Illustration: © Birgit Heimbach
Ich habe gerade meinen Dienst begonnen. Die Kollegin vom Frühdienst sitzt mit der diensthabenden Ärztin zusammen. Sie diskutieren. »Ich möchte sie gerne hierbehalten, sie hat schon ein paar Stunden Wehen«, sagt die Ärztin. Die Kollegin kontert: »Die Wehen sind noch ganz schwach und der Muttermund ist erst »fidu«. Sie hat nichts Besonderes in der Anamnese, schick sie nach Hause!« Derweil schaue ich auf die Tafel, welche Schwangeren heute zu versorgen sind. Auf der Station liegt eine Erstgebärende in der 26. Woche mit fraglichen vorzeitigen Wehen. Außerdem eine Drittgebärende mit einer Gallenblasenentzündung. Und im Kreißsaal wartet nur die Erstgebärende drei Tage vorm Termin mit leichten Kontraktionen.
Ich mische mich ein: »Wie wär´s, wenn wir die Frau selbst fragen, was sie will?« Kollegin und Ärztin schauen mich überrascht an. Daran hat noch keine gedacht. In der Aufnahme spreche ich mit der Frau: Sie ist ganz klar, dass sie hierbleiben möchte. Sie hat eine lange Anfahrt und kommt nicht gut mit den Kontraktionen zurecht. Wir klären, dass sie ein Familienzimmer beziehen kann, in das dann auch schon der Mann aufgenommen werden kann.
Dort erkläre ich den beiden, dass dies die Latenzphase ist und was der Körper dabei alles im Verborgenen tut. Ich erkläre der Frau, dass ihre Schmerzen in Rücken und Leiste vom Lendenmuskel herrühren. Ich zeige den beiden, wie sie sich selbst Erleichterung verschaffen und wie ihr Mann sie mit einer sanften Schuckelmassage entspannen kann. Ich bereite das Paar darauf vor, dass eine lange Latenzphase nichts damit zu tun hat, wie langsam oder schnell es danach weitergeht. Und dass sie zwar immer mal wieder spazierengehen kann, aber auch die Gelegenheit nutzen sollte, um sich auszuruhen. Dann statte ich sie noch mit einer Elterninfo zu Bewegung und Geburtspositionen aus und biete ihnen ein Mandalaheft und Buntstifte an – vielleicht hat die werdende Mutter Lust, für ihr Kind ein Geburts-Mandala auszumalen, um sich abzulenken? Schließlich erkläre ich dem Partner noch, wie er sich ins freie WLAN der Klinik einloggen kann, damit sie ihre Lieblings-Musik streamen, und wie sie mich telefonisch erreichen können. Als ich drei Stunden später nach ihnen schaue, sind die beiden fest eingeschlafen.
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