Die RTLplus-Serie „Mein Baby“ ist nur eine von vielen im Boom der Reality-Sendungen über Geburten. Screenshots: © ESV
Medien sind zu einem elementaren Teil der Alltagskultur und -kommunikation geworden. Gesundheits- und medizinische Themen füllen Tausende von Seiten in Zeitschriften, Tageszeitungen und im Internet, Klinikserien im Fernsehen sind überaus beliebt. Die englische Soziologin Anne Karpf spricht von einer Medizin-Obsession sowohl auf Seiten der MedienmacherInnen als auch des Publikums (Karpf 1988: 1). In ihrem Buch „Doctoring the Media“ geht Karpf auch auf die Präsentation von Geburt in den Medien ein. Die Autorin zeigt, wie Filme, die Hausgeburten als gefährlich und schmutzig darstellten, den Rückgang der außerklinischen Geburtshilfe in Großbritannien beschleunigten. Letztlich trug das neue Interesse der Medien an Geburt zu einer liberaleren Haltung gegenüber den Wünschen der Frauen bei, verhalf allerdings auch medizinischen Routinen zu mehr Popularität (Karpf 1988: 79).
Im deutschsprachigen Raum gibt es nur wenig Literatur zu Medienrepräsentationen von Geburt. Die meisten Studien stammen aus den USA und Großbritannien. Nahezu alle lassen erkennen, dass Geburten, insbesondere im Reality-TV, als dramatisch, risikobehaftet und schmerzhaft dargestellt werden (Clement 1997; Haken 2004; Luce et al. 2016; Morris & McInerney 2010). Eine neue Überblicksarbeit von Ann Luce und Kolleginnen lässt erkennen, dass normale Geburten in den Medien kaum zu finden sind (Luce et al. 2016).
Erste Filmgeburt mit Vorwarnung
Zu Beginn des „Filmzeitalters“ wurden von einer Geburt lediglich das Gesicht der Gebärenden und besorgte Angehörige vor verschlossenen Türen gezeigt (Vogel 2000: 290). Bis Mitte des 20. Jahrhunderts gab es nur medizinische Lehrfilme, die nicht vor Laien gezeigt werden durften und in denen die Gebärenden mit Tüchern verhüllt waren (Vogel 2000: 291). Im britischen Fernsehen war 1957 erstmals eine Geburt zu sehen. Der Sendung wurde eine Warnung vorangestellt, und die Tagespresse geißelte die Ausstrahlung als schockierend und geschmacklos (Clement 1997: 37). Die Liberalisierung der Sexualität seit Mitte der 1960er Jahre schuf ein Klima, das auch filmische Darstellungen von Schwangerschaft und Geburt zuließ. Der Journalist und Filmproduzent Oswald Kolle erreichte mit seinen Aufklärungsbüchern und -filmen in den 1960er Jahren ein Massenpublikum. 1966 zeigte die ARD eine 13-teilige Fernsehserie „Ich bekomme ein Kind“. 1968 war im Aufklärungsfilm „Helga“ erstmals eine Geburt im Kino zu sehen. Angeblich fielen Männer reihenweise im Kino in Ohnmacht, sodass Sanitäter mit Tragbahren bereitgestellt wurden. Prominente wurden zu Vorbildern. Dass Prinz Henrik seiner Frau Margarete von Dänemark bei der Geburt die Hand hielt, wurde 1969 in der Zeitschrift „Constanze“ als Heldentat gefeiert (Schumann 2009: 163).
Der Ausschluss der werdenden Väter vom Geburtsgeschehen war damals zumindest in den Krankenhäusern selbstverständlich. Eine Filmszene aus „I Love Lucy“ aus dem Jahr 1953 ist typisch für diese Zeit: Als die schwangere, adrett gekleidete Lucy den Geburtsbeginn verkündet, beginnt ein grandioser Slapstick. Ihr Mann Ricky leert in seiner Panik mehrmals ihren Koffer aus, versteckt das Telefon, zieht dem Nachbarn ihren Mantel an und landet nach einer chaotischen Fahrt mit ihr im Krankenhaus. Doch an der Kreißsaaltür ist für ihn – und für das Publikum – Schluss. Er muss draußen warten und darf nach der glücklichen Geburt gerade mal einen Blick auf sein Baby werfen.
