Andrea Ramsell: »Grundsätzlich müssen Abteilungen ihren Stellenplan als Minimum und nicht als Maximum festlegen, um der Spirale der zu hohen Arbeitsbelastung zuvorzukommen.« Foto: © DHV/Christian Plambeck
Elisabeth Niederstucke: Hebammen sind schon jetzt nicht leicht zu finden, doch wie lassen sich ausreichend Kolleginnen für das Stellenförderprogramm und eine künftige Eins-zu-eins Betreuung finden? Gibt es verlässliche Daten über den tatsächlichen Hebammenbedarf und das Angebot?
Andrea Ramsell: Zunächst einmal müssen wir wissen, wie viele Hebammen in Deutschland nötig sind, um eine Eins-zu-eins oder übergangsweise eine Eins-zu-zwei-Betreuung von Gebärenden zu erreichen. Die Zahlen, die uns zur Verfügung stehen, sind ungenau. Wir benötigen exaktere Datenerhebungen, um unsere definierten Betreuungsziele in der Klinik – und übrigens nicht nur dort – zu erreichen und Frauen und Familien in Deutschland in die Lage zu versetzen, das Betreuungsangebot und die Qualität der Angebote zu kennen und zu bewerten. Dafür benötigen wir eine regelmäßige Datenerhebung, die die Betreuungsschlüssel der Kliniken und deren Angebote darstellt. Außerdem brauchen wir Instrumente, um die Zufriedenheit der Frauen mit diesen Angeboten zu messen.
Aktuell wissen wir also nicht, wie viele Hebammen wir tatsächlich benötigen.
Ja, die momentane Lösung liegt möglicherweise in der Ausbildungsoffensive, die die Anzahl der Studienplätze im Rahmen einer Bedarfserhebung ermittelt. Laut einer Umfrage des Deutschen Hebammenverbandes (DHV) gab es Anfang 2018 deutschlandweit 2.486 Auszubildende und 310 Studierende, die zur Hebamme ausgebildet wurden. Bis zum Ende des Jahres 2018 sind die Plätze weiter ausgebaut worden auf insgesamt 3.055 Ausbildungs- und 400 Studienplätze. Das war vor der Umstellung zur Akademisierung.
Wir wissen, dass der Übergang von der Ausbildung zum Studium in den Bundesländern nicht reibungslos verläuft. Die Anzahl der eingerichteten Studienplätze ist momentan noch zu gering und erreicht nicht annähernd die Zahl der Ausbildungsplätze. Der erste und wichtigste Schritt ist die Schaffung von ausreichend Studienplätzen an ausreichend eingerichteten und finanziell ausgestatteten Hochschulstandorten.
Was bedeutet »ausreichend«?
Wir benötigen eine Bedarfsrechnung, die die Hebammen einbezieht, die in Rente gehen, und die eine Teilzeitquote von momentan 70 % berücksichtigt. Wir brauchen eine Ausbildungsoffensive, die ernst gemeint ist und ausreichend Studienplätze anbietet. Australien und das Vereinigte Königreich sind für diesen Weg wirkliche Vorbilder. Anders als in anderen Berufen genießt der Hebammenberuf eine große Popularität und Nachfrage. Darauf können wir bauen. Wir sind zumindest jetzt noch in der komfortablen Situation, dass unser Beruf keine grundlegende Imagekampagne braucht, sondern genug Studienplätze zur Verfügung stehen und die Arbeitsbedingungen nach dem Studium attraktiv sein müssen.«ergänzen.
Das IGES-Gutachten brachte eine immense Belastung bei den Kreißsaalhebammen zutage. Ist eine Entlastung durch einen besseren Personalschlüssel ad hoc überhaupt möglich?
Laut Gutachten sagen 70 % der befragten Hebammen, dass sie auch mehr Stunden arbeiten würden, wenn sich die Arbeitsbelastung verringern würde. Einige Kolleginnen geben aber an, dass sie körperlich so belastet sind, dass mehr Arbeit nicht zu leisten wäre.
Die körperliche Belastung in den Diensten muss konsequent reduziert werden. Dies kann unter anderem durch die notwendige Entlastung von fachfremden Tätigkeiten erfolgen. Laut IGES-Gutachten verbringen Hebammen durchschnittlich ein Drittel ihrer Arbeitszeit mit fachfremden Tätigkeiten. Das jetzige Hebammenstellenförderprogramm ist ein erster wichtiger Schritt in diese Richtung mit einer Förderung von 25 % unterstützender Hilfskraft pro Vollzeitkraft-Hebamme (VK). Grundsätzlich müssen Abteilungen ihren Stellenplan als Minimum und nicht als Maximum der Hebammenstellen festlegen, um der Spirale der zu hohen Arbeitsbelastung zuvorzukommen.
Hebammenbedarf: Berechnung im Rahmen der Ausbildungsoffensive Abbildung: © Andrea Ramsell/DHV
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