Katja Baumgarten, Hebamme und seit über 25 Jahren Redakteurin der DHZ: »Hebammen können aus ihrem Erfahrungswissen heraus Forschungsfragen stellen und so den Diskurs über naturheil­- kundliche Verfahren aktiv mitgestalten.« Foto: © Christian Iseli

Als nicht-ärztlicher Heilberuf hatten Hebammen traditionell ein umfangreiches Wissen zu verschiedenen Bereichen der Naturheilkunde. In ihrem Angebot hatten sie oft einfach zugängliche Methoden, um die gesundheitliche Balance der betreuten Frau zu stabilisieren oder wiederherzustellen. Ihr Erfahrungswissen beruhte auf der genauen Beobachtung von Wirkungen, beispielsweise in der Pflanzenheilkunde – teilweise über Jahrhunderte weitergegeben. Wer heutzutage Mittel oder Methoden aus dem Bereich der Naturheilkunde anwendet, stößt regelmäßig auf den Einwand: »Dafür gibt es keine wissenschaftliche Evidenz.« Diese Kritik begleitet Hebammen im Zuge der Forderung nach evidenzbasierter Medizin zunehmend, teilweise zugespitzt formuliert oder mit der Unterstellung, wer naturheilkundliche Methoden ohne Evidenz nutzt, bewege sich außerhalb professioneller Standards.

So einfach ist es allerdings nicht. Häufig fehlen nicht allein wissenschaftliche Belege, sondern vor allem Möglichkeiten, diese Belege überhaupt zu schaffen. Die Realität ist paradox: Einerseits wird belastbare Evidenz verlangt, andererseits wird die Forschung dazu systematisch vernachlässigt. Letztere orientiert sich häufig an Interessen der Industrie, weniger an Bedürfnissen von Frauen, Kindern und Familien – die weite Verbreitung naturheilkundlicher Methoden bildet sie nicht ab. Für Studien zur Naturheilkunde fehlen geeignete Strukturen und ihre Finanzierung. Während für Pharmastudien oder zu geburtsmedizinischen Interventionen Millionenbeträge fließen, erhält die Erforschung naturheilkundlicher Fragestellungen einen verschwindenden Bruchteil der Mittel. Hinzu kommt: Forschung an Schwangeren ist aus guten Gründen ethisch stark limitiert. Randomisierte, placebokontrollierte Studien sind in dieser sensiblen Lebensphase kaum möglich – genau dort, wo der Bedarf an risikoarmen, meist preiswerten, für die betreuten Frauen gut verfügbaren Methoden besonders groß ist.

Im Zentrum des Spannungsfeldes der oftmals hitzig geführten Diskussion steht die Homöopathie, deren Wirkungsweise bislang naturwissenschaftlich nicht erklärt werden kann, zumal die Studienlage schwach bleibt. Deshalb wird diskutiert, ob sie überhaupt zur Naturheilkunde zählt. Ihr Einsatz wird in den Bereich von Aberglauben gerückt, Behandlungserfolge mit dem Placeboeffekt erklärt. Gleichzeitig wird sie in vielen Praxen und Kliniken, darunter zahlreichen Perinatalzentren Level 1 unvermindert eingesetzt: Im klinischen Alltag wird sie als hilfreich erlebt. Dieses Nebeneinander von Ablehnung und Anwendung zeigt, wie widersprüchlich der Diskurs verläuft.

Die Akademisierung des Hebammenberufs bietet neue Chancen für eine differenzierte Betrachtung naturheilkundlicher Methoden. Hebammen sind inzwischen auch Forscher:innen, die ihre praktische Arbeit wissenschaftlich reflektieren und weiterentwickeln. Der Nachweis, dass das Auflegen warmer Kompressen in der Austrittsphase der Geburt zu weniger Dammverletzungen führt, ist eines von vielen Beispielen. Hebammen können aus ihrem Erfahrungswissen heraus Forschungsfragen stellen, diese wissenschaftlich bearbeiten und so den Diskurs über naturheilkundliche Verfahren aktiv mitgestalten.

Zitiervorlage
Baumgarten, K. (2025). Im Spannungsfeld. Deutsche Hebammen Zeitschrift, 77 (10), 1.