Im Jahr 2022 wurde bei 84,17 % aller Geburten mindestens ein Risikofaktor dokumentiert, mit dem ein erhöhter Überwachungsbedarf begründet werden kann. Foto: © WavebreakMediaMicro/stock.adobe.com

Das Nationale Gesundheitsziel »Gesundheit rund um die Geburt« verfolgt das Ziel, die Gesundheit von Frauen und deren Kindern während Schwangerschaft, Geburt und danach bestmöglich zu fördern und zu unterstützen (BMG, 2017). Gleichzeitig existiert Unzufriedenheit mit der geburtshilflichen Versorgung in Deutschland, da gesunde Frauen mit einer zunehmenden Pathologisierung und Medikalisierung sowie verschiedenen strukturellen Problemen während der Lebensphasen Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett konfrontiert sind (Hertle, 2021).

Um dieses Spannungsfeld rund um die geburtshilfliche Versorgung umfassender zu evaluieren, wurden über das BARMER Institut für Gesundheitssystemforschung (bifg) Analysen zur aktuellen geburtshilflichen Versorgung durchgeführt (bifg, 2025). Die Versicherungsdaten der BARMER-Versicherten bildeten hierzu die Datengrundlage, die anhand eines Hochrechnungsfaktors auf die Gesamtbevölkerung umgerechnet wurden.

Einblicke in den Versorgungskompass

Sehr interessante Einblicke geben beispielsweise die Daten zu Schwangerschaften mit und ohne Überwachungsbedarf. Hierzu wurde aufgezeigt, dass 2022 mehr als vier Fünftel aller Frauen in Deutschland während der Schwangerschaft mit einem »Risiko« konfrontiert wurden: Bei 84,17 % aller Geburten wurde mindestens ein Faktor dokumentiert, mit dem ein erhöhter Überwachungsbedarf begründet werden kann. Am häufigsten waren hierbei:

  • 22,3 %: Überschreitung des errechneten Geburtstermins
  • 17,2 %: Frühere Gebärmutteroperationen
  • 17,2 %: Wiederholter Schwangerschaftsverlust/Fehlgeburten.

Die Daten zeigen auf, dass als »Risikofaktoren«-Diagnosen berücksichtigt wurden, die kontrovers diskutiert werden, wie beispielsweise die Überschreitung des errechneten Geburtstermins als häufigste Diagnose, jedoch auch:

  • 16,3 %: Stationärer Aufenthalt während der Schwangerschaft
  • 12,8 %: Vorausgehende Geburt eines Kindes über 4.000 oder unter 2.500 Gramm
  • 7,5 %: Erstgebärende unter 18 Jahren
  • 1,1 %: Mehrgebärende über 40 Jahre.

Dem standen 15,83 % aller Geburten im Jahr 2022 gegenüber, die keinen erhöhten Überwachungsbedarf hatten.

Abbildung: Schwangerschaften mit Überwachungsbedarf gemäß Mutterschaftsrichtlinie im Jahr 2021 in Deutschland
Abbildung: Schwangerschaften mit Überwachungsbedarf gemäß Mutterschaftsrichtlinie im Jahr 2021 in Deutschland Abbildung: © bifg

Plädoyer für einen Kulturwandel

Die Daten des Versorgungskompass unterstreichen das Plädoyer für einen Kulturwandel in der geburtshilflichen Versorgung (Hertle, 2021), da in Deutschland derzeit der Großteil aller schwangeren Frauen mit irgendeiner Form von »Risiko« oder »besonderem Überwachungsbedarf« konfrontiert ist. Die derzeitige geburtshilfliche Realität in Deutschland steht im Widerspruch zur Einschätzung der Weltgesundheitsorganisation: Die WHO nämlich schätzt den Großteil aller 140 Millionen schwangeren Frauen weltweit pro Jahr als »Low-Risk-Gebärende« ein (WHO, 2018).

Hinweis: Auf der Homepage des bifg finden sich Daten, Grafiken und umfassende Darstellungen zu den Themenbereichen Frauen und Geburten in Deutschland, Leistungsangebote von Hebammen, abgerechnete Leistungen freiberuflicher Hebammen, Häufigkeiten von »Risikofaktoren« sowie der Anzahl von CTG und Ultraschalluntersuchungen während der Schwangerschaft: https://www.bifg.de/versorgungskompass/geburtshilfe-und-hebammenversorgung

Literatur

Quellen

BIFG. (2025). Barmer Institut für Gesundheitssystemforschung. Versorgungskompass »Geburtshilfe und Hebammenversorgung« [Online]. Available: https://www.bifg.de/versorgungskompass/geburtshilfe-und-hebammenversorgung [Accessed 17.Sept. 2015].

BMG, (2017). Bundesministerium für Gesundheit. Nationales Gesundheitsziel. Gesundheit rund um die Geburt. BMG-G-11077.

HERTLE, D. S., E., HAUFFE, U. (2021). Plädoyer für einen Kulturwandel in der geburtshilflichen Versorgung. In: REPSCHLÄGER, U. S., C.; OSTERKAMP, N. (ed.) Gesundheitswesen aktuell 2021.

WHO (2018). World Health Organisation. WHO recommendations. Intrapartum care for a positive childbirth experience., Geneva, WHO-Press.