In den 1990er Jahren brachen feministische Hebammen wie Jule Friedrich und Anja Erfmann mit einem Tabu. Sie schrieben in Fachzeitungen beziehungsweise in ihrer Diplomarbeit über Gewalterfahrungen von Mädchen und Frauen und deren Folgen, als es unter den meisten Hebammen weder ein Bewusstsein noch eine Sprache dafür gab. Eine Fachgruppe beschäftigte sich inzwischen elf Jahre lang damit und schrieb die Empfehlungen des Deutschen Hebammenverbandes (DHV), die hoffentlich in diesem Jahr noch vom Präsidium verabschiedet werden.

Die ersten Reaktionen der Kolleginnen auf die Themen Gewalt und Trauma waren eher zurückhaltend bis ablehnend. Viele Hebammen hatten die Sorge, sich nun um „noch mehr Probleme” kümmern zu müssen. Manche jedoch ahnten bereits, dass sie ohnehin ständig damit zu tun hatten und dass mehr Wissen darüber die Sache vielleicht einfacher machen könnte. Andere – besonders vermutlich diejenigen, die selbst betroffen waren oder Freundinnen und Verwandte hatten, die unter den Folgen von Gewalt zu leiden hatten – waren froh und erleichtert, dass „es“ endlich Thema wurde. In weniger als 15 Jahren gingen Begriffe wie „Trauma“, „Überlebende von Gewalt“ und „Flashback“ in den Wortschatz und in das Bewusstsein vieler Hebammen über.

Nachdem ich mich über 20 Jahre mit Gewalt gegen Frauen und daraus resultierenden Traumata beschäftigt habe, wurde mein Blick eher milder. Meine Wut auf die Täter hat einem großen Mitgefühl für die Betroffenen Platz gemacht. Meine wachsende Reife hat mich mehr Geduld und mehr Distanz gelehrt. Nicht zu den betroffenen Frauen, sondern zu den Traumata selbst. Was passiert war, wurde uninteressanter – es ging mehr darum zu schauen, wo überhaupt Beeinträchtigungen waren, wie wir damit in der Betreuung gut und achtsam umgehen können. Ich begann zu fragen: „Was könnte dir helfen?“, „Was kann ich tun, um dich zu unterstützen?“ Diese Herangehensweise verhilft den Betroffenen zu mehr Kontrolle und Selbstbestimmung und entlastet die Betreuenden.

Angesichts der sehr hohen Prävalenz ist mir bewusst geworden, dass traumatische Erfahrungen beinahe schon zu menschlichem Leben dazu gehören, und dass nicht alle betroffenen Menschen davon zerstört oder dauerhaft krank werden. Spuren hinterlassen sie allemal, doch viele Überlebende haben auch Stärken daraus entwickelt. Und der größte Teil findet dennoch zu einem glücklichen und erfüllten Leben. Wenn ich heute Fortbildungen zu dem Thema gebe, ist es mir wichtig, dass Hebammen die Verletzbarkeit, aber auch die Stärken sehen – mehr als das Furchtbare, was passiert ist. Und dass wir weniger über betroffene Frauen sprechen, sondern mehr mit ihnen.

Das größte Hindernis bei der Umsetzung traumasensibler Hebammenbegleitung ist in den Strukturen vieler Kliniken zu sehen: Sie sind durch Zeitdruck, Hierarchien und Routine geprägt, die wenig Spielraum lassen für eine individuelle und achtsame Begleitung. Eine Eins-zu-eins-Betreuung wird systematisch abgebaut zugunsten lukrativerer Personalschlüssel. Der steigende bürokratische Aufwand tut sein Übriges.

Die Zeit rund um die Geburt eines Kindes ist eine besondere Lebensphase, die sich tief in das biografische Gedächtnis eingräbt. Sie bietet auch besondere Chancen, heilsame Erfahrungen zu machen. Deshalb kann die achtsame Begleitung von Frauen, die Gewalt erfahren haben, eine ausgesprochen dankbare und erfüllende Aufgabe für Hebammen sein. Vieles, was uns betroffene Frauen über Achtsamkeit und Respekt lehren können, dürfte auch für die Geburtshilfe allgemein eine große Bereicherung sein.