tochter zu werden. Auch diesmal wurde nach allen Regeln der Kunst gebondet.

Aber was hat meine Situation mit der Realität in deutschen Kliniken zu tun? Ich halte es für eine der erfreulichsten Entwicklungen in deutschen Kreißsälen, dass Kinder nicht mehr mit Popoklatsch ins Kinderzimmer, in die Badewanne oder auf den Bauch ihrer Mutter verfrachtet werden. Aber der Zwang zur Effizienz und Effektivitätssteigerung führt auch in einem der schönsten Augenblicke des Lebens dazu, dass das ungestörte Bondingprogramm Opfer der Klinikroutine wird. Obwohl sich diese Routine – so wirklich nötig – auch problemlos nebenbei erledigen lässt. Man will seinen Kreißsaal möglichst schnell aufgeräumt wissen, die Plazenta in der Schüssel und den Damm genäht. Ungestörtes Bonding über mindestens eine Stunde, wie eigentlich auch wissenschaftlich gefordert, ist keine Selbstverständlichkeit. Warum eigentlich? Jede Frau bleibt ohnehin mindestens zwei Stunden in Überwachung im Kreißsaal. Organisatorisch wäre es überhaupt kein Problem, in aller Ruhe das Bonding zuzulassen. Alles lässt sich auch mit nacktem Kind auf dem Bauch oder am Busen erledigen. Auch beim Kaiserschnitt. Und das ohne jede Einschränkung der Sicherheit!

Für unser archaisches und biopsychosozial sinnvolles Empfinden für den richtigen Umgang mit unseren Kindern in der ersten Lebenszeit brauchen wir offenbar, wie schon für das Stillen, den ultimativen wissenschaftlichen Beweis. Erst dann ist der Boden für eine entsprechende Leitlinie gesät. Erst dann wird es vielleicht nicht nur eine Apgar-, sondern auch eine Bondinguhr im Kreißsaal geben, welche respektiert wird und unnötige Routine und Organisation erst nach dem Klingelzeichen zulässt.

In der Diskussion um das richtige Bonding wird auch die alternative oder ergänzende Einbindung der Väter diskutiert. Sind sie gleichwertig im Bondingprozess und können mütterliche Kompetenzen ersetzen? Aus sozialpsychologischer Sicht mag das so sein. Wichtig für das Neugeborene ist eine wie auch immer geartete Bezugsperson. Jeder kann wahrscheinlich das Urvertrauen in menschliche Sozialgefüge vermitteln.

Ich bin trotzdem aus eigener Erfahrung eher demütig und zurückhaltend. Bonding triggert auch das Stillen und das ist nun mal eine Aufgabe der Mutter. Und die Liebe zur Mutter wird wohl immer die Mutter aller Lieben bleiben. Da trete ich gerne erst einmal ins zweite Glied, bewundere das Wunder und bin zur rechten Zeit der hinreichend gute Vater, mit einer anderen, auch einer besonderen Bindung. Die Wege dorthin sind nur anders und nicht das Gebot der ersten Stunde. Diese gehört Mutter und Kind – und sonst niemandem!