Gesichter der ersten Online-Tagung zum Thema „Sex, Spirit & Birth“ Foto: © Kiria Vandekamp; www.sexspiritbirth.de

Ein virtueller Kongress zum Thema „Sex, Spirit & Birth“? Wie kommt man darauf, einen Online-Kongress zum Thema Geburt zu veranstalten? Die Niedrigschwelligkeit des Angebotes, in einem großen Rahmen über Geburt zum Austausch zu kommen, ist ein großer Gewinn. Erfahrungen mit einem Projekt, dessen Inhalt und Akzeptanz die Initiatorin nachhaltig begeistert. 

„Die Frauen könnten die Geburt durchaus als sehr lustvoll erleben, wenn Umgang und Einstellung zur Geburt sich ändern würden.“ – Dr. med. Mehdi Djalali, Geburtshelfer

Die schöpferische Gebärkraft der Frau liegt für mich nicht ausschließlich im Gebären physischer Kinder. Vielmehr geht es auch um das Austragen, Gebären und Nähren von allen möglichen Ideen, Projekten und Visionen durch ihr ganzes Leben hindurch, auch weit über ihre fruchtbaren Jahre hinaus. Die Prozesse, die wir dabei durchlaufen, haben eine große Ähnlichkeit mit Schwangerschaft und Geburt. Man kann sehr interessante Parallelen entdecken, in denen sich unsere Grundmuster, wie wir mit dem Leben umgehen, spiegeln, meist beeinflusst durch unsere eigene frühe Prägung.

Ein Online-Kongress ist eine Veranstaltung, die nur im Internet stattfindet. Im englischen Sprachraum schon seit Jahren bekannt, erobern Online-Kongresse nun auch den deutschen Sprachraum. Hierbei ist es in der Regel so, dass ein Veranstalter diverse Gäste zu Interviews oder Vorträgen rund um ein ausgewähltes Thema einlädt, diese Gespräche als Audio- oder Videodateien aufnimmt und zu einem bestimmten festgesetzten Zeitpunkt oder Zeitraum über eine zugehörige Kongresswebseite ausstrahlt. Meist sind diese Interviews dann für 24 bis 48 Stunden kostenfrei anschaubar und werden darüber hinaus als digitales Download-Produkt zum Kauf angeboten.

Ein Bewusstsein schaffen

Für den Online-Kongress, der im Februar 2016 stattfand und unter dem Motto „Sex, Spirit & Birth Online Kongress 2016“ etwa 2.000 TeilnehmerInnen anlockte, habe ich 27 Fachfrauen und 2 Fachmänner rund um die Themen Sexualität, Spiritualität und Geburt und deren Verbindung und Zusammenhänge interviewt. Diese durchschnittlich einstündigen Interviews fanden online statt. Wir haben uns dafür per Webcam in einem virtuellen Raum getroffen. Die Interviews habe ich auf Video aufgenommen, bearbeitet und im Februar während einer Woche online ausgestrahlt. Wer rechtzeitig davon erfahren hat, konnte sich während dieser Zeit an jedem Ort mit einem Internetzugang die Interviews kostenfrei anschauen, egal ob in Hintertupfingen, Paris oder Mumbai. TeilnehmerInnen des Kongresses konnten sich darüber hinaus über eine geschlossene Facebook-Gruppe mit mehr als 450 TeilnehmerInnen austauschen. Die Gruppe besteht auch weiterhin. Es gab zusätzlich zwei Live-Calls mit mir per Telefonkonferenz, in denen TeilnehmerInnen Fragen rund um die Kongressthemen stellen konnten.

