2011 starteten wir einen Crowdfunding-Aufruf, mit der wahnwitzigen Idee, auf diese Weise einen Film über die Geburt – oder besser gesagt über das Gebären – zu finanzieren. Wir wollten in diesem Film die Stimmen der Frauen zu „ihrer Geburt“ einfangen – von hoch begeistert und berührt bis hin zu tief verletzt. Genau ein Jahr später konnten wir den fertigen Film „Ozean der Emotionen – Geburtsmomente“ auf dem 1. DHZCongress vorstellen und uns über die starken spontanen Reaktionen freuen. Noch heute sind wir absolut sprachlos darüber, wie viele Menschen das Projekt unterstützt haben, als der Film noch kaum mehr war als der dringliche Wunsch, diesem Thema eine öffentliche und vor allem authentische Plattform zu bieten. Denn unsere Gesellschaft sieht die Geburt größtenteils als notwendiges Übel an: schmerzhaft, eklig, schambehaftet. Wenn wir das Kind einfach aus dem Bauch „herausbeamen“ könnten, wir würden es tun.
Dabei ist die Geburt des eigenen Kindes etwas, das nur die wenigsten Mütter freiwillig missen wollten. Denn Gebären ist viel mehr als der Weg zum Ziel. Es ist ein einmaliges und überwältigendes Erlebnis, das Frauen die Chance gibt, sich selbst und ihrer inneren Stärke bewusst zu werden. Und im Glück, das Kind im Arm zu halten, liegt nicht nur die Freude über das Kind an sich, sondern auch über sich selbst, dieses Gefühl: „Ich habe es geschafft. Ich habe dieses Kind zur Welt gebracht und ich kann alles schaffen.“
„Ich hätte Bäume ausreißen können“, strahlt Frauke noch 27 Jahre nach der Geburt ihres Sohnes mit leuchtenden Augen. „Ich fand es ein unbeschreiblich schönes Gefühl, einem Kind selbst das Leben schenken zu können“, erzählt auch Angela. „Bei meinem ersten Sohn habe ich es einfach nicht mitgekriegt.“ Durch die PDA hatte sie damals die Austreibungsphase nicht gespürt und konnte ihren Sohn nur mithilfe des Krankenhauspersonals zur Welt bringen. „Ich habe ihn nicht selbst entbunden, er wurde mir entbunden.“ An dem Gefühl versagt zu haben, hat die frischgebackene Mutter noch lange zu knabbern. Und damit ist sie kein Einzelfall. Die Kaiserschnittstelle Hannover erläutert: „Es ist sehr vielfältig, was an Problemen für Frauen auftritt. Und darüber spricht eigentlich kein Mensch. Die Frauen werden mit diesem Thema sehr alleingelassen.“ Wie groß der Gesprächsbedarf ist, haben wir bei unseren Recherchen sowie den Dreharbeiten immer wieder gemerkt. Auch die Reaktionen, die wir seit Veröffentlichung des Filmes erhalten haben, zeigen, wie wichtig es ist, dieser Seite des Geburtserlebnisses eine öffentliche Plattform zu bieten.
Jede Frau ist anders: Die eine braucht die absolute medizinische Sicherheit im Krankenhaus, um loslassen zu können, die andere vor allem die Unterstützung einer Hebamme, der sie vertraut. Die nächste möchte am liebsten in Ruhe gelassen werden. Doch sie alle müssen darauf vertrauen können, dass die Menschen um sie herum auf ganzer Linie in ihrem Interesse handeln, dass es dabei um sie geht, um ihre Geburt, die für sie die eine Geburt ist und die sogar die Beziehung zwischen Mutter und Kind nachhaltig prägen kann.
Diese Art der Betreuung ist nicht planbar, sie ist zeitintensiv und somit auch nicht billig. Doch wenn das Erlebnis der Geburt das Selbstverständnis der Mutter sowie die Mutter-Kind-Bindung beeinflussen kann und genau diese Faktoren doch so eine wichtige Grundlage für das gesamte weitere Leben darstellen: Wie können wir es uns dann leisten, daran zu sparen?
