Wie erschreckend, dass „Die Rettung der normalen Geburt” unzertrennlich mit dem Erhalt des Hebammenberufes verbunden ist. Zweieinhalb Jahre sind es jetzt, in denen ich als Vorsitzende unseres gemeinnützigen Vereins „Hebammen für Deutschland” Zeit und Kraft für den Erhalt individueller Geburtshilfe investiere. Unabhängig davon, ob die Geburt außerklinisch oder im klinischen Setting erfolgt, wollen wir, dass Frauen eine kompetente, ihren Bedürfnissen gerecht werdende Schwangerenbegleitung erfahren. Wir wollen, dass ihnen die Wahlfreiheit bezüglich ihres Geburtsortes und der Betreuungsintensität ermöglicht wird.
Dafür braucht es uns Freiberuflerinnen. Doch wir können von unserer Arbeit nicht mehr leben. Es droht die Altersarmut. Unmöglich ist es geworden, langsam in die freiberufliche Geburtshilfe einzusteigen, Geburtshilfe und eigene Kinder zu verbinden oder die Anzahl der betreuten Geburten im Alter zu reduzieren. Die Krankenkassen plädieren sogar für eine Mindestgeburtenzahl als Qualitätsmerkmal und übersehen völlig, dass Hebammen in dünn besiedelten Gebieten so keine Geburtshilfe mehr leisten können.
Es erscheint makaber und extrem kurzsichtig, wie ein Gesundheitsministerium und der Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenkassen (GKV) ausgerechnet den Hebammenstand in die Knie zwingt, der sie am wenigsten kostet und der ihnen, wenn man ihn denn finanziell und in seinen Befugnissen stärken würde, die größten Kostenersparnisse durch eine Senkung der Kaiserschnittrate bringen könnte. Trotzdem hat sich in diesem Jahr berufspolitisch viel getan, obwohl wir es noch nicht im Geldbeutel merken:
- Die längst überfällige Übernahme der Hebammenleistungen ins Sozialgesetzbuch V ist auf dem Weg.
- Die Betriebskostenpauschale der Geburtshäuser wurde durch einen Schiedsspruch erheblich erhöht. Dies ist auch dem Deutschen Hebammenverband (DHV), dem Bund freiberuflicher Hebammen Deutschlands (BfHD) und dem Netzwerk der Geburtshäuser zu danken, die sich frühzeitig darum gekümmert haben, die neue Schiedsstelle angemessen zu besetzen.
- Die Stiftung Deutsches Global Campact Netzwerk rief den Gesundheitsminister Daniel Bahr per Internetpetition medienwirksam dazu auf, endlich für eine angemessene Vergütung der Hebammen zu sorgen und bleibt weiter am Ball.
- DHV, BfHD und „Hebammen für Deutschland” haben bei dieser Aktion eng vernetzt und erfolgreich zusammengearbeitet. Anregungen und Kritik der Campact-AktivistInnen bezüglich größtmöglicher, gemeinsamer Außendarstellung und der Fokussierung auf Hauptforderungen waren sehr bereichernd. Wir brauchen genau das: professionelle überverbandliche Rückmeldungen zu unserem Auftreten, zu unseren Argumentationsketten, ob bezogen auf Politik oder Krankenkassen.
- Beim Bürgerdialog landete unser Anliegen im Rennen mit über 10.000 weiteren Anträgen auf Platz 5, so dass ich am 3. Juli die Gelegenheit bekam, der Bundeskanzlerin persönlich die Lage der Hebammen zu schildern.
Es war Angela Merkel einsichtig, dass wir als finanz- und lobbyarme Berufsgruppe in einem ärzteverbanddominierten Gesundheitsministerium und mit begrenzter Erfahrung in der Selbstverwaltung gegenüber dem GKV-Spitzenverband kaum eine Chance haben. Deshalb ordnete sie für September ein Treffen mit dem Gesundheitsminister, der Familienministerin und den Hebammen unter Aufsicht des Kanzleramtschefs an. Auf meine Frage, was geschähe, wenn dabei wieder nichts Rettendes für die Hebammen herauskäme, sagte sie mir: „Dann bin ich beim übernächsten Gespräch wieder dabei!” Ich konnte mir nicht verkneifen zu fragen: „Ist das ein Versprechen?” Die Kanzlerin antwortete: „Ja, das ist ein Versprechen!”
Hört nicht auf, über den Wert unserer Arbeit aufzuklären, mit den Medien zu reden und eine überverbandliche Vernetzung zu unterstützen! Das letzte Wort ist noch nicht gesprochen. Und auch ein David kann mal siegen!
