Hella Wiese, Hebamme, Pflegewissenschaftlerin und freie Redakteurin der DHZ: »Jedes System bringt seine eigenen Konfliktsituationen mit sich.«
Was heißt es, in der DDR Hebamme gewesen zu sein? Wie wurde der Umbruch Anfang der 1990er-Jahre erlebt? Welche Hoffnungen gab es und welche Probleme? Was hat sich für die Hebammen aus der DDR verändert und wie sind sie im neuen System angekommen?
Als ich zwei Monate vor der Maueröffnung in Ostberlin meine Ausbildung zur Hebamme begann, sah ich mich perspektivisch nicht in einem Kreißsaal, sondern in der Hausgeburtshilfe. Das wäre in der DDR nicht möglich gewesen. So kamen die politischen Veränderungen für meine berufliche Entwicklung genau im richtigen Moment. Im dritten Ausbildungsjahr konnte ich sogar ein zweiwöchiges Praktikum in einem Geburtshaus absolvieren. Hebamme in der Hausgeburtshilfe gewesen zu sein, ist heute Teil meiner Berufsbiografie.
Dieses Beispiel ist eines von vielen. Die Umbrucherfahrungen in Ostdeutschland waren vielfältig schon einfach deshalb, weil die Menschen in der DDR unterschiedliche Lebensrealitäten hatten. Ostdeutschland ist nicht gleich Ostdeutschland. Die Ostsee ist nicht dasselbe wie das Erzgebirge. Und Ostberlin ist nicht Ostdeutschland, braucht also auch eine eigene Betrachtung und Reflexion. Diese Differenzierung kann das Titelthema nicht leisten.
Was es leisten kann, ist, Geschichten zu erzählen, wie Geschichte erlebt wurde. Und so sind die Beiträge in diesem Titelthema nicht nur Geschichten über Hebammen aus der DDR und in Ostdeutschland. Sie beschreiben Realitäten, wie sie teilweise auch in den alten Bundesländern erlebt wurden und werden. So wie die Arbeits- und Lebensrealität einer Hebamme an der Nordsee Ähnlichkeiten mit der einer Hebamme in Bayern hat. Und es gibt Unterschiede.
Jedes System bringt seine eigenen Konfliktsituationen mit sich, die hier nicht bis ins Detail verhandelt werden können. Das Gesellschaftssystem in der DDR war eher eng und schikanös, während das der Bundesrepublik vergleichsweise offen und freiheitlich orientiert war. Dabei scheint die Darstellung der ostdeutschen Perspektive noch erschwert. Über die Ursachen lohnt es, nachzudenken. Die gegenwärtige politische Entwicklung ist dabei nicht hilfreich und erschwert den Zugang zu einem gleichberechtigten Dialog.
Vor einigen Jahren wurde ich gefragt, was meine größte Enttäuschung nach 1990 in Bezug auf »den Westen« sei. Nach einigem Überlegen stellte ich fest: Es ist die systematische Verunmöglichung der Hausgeburtshilfe. Diese Entwicklung ist kein ostdeutsches »Wendeproblem«, sondern ein gesamtdeutsches.
Die Hausgeburtshilfe steht für alles, was ich am Westen attraktiv fand: autonome Berufsausübung der Hebamme, Selbstermächtigung der Frauen, Respekt vor der Einzigartigkeit eines jeden Menschen, Vielfalt der Möglichkeiten und Individualität der Lebenskonzepte. Dass diese Werte nicht nur in der Geburtshilfe gefährdet sind, spüren wir jeden Tag in allen Lebenskontexten.
