Birgit Heimbach, Hebamme und Redakteurin der DHZ: »Es gibt so unterschiedliche Gründe für eine Schulterdystokie, dass es kein klassisches First-Line-Manöver gibt.
Die Diagnosestellung der Schulterdystokie ist subjektiv beeinflussbar, erklärte die Hebammenwissenschaftlerin Prof. Dr. Christiane Schwarz auf dem DHZCongress im September. Einfluss nehmen könnten etwa die die Tagesform, die Position im Team oder auch ideologische Prägung: Sei man jemand, der der Natur des Geburtsprozesses vertraut, oder oder neige man dazu, schneller alarmiert zu reagieren? Jeder Mensch blicke durch eine andere Brille. Oberstes Gebot sei es jedoch, sich am geburtshilflichen Standard zu orientieren. Dies setze die Kenntnis der Leitlinien ebenso voraus wie stetiges Lernen.
Was einst im Lehrbuch als Methode empfohlen wurde, ist heute oft überholt: Kristellern und das Überdrehen des Kopfes gelten heute als fehlerhafte Manöver, die mehr schaden als nutzen. Sie bergen etwa das Risiko einer Plexusparese. Da es aus ethischen Gründen undenkbar ist, bei Schulterdystokien randomisierte Studien durchzuführen, müsse man auf Erfahrungswerte zurückgreifen. Daraus könne langfristig auch Intuition reifen, so Christiane Schwarz.
Doch nicht immer ist eine Schulterdystokie oder ein bestimmtes geburtshilfliches Manöver ursächlich für eine Plexus-brachialis-Parese. Auch andere Mechanismen können an ihrer Entstehung beteiligt sein. Gleichzeitig lässt das Auftreten einer Parese allein keine Rückschlüsse auf den zugrunde liegenden Geburtsverlauf oder die Anwendung geburtshilflicher Manöver zu, erläutert Prof. Harald Abele im Titelthema dieser Ausgabe.
Kommt es zu einer Geburtsverletzung beim Kind, fühlten sich viele Mütter schuldig. Zugleich seien sie häufig selbst durch das geburtshilfliche Prozedere traumatisiert, erläutert Mirjam Mahler, erste Vorsitzende von Plexuskinder e.V. Katharina Desery von der Bundeselternorganisation Mother Hood berichtet von gewaltvoll erlebter Geburtshilfe, wenn Hebammen und Ärzt:innen aus Sorge um das Kind von oben mitgeholfen haben – und von dadurch verursachten Schäden.
Die Hebamme Corina Scheurer stellte auf dem DHZCongress den in ihrem Kreißsaal etablierten Pforzheimer Umarmungshandgriff vor. Dabei sitzt die Hebamme hinter der hockenden Frau und hält das Kind in einer günstigen Geburtsachse. Bisher hätten Frauen diese Alternative zum Kristellern als sehr unterstützend erlebt und dabei die Richtung, in die sie das Kind schieben sollen, besser gespürt.
Für eine Schulterdystokie gibt es viele unterschiedliche Ursachen, sodass es kein klassisches First-Line-Manöver gibt, wie medizinische Leitlinien betonen. Auf dem Kongress stellte Christiane Schwarz eine Vielzahl von Vorgehensweisen bei einer Schulterdystokie vor, die vielen Zuhörenden kaum bekannt waren. Das McRoberts-Manöver sei aufgrund seiner Einfachheit und Effektivität die Methode der ersten Wahl. Doch auch für dieses Manöver gebe es erstaunlich viele klinikabhängige Varianten, erläuterte sie. Diese seien von der Leitlinie zur Schulterdystokie ausdrücklich akzeptiert. Zur Veranschaulichung griff Schwarz ein bekanntes Schlüssel-Schloss-Prinzip auf: Letztlich müsse man entweder das Knopfloch bewegen oder den Knopf drehen – nur eben nicht überdrehen –, um beide wieder zusammenzubringen.
