Prof. Dr. Barbara Duden, Historikerin, bekannt durch ihre Veröffentlichungen zur „Geschichte des Frauenkörpers“: „Stillschweigend wird erwartet, dass Hebammen auf ihren abwartenden Beistand verzichten können. Denn dies wird zunehmend verunmöglicht. Aber ist es folglich überflüssig?“
Die EinwohnerInnen zweier Gebirgstäler im Berner Oberland wollen ein Geburtshaus gründen, um Schwangere, Gebärende und Mütter wohnortnah versorgen zu können. Eingaben, Versammlungen, Appelle und anhaltender Protest hatten dort die Schließung der Geburtsabteilung des regionalen Spitals nicht verhindern können. Jetzt soll die geburtshilfliche Grundversorgung in eigener Regie geleistet werden. Im Simmental und Saanenland, wo die Bauernhäuser verstreut zwischen den Hängen liegen und die Kühe noch mächtige Hörner tragen, sollen weiterhin Kinder auf die Welt kommen. Dafür setzen sich Hebammen und ansässige Ärztinnen, alte und junge Frauen, Ehemänner, Väter und lokale Verantwortliche ein. Sie bauen auf ihre Erfahrung mit der genossenschaftlichen Bewirtschaftung von Wasser, Strom und Gemeindeländereien. Diese Tradition soll nun durch ein genossenschaftliches Geburtshaus fortgesetzt werden.
Der Abbau wohnortnaher geburtshilflicher Versorgung geht in der Schweiz und in Deutschland dramatisch voran. Die Kräfte dahinter sind überall gleich: Eine Zentralisierung verheißt, dass Kosten gesenkt werden können, dass sich Fallzahlen maximieren lassen, dass die Tätigkeiten um die Geburt arbeitsteilig zerstückelt, Personal eingespart, kurzum, dass die abwartende, zeitintensive Geburtshilfe rationalisiert werden kann. Wenn in einer Klinik jährlich 2.000 Geburten „konventionell” betreut werden, braucht es 40 Hebammen. Werden die Geburten durch Schnittentbindung ersetzt, genügen vier.
Mich beschäftigt die produktive, zerstörerische Kraft der Massenlogik, die hier medizinisch verkleidet auftritt: Größere Fallzahlen würden demnach nicht nur die Effizienz der Geburtshilfe steigern, sondern auch die Qualitätssicherung. Dieses Versprechen lässt Handgriffe, Zeitbedarfe, Aufmerksamkeiten überflüssig erscheinen, die für die Klinik unrentabel sind. Rentabilität erscheint als Sicherheit und Expertise. Messbar effizient und rentabel ist nur das, was in Zusammenhang mit Ressourcen und abgrenzbaren Leistungen gebracht werden kann, wie eine PDA oder ein Kaiserschnitt. Unrentabel ist, was nicht als isolierte Maßnahme definier- und messbar ist. Eine derart rationalisierte Geburtshilfe wird zunehmend wie ein Fertigungsprozess konzipiert, bei dem „Ressourcen” zum Einsatz kommen, deren „Outcome” und „Input” optimierbar sind. Stillschweigend wird erwartet, dass Hebammen auf ihren abwartenden, hinhörenden Beistand und eine empathische Diagnostik verzichten können. Denn all dies wird zunehmend verunmöglicht. Aber ist es folglich überflüssig?
Als in den nördlichen Provinzen Kanadas die nursing stations geschlossen und Hebammen die Geburtshilfe vor Ort untersagt wurde, beklagten sich die Schwangeren sehr über ihre Zwangsumsiedlung Wochen vor ihrer Niederkunft. Die MedizinerInnen, die die Zentralisierung befürworteten, hielten mit Statistiken dagegen. Eine der Frauen erwiderte, sie könne sich nicht an eine Mutter oder ein Kind erinnern, die in den letzten Jahrzehnten gestorben waren: „Wir werden hier mächtig unter Druck gesetzt, wenn Sie anfangen mit Ihren Ziffern.” Darauf der Mediziner: „Das Risiko im Rahmen Ihres Dienstleistungsniveaus liegt um die 20 auf 1.000.” Aber in dieser Region gab es nie 1.000 Geburten!
Es gibt kein McBirth mit Michelin-Stern. Weder erlangen Hebammen und MedizinerInnen unter den Bedingungen der Massenabfertigung und Personaleinsparung ein besonders tiefschürfendes Wissen noch ist ein Transport der unreifen Schwangeren in abgelegene Städte für sie und das Kind gedeihlich. Wie schnell kann es zu Weheneinleitungen und Kaiserschnitten kommen, wenn die Hotelkosten groß und die Geduld klein sind?
Vom Simmentaler Geburtshaus erhoffe ich mir den Raum und die Ruhe, in der Hebammen kompetente Geburtshilfe praktizieren können. Eine gesunde Distanz zur Massenlogik des Risiko-Paradigmas ist die Voraussetzung, um Frauen unter der Geburt begleiten und das Wissen jenseits von Statistik und Handlungsroutinen vertiefen zu können.
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