Kreißsäle als Schlachtfelder
In den amerikanischen TV-Serien der 1970er Jahren bewältigen die Frauen souverän die Geburt, ihre Partner spielen dabei kaum eine Rolle. 20 Jahre später wirken Kreißsäle wie Schlachtfelder zwischen rationalen Männern und hormongetriebenen, schmerzgepeinigten Frauen. Die Sitcom „Step by Step“ folgt diesem neuen Klischee: Selbstverständlich begleitet Ehemann Frank seine Frau Carol in den Kreißsaal, wo sich Carol fordernd und launisch, Frank überfordert und gestresst gebärdet, während die älteren Geschwister draußen warten – die Mädchen im Babyerwartungsglück, die Jungen sichtlich unbehaglich (Kutulas 1998: 22f.).
Geburt wurde ein attraktives Fernseh-Thema: dramatisch, emotional, mit ärztlichem Glamour und normalerweise mit Happy End (Karpf 1988: 75). 1993 zählte Clement für ihre Studie 92 Geburten in dokumentarischen und fiktionalen Sendungen in den vier englischen TV-Kanälen (Clement 1997). Ein Jahrzehnt später dokumentierte Clara Haken in nur einer Woche 206 Geburtsszenen im britischen TV-Programm (Haken 2006).
Geburten im Film sind durch Geschwindigkeit, Fragmentierung und scheinbar drohende Gefahr charakterisiert. Bei einem Viertel der Geburten in Clements Studie geht es so schnell, dass die Frauen es nicht rechtzeitig in die Klinik schafften. Die Wehen beginnen oft hochdramatisch. Dieses typische Muster beschreiben die englische Anthropologin Sheila Kitzinger und ihre Tochter Jenny (2001): „Der Geburtsbeginn wird durch plötzliche, qualvolle Schmerzen um den Nabel der Schwangeren herum angezeigt. Die Frau umklammert ihren Bauch mit einem Ausdruck des Grauens und ist auf der Stelle bewegungsunfähig. Sie verbleibt, mehr oder weniger bis das Baby geboren ist, in dieser Starre. […] Die Geburt besteht aus einer einzigen Hektik, die Frau rechtzeitig ins Krankenhaus zu bringen. Alles andere ist unwichtig. Sie ist wie ein Paket, das dem dringend benötigten (meist maskierten) Ärzteteam übergeben werden muss.“ (Übersetzung durch die Autorin).
Die Hebamme als Helferin des Arztes
Meist wird im Film Gebären mit Schmerz gleichgesetzt. Die Gesichter der Frauen sind schmerzverzerrt oder sie pressen fast minutenlang. Ohne Stakkato-Kommandos von meist männlichen Geburtshelfern scheint es nicht zu gehen. Die Gebärenden nehmen fast immer eine liegende Position mit angezogenen Beinen oder die Steinschnittlage ein, was die Dominanz des Personals und die Inferiorität der Frau verstärkt. Die meisten Geburten, die Clara Haken im TV beobachtete, wurden von Medizinern geleitet. Hebammenhilfe war nur bei einem Drittel der gezeigten Filme wahrnehmbar (Haken 2004: 55). Besonders häufig werden Ungewissheiten und Gefahren der Geburt inszeniert, die medizinische Interventionen rechtfertigen. Kaiserschnitte sind bei TV-Geburten besonders häufig – etwa zehn Prozent häufiger als in der Geburtenstatistik (Bröker 2005; Haken 2006; Morris und McInerney 2010). Sie werden als Routine-Eingriffe gezeigt, mögliche Risiken und Folgeprobleme ausgespart. Der Arzt fungiert als Retter, die Hebamme ist auf eine helfende Funktion reduziert (Haken 2006: 59).
