,Ohne das Beisein von Hebammen und die Akzeptanz ihrer wichtigen Rolle wird die Geburtshilfe aggressiv, technologisch und unmenschlich.‘ So lautet ein Zitat des kürzlich verstorbenen Professors Gerrit-Jan Kloosterman, der in der Abteilung für Geburtshilfe und Frauenheilkunde der Universitätsklinik Amsterdam wirkte.

Alles muss im Gleichgewicht sein. Um gute Geburtshilfe zu leisten, brauchen wir Hebammen und ÄrztInnen. Die Herausforderung des 21.  Jahrhunderts ist es, diese zwei Professionen in eine angemessene Balance zu bringen, um damit die bestmögliche Geburtsbetreuung für Frauen und ihre Kinder zu gewährleisten. In vielen Ländern – so auch in Deutschland – beobachte ich, wie die Hebammen dabei an Boden verlieren; das bedeutet, dass der pathologische Pegel an Geburtsangst bei Frauen im fruchtbaren Alter stetig ansteigt.

Das Gleichgewicht wiederherzustellen, wird dieses Mal nicht so einfach sein wie in den 1980er Jahren. Damals hatten die FrauenärztInnen versucht, die Hinzuziehungspflicht abzuschaffen. Es hat mich damals in-spiriert zu sehen, wie die deutschen Hebammen sich vereinigten, um diese Herausforderung zu meistern, und zu erkennen, dass die Wahlmöglichkeiten zur Geburt für die Frauen eher mehr als weniger wurden.

Jetzt aber ist die Versicherungsindustrie auf den Plan getreten und hat sich mit den Geburtshelfern zusammengetan. Diese hatten schon vorher versucht, die Hausgeburtshilfe, Geburtshäuser und freie Hebammen loszuwerden. Die Situation in Deutschland ähnelt der Lage in Frankreich und Australien, obwohl sich auch dort eine große Zahl von Frauen am besten in der außerklinischen Geburtshilfe mit freiberuflichen Hebammen aufgehoben fühlt, wenn es darum geht, unnötige Interventionen zu vermeiden. In allen drei Ländern haben die Versicherungen die Beiträge für Hebammen in der außerklinischen Geburtshilfe so astronomisch hoch gesetzt, dass mehr und mehr Kolleginnen ihren Beruf aufgeben müssen.

Inzwischen hat die heutige Generation der Mütter so viel Angst vor der Geburt wie nie zuvor. Noch nie war es so einfach, Frauen so zu manipulieren, dass sie sich schwerwiegende Operationen wünschen.

Als ich in Stockholm den „Alternativen Nobelpreis” 2011 entgegennahm, besuchte ich auch das Karolinska-Institut. Ich war erfreut zu hören, dass eine Sprechstunde eigens für Frauen mit extremer Geburtsangst eingerichtet wurde. In 80 Prozent der Fälle konnten Frauen dazu ermutigt werden, eine vaginale Geburt zu erleben. Hier hören Hebammen den Frauen zu und helfen ihnen, Vertrauen in ihren Körper und seine Fähigkeiten zu fassen. Finnlands „Tokophobie”-Sprechstunden bieten einen ähnlichen Service an, mit dessen Hilfe die Sectioraten unter 20 Prozent liegen.

Für Deutschland könnte ich mir vorstellen, dass Hebammen die notwendige Beratung und Geburtsvorbereitung in der Frühschwangerschaft leisten könnten, wenn die erste Untersuchung im Mutterpass in ihren Händen läge. So würden gesunde Frauen nicht verängstigt, weil sie zur ersten Vorsorge nicht zu einem Arzt gehen müssten, der Spezialist in einem operativen Fach ist. Viele Hebammen haben mir erzählt, dass sie nicht länger in einem System arbeiten möchten, in dem sie Frauen nicht ehrlich über die Risiken unnötiger Interventionen informieren können.

Wenn chirurgische und technologische Interventionen in der Geburtshilfe zur Norm statt zur Ausnahme werden, verliert die Profession der Hebammen ihre Existenzberechtigung; und die Geburtshilfe bewahrt und pflegt nicht länger das Wissen und Können, das einmal ihr Kern war. Außerklinische Geburtshilfe ist das Vitamin, das beiden Berufsgruppen helfen kann, ihre wesentlichen Kompetenzen zu retten.