Illustration: © Melanie Garanin

Wir Hebammen sehen das so: Die Plazenta ist ein wunderschönes Organ, klug aufgebaut, mit brillant konstruierten Details. Seht nur, die Eihaut, zwei zarte transparente Schichten, und doch so haltbar. Diese Gefäße, sorgfältig aufgewickelt und gut verpackt in der Whartonschen Sulze. Und das Kolostrum: Wie hat die Natur das nur hingekriegt? Ein Zaubertrank des Lebens und der Gesundheit, goldgelb, dick und klebrig, voller guter Zutaten. Fruchtwasser: Dieser erdige Geruch nach Fruchtbarkeit. Wir Hebammen sehen dicke Bäuche voller Leben, prall und rund. So sitze ich im Geburtsvorbereitungskurs für Paare und erzähle mit leuchtenden Augen von den Wundern des weiblichen Körpers und der Schwangerschaft – auch nach vielen Berufsjahren noch immer voller Begeisterung.

Wer hört mir zu? Die Frauen, die vielleicht ganz andere Assoziationen mit ihrem Körper verbinden. Die Brüste: zu groß oder zu klein; die Labien: zu unordentlich; die Behaarung: eklig; ihre Vagina: eine Bruthöhle für Infektionen. Und auf einmal soll das alles toll sein? Sie können es kaum glauben.

Und die Männer: Mit großen Augen sitzen sie im Kurs und horchen auf, wenn sie neben den wundervollen Erfindungen der Natur auch andere interessante Dinge über den weiblichen Körper lernen, zum Beispiel, dass die Vagina von Frauen voll von Bakterien ist. Die meisten davon, so hören sie, sind nett. Aber gelegentlich siedeln sich dort auch heimlich gefährliche Streptokokken an. Sie hören von Darmkeimen, in die ihr Baby geboren werden soll. Vom Fruchtwasser, das ihnen jederzeit entgegenkommen kann. Von der Länge und Form von Gebärmütterhälsen und einer blühenden Vaginalflora. Ihnen wird klar, dass die Brüste ihrer Partnerin jetzt schon und bis auf weiteres unterschiedlich benannte Sekrete produzieren werden: gelbes Kolostrum, wässrige Vormilch, fette Hintermilch. Ich rede mich in Begeisterung.

Und dann bemerke ich im Kurs ihren Gesichtsausdruck, wie sie still werden und immer blasser. Und mir wird klar: Möglicherweise ist ihre Perspektive eine ganz andere. Und ich weiß: Spätestens hier beginnt Geburtshilfe – bei der Hilfe zum Perspektivwechsel.

Zitiervorlage
Schwarz Ch: Kann man so und so sehen. DEUTSCHE HEBAMMEN ZEITSCHRIFT 2018. 70 (2): 112

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