Was üblicherweise nicht gezeigt wird, sind normale Verläufe, das väterliche Geburtserleben, die tatsächliche Geburtsdauer, die Nachgeburtsphase mit der Plazentageburt und einer eventuellen Nahtversorgung. Schamhaare und weibliche Genitalien sind entweder verdeckt oder unsichtbar, und auch der Anblick der Plazenta wird tunlichst vermieden (Haken 2006: 52ff.). Die Schwangerenvorsorge beschränkt sich vorwiegend auf Ultraschall-Untersuchungen. Da die meisten der im europäischen Fernsehen gezeigten Sitcoms und Spielfilme aus den USA stammen, wo schon eine nackte Brustwarze „„Oh my God“-Schreie auslöst und Einleitungen, Wehenmittel und Kaiserschnitte an der Tagesordnung sind, kann von einem Export amerikanischer Ideale und Ideologien bei medial vermittelten Geburten gesprochen werden (Haken 2006). Diese Darstellungen prägen die Vorstellungen von Geburt, da filmisch vermittelte Botschaften ungleich stärker ins Unterbewusstsein vordringen als andere Medientexte. „Entscheidend ist nicht nur, was Film und Fernsehen zeigen und wie sie es gestalten, sondern auch, was sie ausklammern und nicht zeigen und damit als bedeutungslos für die gesellschaftliche Auseinandersetzung erklären.“ (Hickethier 2007:16)
Männer als Randfiguren
Der Medienwissenschaftler Hans Wulff (2003: 423) und sein Team haben 450 Filme aus den 1980er und 1990er Jahren für ihre Analyse von Schwangerschaft und Geburt im Film herangezogen. Exemplarisch für den Wandel von reproduktivem Verhalten, Familienstrukturen, Geschlechterrollen und der Trennung von biologischer und sozialer Elternschaft ist der Film „Drei Männer und ein Baby“ (Frankreich 1985). Hier übergibt ein Model ihr Kind nach der Geburt drei Männern und verfolgt ihre Karriere weiter. In der Komödie „Junior“ (USA 1994) spielt Arnold Schwarzenegger einen schwangeren Wissenschaftler. Im Melodrama „Baby M“ (USA 1988) flieht eine Leihmutter nach der Geburt mit dem Kind. Die Neuorientierung in differenten Geschlechtersphären zeigt „Nine Month“ (USA 1995). Die Frauen verrichten mit der Geburt eine Arbeit, die zwar anstrengend und schmerzvoll ist, für die sie aber scheinbar eine natürliche Kompetenz mitbringen. Die Männer sind als tollpatschige, störende Randfiguren dargestellt, der Austritt des Kindes aus der Vagina ist als Schreckensanblick für den Mann inszeniert.
Im Horrorfilm verläuft Geburt kompliziert und ungesteuert, was die Angst vor dem Unkontrollierbaren weiter anfacht. Der unheimliche Ort ist die Gebärmutter, der Körper der Frau, den Männer nie ganz verstehen. Ein Beispiel hierfür ist „Rosemary’s Baby“ (USA 1968). Rosemary wird zum Ort, aus dem „das Andere“, das Fremde, die Gefahr jederzeit hervorbrechen kann (Pabst 1998).
Screenshots: © ESV
Geburt in Doku-Soaps
Seit den 1990er Jahren ist „Reality TV“ auf dem Vormarsch. Geburt wurde eines der beliebtesten Sujets des neuen Genres. Im Jahr 1999 zeigte der französisch-deutsche Fernsehsender Arte „Geburtsstation“, und wiederholte es 2002 und 2004 (Lücke 2002: 154). Mit der Ausstrahlung von „Schnulleralarm“ zur abendlichen Hauptsendezeit löste RTL 2001 einen Boom an Geburts-Doku-Soaps aus: „Hallo Baby!“, „Wir machen ein Baby“, „Mein Baby“, „Die Babystation“, „Babys – Kleines Wunder großes Glück“, „Teenie-Mütter – Wenn Kinder Kinder kriegen“, „Wunschkinder – der Traum vom Babyglück“, „Babyboom“ ….. Viele Sendungen sind noch online zu sehen. „Teenager werden Mütter“, mit teilweise sehr drastischen Geburtsszenen, läuft seit 2009 im österreichischen Privatsender ATV, inzwischen in der zehnten Staffel.