Durch meinen beruflichen Hintergrund als Hebamme und Fachfrau für tantrische Körperarbeit war es mir sehr früh ein Anliegen, die Themen Sexualität, Spiritualität und Geburt zu verbinden und mehr Bewusstsein darüber zu schaffen. Zum Glück wusste ich bereits vor meiner Hebammenausbildung, dass es Frauen gibt, die Geburt als schmerzfrei oder sogar als lustvoll erleben und widmete diesem Thema meine Jahresarbeit am Ende meiner Ausbildung: „Lustvoll gebären – Mythos oder Möglichkeit?“

Wenn Frauen noch mehr begreifen würden, dass die Geburt nicht getrennt ist von ihrem sexuellen Erleben und ihrer eigenen Geschichte und wenn sie den Mut hätten, hier Bewusstsein zu schaffen und aufzuarbeiten, hätten sie eine viel größere Chance auf ein befriedigendes Geburtserlebnis.

Bei Geburten, die dieselbe Atmosphäre von Sicherheit, Intimität, Geborgenheit und Ungestörtheit brauchen, wie das sexuelle Erleben, bei denen auch dieselben Körperorgane und Gewebe beteiligt sind und sogar dieselben Hormone, wo wir uns als Gebärende entblößen und hingeben müssen, laut atmen, schwitzen, stöhnen und ausscheiden, da wundert man sich nicht, wenn es aufgrund von Störungen zu Dystokien und Komplikationen kommen kann.

Ein Netzwerk für das Sprechen über Geburt

Ich möchte Frauen aufzeigen, dass eine viel größere Bandbreite an Geburtserleben möglich ist, als sie bisher angenommen haben, denn sie sind häufig geprägt durch negative Erzählungen anderer Frauen oder durch effektheischende, dramatische Geburtsdarstellungen in den Medien. Den Kongress habe ich ins Leben gerufen, weil es mein Wunsch war, Frauen zu stärken, ihnen Wissen an die Hand zu geben und ihnen zu zeigen, dass es wichtig ist, Geburt in einem ganzheitlichen Kontext zu betrachten, um sich gut vorzubereiten. Sie sollten erfahren, dass es in ihrer Macht liegt, ihr Kind zu gebären und dass ihr Körper schlau und wundervoll ist, sogar wenn es zu einem Geburtsstillstand kommt. Der Körper hat meist gute Gründe dafür und diese gilt es dann herauszufinden.

Ich wollte ihnen nahebringen, dass das Erleben ihrer Sexualität und ihre sexuelle Geschichte sehr wichtig sind für eine natürlich verlaufende Geburt und wie hilfreich es ist, sich im Vorfeld damit auseinanderzusetzen. Außerdem wollte ich Frauen ansprechen, die sich sehnen nach der Achtung ihres weiblichen Körpers, ihrer Zyklen und ihrer Schöpfungskraft, die Geburt als ein heiliges Fest erleben möchten. Diese Frauen wollte ich vernetzen und die Möglichkeit für einen Austausch schaffen.

Meine Gäste waren vielfältig und ausgewählt aufgrund ihrer Arbeit, Erfahrung und Einstellung zu den Themen des Kongresses oder auch ihrer Publikationen. So kamen Hebammen, Doulas und spirituelle Geburtsbegleiterinnen genauso zu Wort, wie Tantra-Masseurinnen, eine Pastorin, ein Bio-Dynamiker, eine Psychotherapeutin, eine Bindungsanalytikerin und ein haptonomisch arbeitender Gynäkologe und Geburtshelfer. Es waren Buchautorinnen dabei und Yogalehrerinnen, Birth Coaches und Alleingebärende.

Die meisten dieser ExpertInnen beschäftigen sich schwerpunktmäßig mit mindestens einem der Themen Sexualität, Spiritualität und Geburt, manche verbinden zwei und einige wenige sogar alle drei miteinander.

Resümee

Die Rückmeldungen zu diesem Kongress waren überwältigend positiv, sowohl von den Frauen, wie von Hebammen, Doulas, TherapeutInnen und meinen InterviewpartnerInnen.

