Eine werdende Hebamme (WeHe) im zweiten Ausbildungsjahr kommt aus ihrem Einsatz in einer geburtshilflichen Einrichtung zurück. Bei der üblichen Frage, wie es so war und was sie erlebt hat, berichtet sie begeistert von neuen Eindrücken und Erfahrungen. »Was war denn die eindrücklichste Erfahrung?«, frage ich. Sie überlegt nicht lange. »Wissen Sie«, sagt sie, »es ist mir erst aufgefallen, als ich schon auf dem Rückweg war: Es war die Sprache. Ich habe während der ganzen Zeit in diesem Team kein einziges Mal gehört, dass abwertende Ausdrücke benutzt wurden über Frauen. Egal, wie ungewöhnlich ihre Wünsche, wie anstrengend ihre Fragen, wie nervig ihre Angehörigen waren. Also, ich meine, nicht nur den Frauen selbst gegenüber, sondern auch in den Übergaben und Teambesprechungen, unter Kolleginnen. Immer wurden alle Angelegenheiten sachlich und wertschätzend besprochen. Da ist mir erst klargeworden, dass ich es in den vergangenen zwei Ausbildungsjahren oft anders erlebt habe. An meinem vorigen Einsatzort hörte ich bei Dienstübergaben oft etwas gemeine Worte: Wir stehen im Kreißsaal vor der Tafel mit den Namen der Frauen, und es wird gesprochen von der ›Dicken‹, der ›Assi-Tante mit dem vielen Blech im Gesicht‹, womit Piercings gemeint sind, der ›überlagerten Lehrerin mit komischen Symptomen‹, die man ›entschärfen‹ muss.«

Sie habe damals selbst mitgemacht, sagt die WeHe. »So ist das eben, du machst nach, was die anderen machen und plapperst mit, du willst ja dazugehören. Aber jetzt habe ich es bemerkt, weil ich erlebt habe, dass es auch anders möglich ist. Und – die Arbeit hat viel mehr Spaß gemacht!«

Sie fährt fort: »Es macht einen Unterschied, ob ich eine Frau als ›unkooperativ‹ bezeichne, oder ob wir bei der Übergabe überlegen, ob sie vielleicht Angst hat. Und am Ende fühlte ich mich selbst in einem Team wohler, in dem sicherlich auch über mich in meiner Abwesenheit so wohlwollend gesprochen wird, auch wenn ich viele Dinge noch nicht weiß oder einen Fehler mache.« »Ich werde aufmerksam dafür bleiben, für diese Sprachkultur«, sagt sie, »und ich weiß, dass ich genau darauf achten werde, wenn ich mir meine erste Stelle suche.«

Dankbar für diese Beobachtung, basteln meine Kolleginnen und ich jetzt an einer neuen Unterrichtseinheit zum Thema »Sprache im Kreißsaal«.

Zitiervorlage
Schwarz C: Worte und Werte. DEUTSCHE HEBAMMEN ZEITSCHRIFT 2018. 70 (6): 112

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