Carina Bröker befasste sich in ihrer kulturwissenschaftlichen Magisterarbeit intensiv mit der Sendung „Hallo Baby“ und erkannte darin eine starke Tendenz zur Medikalisierung und Stereotypisierung. Auch wenn emotionale Situationen vergleichsweise lang ausgekostet werden, setzen die Serien auf Verdichtung und Reduzierung (Bröker 2005: 89). Schwangere werden gerne als besorgt dargestellt, die Ärzte im Gegensatz dazu als beruhigend und kompetent. So sagt der Kommentator nach einer Ultraschall-Untersuchung: „Andrea ist erleichtert, dem Kind geht es gut. Durch die intensive Vorsorge sind keine Komplikationen aufgetreten und auch ein unproblematisches Ende der Schwangerschaft ist absehbar. In sieben Tagen soll der geplante Kaiserschnitt durchgeführt werden.“ (Bröker 2005: 56) Die Überschreitung des errechneten Geburtstermins um einige Tage wird von der Off-Stimme als „Komplikation“ bezeichnet (Bröker 2005: 81). Der Einsatz von Wehenmittel und PDA wird so kommentiert: „Durch den Wehentropf lässt sich die Häufigkeit und Intensität der Wehen gut steuern. Das hält Kristins Schmerzen auf einem erträglichen Niveau“, und: „Claudia soll es eine Verschnaufpause von ihren starken Wehenschmerzen vergönnen. Routiniert setzt Anästhesist Peter Lojewski die Betäubung ans Rückenmark.“ (Bröker 2005: 82f.) Während des Geburtsmoments ist die Kamera so positioniert, dass die Vulva nicht unmittelbar sichtbar ist. Nach der Geburt ist zu hören, dass „ein lang ersehnter Traum in Erfüllung“ geht. Wenn die Mutter danach das Kind in die Arme schließt, das Paar sich küsst und die Tränen fließen, kommen Slow Motion und anschwellende Musik zum Einsatz, um den dramat(urg)ischen Höhepunkt zu verstärken. Dann verlagert sich der Fokus der Kamera auf das Neugeborene. Bei Kaiserschnitten ist die Sequenz im OP meist abgeschlossen, sobald das Kind aus dem Bauch geholt wurde.
Die Diplomarbeit von Melanie Nauerschnig analysiert „Teenager werden Mütter“ als Heldenreise in mehreren Strängen. Die Geburt stellt den Höhepunkt der jeweiligen Sendung dar: Steht ein Mädchen kurz vor der Geburt, wird die Einheit auf mehrere Sequenzen aufgeteilt und mit Geschichten von anderen Mädchen und Werbeeinschaltungen unterbrochen, um die Spannung zu halten. Die Geburt selbst ist dann nur ganz kurz zu sehen. Um bei einem Kaiserschnitt einen besonders dramatischen, emotionalen Effekt hervorzurufen, wird abschnittsweise schneller im Rhythmus der Musik geschnitten. Wenn die Mutter ihr Kind zum ersten Mal in den Armen hält, wird dies mit gefühlsbetonten popkulturellen Hits untermalt, um die Identifikation zu verstärken (Nauerschnig 2011: 67f). Suggestive Kommentare interpretieren oft schon beim Dreh gestellte Situationen und schüren durch das wiederholte Ansprechen von Komplikationen Ängste.
Die Inhaltsanalyse von über 100 Geburten in Reality-TV-Serien von Theresa Morris und Katherine McInerrney am Trinity College, Hartford, Connecticut, USA bestätigt den Befund der Überdramatisierung. Frauen, die ohne Schmerzmittel ihr Kind auf die Welt bringen, werden als leidend und „out of control“ repräsentiert. Der Kommentator bejubelt die tollen Fortschritte der Geburtsmedizin: ÄrztInnen hätten heute viele Möglichkeiten, den Geburtsbeginn und den Geburtsverlauf zu managen, eine Einleitung sei mit besseren Outcomes verbunden. Durch eine Amniotomie würden die Kontraktionen besser und die Geburt verkürzt. Ein Arzt lobt die Segnungen medikamentöser Schmerzbekämpfung, die die Geburt zu einem „Fun“-Event werden lassen (Morris & McInerrney 2010: 137). Der Kaiserschnitt als Instrument der Krisenbewältigung und als sichere und schöne Geburtsoption wird ständig medial bestätigt.