Einen Online-Kongress zu veranstalten, kostet viel Zeit und Arbeit, vor allem, wenn man so gut wie alles selbst macht. Was ich nicht konnte, habe ich recherchiert, gelernt und umgesetzt. Das war nur möglich, indem ich meine sonstige Hebammenarbeit für etwa sechs Monate deutlich reduziert habe. Wenn ich manchmal dachte, ich schaffe es nicht, habe ich mir gesagt, wenn es nur einer Frau hilft, eine schönere Geburtserfahrung zu haben, dann hat es sich gelohnt.

Manche kritische Stimmen haben im Voraus bezweifelt, ob es möglich sei, über intime und auch tiefgehende Themen übers Internet zu sprechen. Im Rückblick auf den Kongress und meine Erfahrung mit intensiven Beratungssitzungen per Telefon und Videokonferenz kann ich sagen, dass es möglich ist. Wenn es einem gelingt, wirklich in Kontakt zu gehen mit der Person am anderen Ende und wahrhaft präsent zu sein, dann ist die räumliche Distanz kein Thema mehr, dann löst sie sich auf und man ist sich plötzlich ganz nah. Genau das ist ja auch eine Fertigkeit, die zur Kunst des Hebammenberufes gehört – in kurzer Zeit eine innige Vertrautheit zu schaffen – heutzutage eben auch übers Internet.

Nachgefragt

? Dr. Angelica Ensel: Der Rahmen, den Sie mit einem Online-Kongress für dieses intime Thema gesteckt haben, ist sehr global. Ist das auch ein Spagat? Hatten Sie Zweifel, ob ein so ausgerichteter Kongress im Internet am Thema scheitern könnte?

Kiria Vandekamp: Eigentlich nicht. Durch meine eigene Teilnahme an diversen anderen Online-Kongressen war mir bewusst, dass es möglich ist, auch virtuell in einen nahen Kontakt zu kommen, wenn ich authentisch bin und eine persönliche Verbindung mit meinen InterviewpartnerInnen aufbauen kann. Ich war nicht sicher, wie das Thema insgesamt ankommt und war über den großen Zuspruch überrascht.

Nach welchen Kriterien haben Sie das Spektrum der Beiträge gestaltet? Welche Aspekte sollten darin unbedingt vorkommen? Ich habe ExpertInnen gesucht, die sich mit einem oder mehreren der Themen Sexualität, Spiritualität und Geburt intensiv beschäftigen, die ich persönlich interessant fand und deren Botschaft eine Bereicherung für meine ZuschauerInnen sein würde. Es sollten Menschen sein, die grundsätzlich der Vorstellung einer schmerzarmen oder lustvollen Geburt offen gegenüberstehen oder sogar Erfahrung damit haben.

Die Art und Weise, wie wir über Geburt sprechen, prägt unsere Sicht auf das Leben an sich. Welche Erfahrungen haben Sie aus Ihrem Projekt in dieser Hinsicht ziehen können? Die meisten Frauen haben negative Geburtsgeschichten anderer Frauen aus den Medien im Kopf, wenn sie schwanger werden. Die meisten von ihnen haben keine Ahnung davon, dass Geburt auch ein schönes und bekräftigendes Erlebnis sein kann. Die Geburt ist ein Teil des sexuellen Erlebens einer Frau und prägt ihr weiteres Leben und Erleben immens. Wie wir, gerade als Hebammen, über Geburt zu den Frauen sprechen, beeinflusst sie enorm. Wir haben die Wahl, ob wir ihnen Hoffnung geben und Werkzeuge, oder ob wir ihre Hoffnung im Keim ersticken.

Ist ein Online-Kongress ein geeignetes Medium, um über Gebären zu sprechen? Wird es eine Wiederholung geben? Auf jeden Fall. Es ist eine gute Möglichkeit Frauen zu erreichen und positive Bilder und Hintergrundwissen über Geburt zu vermitteln. Aufgrund der regen Nachfrage mache ich eine Wiederholung des Kongresses mit zusätzlichen, neuen Interviews vom 28. November bis 8. Dezember 2016.

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