Hella Wiese, Hebamme, Pflegewissenschaftlerin und freie Redakteurin der DHZ: »Ist es egal, ob Wissen innerhalb eines Geburtshauses oder unter dem Dach einer medizinischen Fakultät vermittelt wird?«
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Drei Zielgruppen fallen mir auf Anhieb ein, denen die Hebamme Wissen vermittelt: Frauen und Paare, Studierende der Hebammenkunde und Kolleginnen im Rahmen der Weiterbildung. Erst mit dem zweiten Blick werden andere Perspektiven für mich sichtbar.
Zum Beispiel der von den Studierenden und jungen Hebammen auf die »Alten«. Welche Anregungen können wir von unseren jüngsten Kolleginnen bekommen? Was können sie uns vermitteln? Ich gebe zu, ich bin überrascht worden von einer selbstbewussten und kritischen Sichtweise, die ich mir selbst über Jahrzehnte erarbeiten musste. So können wir uns im Einstiegsbeitrag im Schwerpunktthema dieser Ausgabe von einer jungen Kollegin fragen lassen, was es heißt, wenn Hebammen im gesellschaftspolitischen und medizinischen Diskurs um Fragen der Reproduktionsmedizin die Stimme nicht erheben. Es macht mir Hoffnung, dass heute schon junge Hebammen diese Fragen stellen können. Ich habe mich kurz nach meinem Examen noch mit Sinn und Unsinn der Augenprophylaxe nach Credé herumgeschlagen und galt als Außenseiterin, weil ich das Auspulsieren der Nabelschnur abgewartet hatte. Eine Sensibilität für gesellschaftliche Debatten zu entwickeln und diese einzuordnen, wurde erst im Studium der Pflegewissenschaft vor etwa zehn Jahren gefördert.
Andere Aspekte der Wissensvermittlung, die mir erst beim zweiten Hinschauen deutlich wurden und entscheidende Fragen aufwerfen, sind: Welchen Einfluss hat der äußere Rahmen der Wissensvermittlung, wie beispielsweise eine medizinische Fakultät, auf den Denkstil und damit auf das Selbstverständnis der Hebammen, die in diesem Umfeld ausgebildet werden? Ist es egal, ob Wissen innerhalb eines Geburtshauses oder unter dem Dach einer medizinischen Fakultät vermittelt wird? Und welchen Stellenwert hat das Erfahrungswissen des Berufsstandes und der einzelnen Hebamme in Zeiten der akademisierten Ausbildung? Welches Wissen jenseits des schulmedizinisch-geburtshilflichen ist für Hebammen relevant und wie wird es vermittelt?
Während der Ausbildung wird zunächst geburtshilfliches Wissen im Sinne von Handwerk und Wissenschaft weitergegeben. Dabei bleibt die Vermittlung von Wissen darüber, wie die Beziehung zu den Frauen und ihren Familien angebahnt und gestaltet wird, eher dem Zufall überlassen oder ganz auf der Strecke. Welchen Stellenwert hat dabei beispielsweise die Achtsamkeit im Handeln von Hebammen und kann eine solche Haltung schon im Studium vermittelt werden?
Hebammen haben keine Alleinherrschaft über das Wissen rund um die Geburt. Dessen sollten wir uns immer wieder bewusst werden, um unsere Kanäle offenzuhalten für das, was wir von unserem Nachwuchs, den Frauen und Familien und unseren Kolleginnen lernen können.

