Etwa 30 Prozent aller Kinder werden in Deutschland per Kaiserschnitt geboren. Eine Zahl, die uns umtreibt und vor viele Fragen stellt. Eine Kultur der Angst hat sich um das Schwangergehen und Gebären entwickelt und dazu geführt, dass ein im Notfall so segensreicher Eingriff zunehmend als Alternative zu einer normalen Geburt gehandelt wird. Der schnelle Schnitt hat einen hohen Preis: die Not der Frauen, die unter den Folgen eines unerwünschten Kaiserschnittes an Leib und Seele leiden, immer mehr Kinder mit Anpassungs-, Entwicklungs- und Beziehungsstörungen und eine Gesellschaft, in der immer weniger geboren wird. Nicht zuletzt wird die erste Aufgabe unseres Berufsstandes zunehmend in Frage gestellt.
Als Hüterinnen und Wächterinnen des Gebärens sind wir aufgefordert, hier nicht tatenlos und resigniert zuzuschauen, sondern zuerst einmal auf die Frauen zu sehen und sie zu hören. Mit ihrem eindruckvollen Buch „Der Kaiserschnitt hat kein Gesicht“ hat Dr. Caroline Oblasser gemeinsam mit vielen betroffenen Frauen und Expertinnen diesem Thema nun eine beachtliche Stimme gegeben. „Die Frauen müssen aufwachen und die Hebammen müssen zeigen, dass sie da sind und was sie können.“ sagt Oblasser. Als Expertinnen sind wir aufgerufen, unser Wissen und unsere Erfahrungen öffentlich zu machen – sowohl in den Medien als auch in allen unseren Arbeitsfeldern wie zum Beispiel im Geburtsvorbereitungskurs. Wenn jede dritte Schwangere das „Risiko“ einer Sectio hat, müssen wir dieser Tatsache Rechnung tragen und entsprechend umfassend informieren und aufklären – nicht nur über die Risiken und Konsequenzen der Operation, sondern auch über die geburtshilflichen Maßnahmen, die das Risiko dafür erhöhen. So können wir Frauen nicht nur die großen Benefits einer normalen Geburt nahe bringen, sondern auch der großen Gefahr, durch den Kaiserschnitt traumatisiert zu werden, entgegen wirken.
Die GEK-Kaiserschnittstudie und die BZgA-Studie zur Pränatalen Diagnostik haben gezeigt, welchen großen Einfluss ÄrztInnen auf die Entscheidung der Frauen haben. Dem Kaiserschnitttrend entgegen wirken, heißt auch, die Frauen dort abzuholen, wo sie sind, und von Anfang an da zu sein, um sie zu stärken. Denn Frauen, die in der Schwangerschaft gelernt haben, mit ihren Ängsten umzugehen und eigene Entscheidungen zu treffen, haben eine viel größere Chance auf eine normale Geburt. Doch auch das wird nicht reichen, wenn wir es nicht schaffen, den Frauen die Bedingungen zur Verfügung zu stellen, die ein Gebären ohne Angst braucht, allem voran unsere bedingungslose Begleitung, der sie sich sicher sein können. Das wiederum erfordert einen Paradigmenwechsel und Wertewandel, den wir nur gemeinsam mit den Frauen und ihren Partnern erreichen werden. Eine gelungene Spontangeburt ist eine unglaublich große Ressource, für eine Frau, ihre Familie und das Leben mit einem Neugeborenen – letztlich für unsere Gesellschaft. Es ist unsere Aufgabe, diese Botschaft laut in die Welt zu tragen!