„Ein gewisses Maß an Zweifeln“
Populäre Geburts-Doku-Soaps werden von Jugendlichen und werdenden Eltern oft als Informationsquelle bewertet, während Hebammen und ÄrztInnen über unrealistische Vorstellungen und Fehlinformationen durch diese Sendungen klagen (Morris & McInerrney 2010). Für die meisten Frauen sind solche Filme die einzige Möglichkeit, eine Geburt zu sehen, bevor sie selbst gebären. Wie verbreitet der Konsum von Geburtsfilmen insbesondere bei Schwangeren und werdenden Eltern ist oder war, ist für hiesige Verhältnisse schwer einzuschätzen. Lauren Rink hat in einer Befragung von US-amerikanischen Studentinnen das Fernsehen als Hauptinformationsquelle zum Thema Geburt (90 Prozent) ausgemacht, gefolgt von Eltern und Familie (89 Prozent), Kino-Filmen (77 Prozent) und dem Internet (56 Prozent). Freunde wurden von 46 Prozent, Bücher von 36 Prozent, ÄrztInnen von 33 Prozent, Hebammen und Krankenschwestern von 4 beziehungsweise 6 Prozent genannt (Mehrfachnennungen waren möglich) (Rink 2012: 46). In den USA wird regelmäßig eine umfassende Befragung junger Mütter, „Listening to Mothers“, durchgeführt. Der Medizinstatistiker Eugene Declercq und sein ForscherInnenteam erfuhren, dass zwei Drittel der Frauen, die 2005 ein Kind bekommen hatten, regelmäßig Doku-Soaps anschauten. 72 Prozent von ihnen waren Erstschwangere. Ein Drittel von ihnen räumte zwar ein, sich dadurch mehr Sorgen zu machen. 70 Prozent waren aber auch der Meinung, aufgrund der Sendungen besser Bescheid zu wissen, wie eine Geburt eigentlich ist. 50 Prozent meinten, sie hätten mehr medizinische Begriffe und Techniken kennengelernt, und 35 Prozent gaben an, ihre Präferenzen für die Geburt klären zu können (Declercq 2006: 24).
Jennifer Hall untersuchte 2013 den Medienkonsum von Frauen mit sogenannten High-risk-Schwangerschaften anhand von Interviews. Die Frauen berichteten, dass ihre persönlichen Erfahrungen nicht mit den medial vermittelten Bildern, vor allem in den Reality-TV-Sendungen, übereinstimmten, was sie frustrierte.
Kathrin Stoll und Wendy Hall fanden 2013 in einem Forschungsprojekt an der University of British Columbia, Vancouver, heraus, dass kanadische Studentinnen, die ihre Vorstellungen von Schwangerschaft und Geburt vorwiegend aus den Medien bezogen, signifikant mehr Geburtsängste hatten als diejenigen, die ihre Informationen aus eigener Anschauung oder von Familienangehörigen, Freunden und Freundinnen bezogen. Die Angst-Scores waren am niedrigsten bei denjenigen, die schon einmal eine Hausgeburt miterlebt hatten, etwas höher bei einer Klinikgeburt und am höchsten bei denen, die eine Geburt in TV, Video oder Internet gesehen hatten (Stoll & Hall 2013: 230). Auch wenn diese Ergebnisse vorsichtig zu interpretieren sind, sollten die höheren Angstlevel ernstgenommen werden, da diese negative Auswirkungen auf den Geburtsverlauf haben können. Geburtsangst ist assoziiert mit einer längeren Geburtsdauer, mit einer höheren Rate an vaginaloperativen Entbindungen, Wunsch- und Notkaiserschnitten sowie PDA (Adams et al. 2012; Stoll & Hall 2013).
