Der Stellenwert von Erfahrung in der medizinischen Versorgung wird seit einigen Jahren in Zusammenhang mit der Einführung von sogenannten Mindestmengen diskutiert – so auch in der Neonatologie. Erfahrung ist primär eine positive persönliche Wahrnehmung. Dinge, die man wiederholt tut, gehen einfacher, schneller, fehlerfreier, routinierter von der Hand. Verfahren, die sicherer und schneller erledigt werden, werden gern mit „richtigem Handeln” gleichgesetzt. Aber erst wenn Erfahrung durch die kritische Auseinandersetzung mit den Folgen des Handelns ergänzt wird, hat richtiges und bestes Handeln eine Chance. Dann wird sie zur persönlichen Qualität.

Im Kontext der neonatologischen Intensivbehandlung stellt sich die Frage, ob auch ein Team – hier insbesondere ein interdisziplinäres und multiprofessionelles Team – Erfahrungen sammeln kann. Mir sind keine wissenschaftlichen Untersuchungen zu diesem Thema bekannt, aber aus meiner Erfahrung befürworte ich, die Frage mit Ja zu beantworten. Dafür sind einige Voraussetzungen nötig.

  • Das Team hat wesentliche gemeinsame Ziele und eine gemeinsame Vision.
  • Das Team geht mit Personalfluktuation sorgsam um.
  • Das Team kann in einem Rahmen von Stabilität, Kontinuität, Zufriedenheit und Wertschätzung arbeiten.
  • Das Team kann sich weiterbilden und -entwickeln.
  • Führungs- und menschliche Qualitäten sind in allen Ebenen vorhanden.
  • Standardisiertes Fehlermanagement ist etabliert.
  • Mit Innovationen wie auch mit fehlenden Innovationen wird klug und bedacht umgegangen.
  • Das Bewusstsein für Qualitätsverbesserung ist in allen Ebenen vorhanden.
  • Das Verständnis für die Notwendigkeit von Evaluationen und wissenschaftlicher Forschung ist vorhanden.
  • Es besteht Offenheit gegenüber externen Fachleuten sowie im Einzelfall gegenüber Professionen, zu denen die Eltern besonders viel Vertrauen haben.

Hinter diesem Konzept stecken Leistungen, die sich zu den rein medizinischen und pflegerischen Aufgaben addieren und Geld kosten! Aus diesem Grund werden die DRGs für Frühgeborene hoch vergütet. Umgekehrt ergibt sich daraus für jede Institution, die die Behandlung von Frühgeborenen abrechnet, die Verpflichtung, Voraussetzungen für eine optimale Leistung zu schaffen. Dazu gehört auch die Stärkung des interdisziplinären und multiprofessionellen Teams. Diese Maßnahmen werden sich allerdings erst bezahlbar machen, wenn eine zu bestimmende Zahl von PatientInnen erreicht wird.

Wenn ich KollegInnen zuhöre, die 2012 in neonatologischen Intensivstationen arbeiten, scheint das Gegenteil die Regel zu sein. DRG-Vergütungen für Frühgeborene dienen in einer Mischkalkulation dem Erhalt ganzer Abteilungen und Kinderkliniken. Um es deutlicher zu sagen: Durch den Missbrauch der DRG-Vergütungen für Frühgeborene fehlen auf den Intensivstationen die finanziellen Mittel zur kontinuierlichen Förderung von Qualität. Bei ausreichenden finanziellen Mitteln jedoch, die theoretisch vorhanden sind, kann eine Vision erdacht werden: Das multiprofessionelle interdisziplinäre neonatologisch-geburtshilfliche Team erlebt sich als Einheit, sammelt in der Behandlung Frühgeborener Erfahrung, evaluiert sein Handeln und passt seine Standards an. Daraus erwächst Erfahrung, gepaart mit Qualität. Die Zahl der Frühgeborenen, die die Klinik gesund verlassen, steigt. Durch Kommunikation der Behandlungsresultate in Wissenschaft und Medien wachsen die Patientenzahlen, das heißt in der Versorgungsstruktur ergibt sich eine Konzentration in Zentren von hoher Qualität, die voraussichtlich Kosten spart. In diesem Fall wäre die Auseinandersetzung mit nachfolgenden Fragen zwingend: Wie viele PatientInnen verträgt eine deutsche neonatologische Intensivstation? Wann wird ein Team so groß, dass es sich nicht mehr als Einheit erleben kann? Wie können unvermeidbare Notfälle außerhalb des Zentrums in ausreichender oder vertretbarer Qualität versorgt werden? Das wären spannende Fragen für die Zukunft!