Hatte Maria eine Hebamme, als sie im Stall in Bethlehem ihren Sohn Jesus gebar? Es ist viel Legendenbildung bei dieser Weihnachtsgeschichte, so auch im Evangelium des Jakobus aus der Zeit um 150 nach Christus. Dieses Evangelium spiegelt die Geburtskultur seiner Zeit. Dort geht Josef auf die Suche und findet zwei Hebammen. Doch als Salome und Zelomi im Stall ankommen, hat Maria das Kind schon alleine geboren – der Raum ist von Lichterglanz erfüllt. Als Salome das Wunder der Jungfrauengeburt nicht glauben und Maria untersuchen will, folgt sofort die Strafe: Ihre Hand ist plötzlich gelähmt und erst, als sie Jesus badet, wird sie geheilt. Auf russischen Weihnachtsikonen sind die beiden Hebammen oft dargestellt. Wir können diese Geschichte auch als eine Machtdemonstration des Patriarchats interpretieren, die folgende Botschaften enthält: Der Geschlechtsakt ist unrein und eine Hebamme muss unterwürfig sein. Diesen Zugriff auf die Schöpfungskraft der Frau finden wir durch die Jahrhunderte bis heute.
Warum kann das Geburtsgeschehen nicht allein das Anliegen der Frau und der Hebamme sein? Warum interessieren sich PolitikerInnen dafür? Forschende, ÄrztInnen und Wirtschaftsunternehmen manipulieren den Frauenköper und beuten ihn aus wie ein Objekt. Sind sie alle sich dessen bewusst, dass der Unterleib der Frauen, das weibliche Becken, ein Schöpfungsort ist, vergleichbar nur noch mit der Erde, der Mutter alles Lebendigen?
Die große US-amerikanische Tänzerin Isadora Duncan (1877–1927) schreibt in ihren Memoiren über ihre Schwangerschaft: „Freude und Sorge … Geburt und Tod. Rhythmus des Lebenstanzes! Die göttliche Botschaft fand in meinem ganzen Wesen Widerhall … Diese Seele in dem neugeschaffenen Körper, die meinen Blick mit scheinbar verstehendem Auge erfasste, mit Augen, die aus der Ewigkeit zu kommen schienen und liebevoll meinen Blick erwiderten … die Heiligkeit der werdenden Mutter findet viel zu wenig Anerkennung.“ Isadora Duncan spürt, dass sich mit ihrer Schwangerschaft und der Geburt ihres Kindes eine einmalige Schöpfung ereignet.
Wenige Frauen trauen sich, ihren Anteil am Schöpfungswerk in ihrem Körper zu bejahen, Worte dafür zu finden oder davon zu erzählen. Diese Schöpfungswonne oder -freude kennt unsere religiöse Symbolik nicht. Das Ereignis der Geburt steht hinter der Taufe zurück. Dabei hat die Mutter auch eine priesterliche Rolle, wenn sie dem Kind mit ihrer Haltung zeigt oder zuflüstert und später zuspricht: „Weine nicht – alles wird gut!“ Ein Urszene. Wir kennen noch das „Heile, heile Segen, drei Tage Regen, drei Tage Sonnenschein und alles wird wieder gut sein!“ Einerseits ist es nicht wahr, denn es wird niemals alles gut sein. Andererseits steckt eine tiefe Wahrheit darin, die Ruhe und Vertrauen schafft. Indem Mutter oder Vater dies sagen, geschieht es schon, das Kind wird beruhigt und fühlt sich sicher, ein Spruch, der bewirkt, was er verheißt. So kann es auch beim Segnen geschehen.
Der Heilige Geist, durch dessen Kraft Maria empfangen konnte, hätte ohne Maria, ohne ihr Ja: „Mir geschehe, wie du gesagt hast!“ nicht schöpferisch sein können. In Maria beginnt das Christentum. Das feiern wir an Weihnachten.
Welchen Wunsch haben Hebammen zu diesem Fest? Maria hatte – so die Legende – zwei Hebammen. Davon sind wir weit entfernt. Viele Frauen suchen heute vergebens eine Hebamme, die sie während der Schwangerschaft und nach der Geburt betreuen kann, ganz zu schweigen von denjenigen, die zu Hause oder im Geburtshaus gebären wollen. Hebammen wünschen sich zu Weihnachten, dass ihr Beruf gewürdigt, gut bezahlt und nicht durch Versicherungsforderungen unmöglich gemacht wird. Ein Beruf, bei dem sie das Erscheinen eines neuen Menschen begleiten und unterstützen.