Auch wenn viele dazu neigen, die Darstellung von Geburt in den Sendungen als realistisch zu interpretieren, rufen diese Filme keine Einbahnstraßen-Effekte hervor, denn Mediennutzerinnen spielen eine aktive Rolle bei der Interpretation (Luce et al. 2016: 6f). Bröker (2005: 96) sammelte Postings aus einem deutschen Schwangeren-Portal, wo viel Skepsis gegenüber der Unterhaltungsindustrie und den Serien geäußert wurde. So hieß es: „Man sollte beim Fernsehen sowieso immer ein gewisses Maß an Zweifeln haben und nicht alles glauben, was sie dir dort als toll verkaufen“.
Geburt in den neuen Medien
Medien als Informationsquellen für Schwangere gewinnen immer mehr Bedeutung. Das Internet setzt sich als Plattform für Austausch, Kommunikation, Information, Vernetzung und Diskussion immer mehr durch. In der neuesten Auflage von „Listening to Mothers III“ werden zwar professionelle Betreuungspersonen als wichtigste Anlaufstellen angegeben (Declercq et al. 2013: 10f.). Danach kommen jedoch schon themenspezifische Websites und Apps, die von der Hälfte der Befragten genutzt werden. Die meisten verwenden mehrere Geräte wie PC/Laptop, Tablet und Handy. Die Vertrauenswürdigkeit kommerzieller Websites wird am niedrigsten eingeschätzt, die der jeweiligen Betreuungspersonen am höchsten. Aufgrund der Anonymität ist die Hemmschwelle gering, unterschiedliche Standpunkte polemisch zu vertreten. In der GEK-Kaiserschnitt-Studie von Ursula Lutz und Petra Kolip, wurden 120 Postings zum elektiven Kaiserschnitt ausgewertet. 40 Prozent sprachen sich dafür aus. Das häufigste Argument war, den Geburtsschmerz zu umgehen, „…schließlich leben wir ja nicht mehr im Mittelalter.“ (Lutz & Kolip 2006: 118ff.) Die GegnerInnen des Wunschkaiserschnitts führten unter anderem Schmerzen und Probleme nach der OP, mangelnde Natürlichkeit und Nachteile für das Kind an (Lutz & Kolip 2006: 118). Für Frauen, die in speziellen Foren ihre Geburtsgeschichten teilen, bedeutet dies eine Möglichkeit, sich selbst zu heilen, zu feiern, andere zu unterstützen, zu informieren und politische Veränderungen anzustoßen (Hensley Owens 2010).
Resümee
Im 21. Jahrhundert ist die Geburt im Fernsehen und im Internet Alltag geworden. Millionen Menschen ist ein Vorgang öffentlich zugänglich, der bis vor kurzem – außer für nahestehende Personen oder medizinisches Personal – im privaten Raum blieb. Unzählige, von jungen Eltern erstellte Geburtsvideos kursieren im Netz. YouTube wurde zu einem neuen Raum der Geburtsrepräsentation. Die Analyse von Hunderten von Geburts-Videos von Robin Longhurst ergibt ein letztlich eingeschränktes normatives Bild von meist weißen Mittelschichts-Frauen auf dem Weg zur selbstlosen Mutterschaft (Longhurst 2009). Obwohl Zeitungen und Zeitschriften immer noch einen wichtigen Part der Massenmedien ausmachen, sind sie in den Medienanalysen zu Geburt unterrepräsentiert, wie Ann Luce 2016 feststellt. Hebammen sollten verstärkt mit Medien zusammenarbeiten und ihre Pressekontakte ausbauen, lautet ihr Resümee. Dem schließe ich mich an.
www.tvnow.at/rtlplus/mein-baby/list/staffel-3
www.rtl2.de/sendung/babys-kleines-wunder-grosses-glueck
http://atv.at/teenager-werden-muetter-staffel-10/ (letzter Zugriff jeweils: 26.10.2016)
Bröker, C: Aspekte der Inszenierung von Schwangerschaft und Geburt: Eine Untersuchung der Docu Soap Hallo Baby (III: Staffel, VOX 2004). Unveröffentl. Magisterarbeit 2005. Universität Lüneburg
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