Illustration: © Birgit Heimbach

In der Regel schule ich in meinen Fortbildungen Hebammen und frage zu Beginn nicht nach den Berufen der Teilnehmenden. Wir sind also meist »unter uns« und behandeln nicht nur Fachliches, sondern üben auch mal Kritik: an der Geburtshilfe als Ganzes oder an den beteiligten Berufsgruppen.

Als Seminarleitung achte ich darauf, dass möglichst keine pauschalen Schuldzuweisungen erfolgen. Wenn beispielsweise eine geburtsvorbereitende Hebamme »die Kliniken« kritisiert, ist das weder zielführend noch fair den Hebammen gegenüber, die unter großer persönlicher Belastung versuchen, dort eine gute Geburtshilfe zu gewährleisten.

Wenn Klinikhebammen einwenden, dass außerklinische Geburten per se einfacher zu betreuen seien, weil diese Frauen ein besseres Körpergefühl hätten und sehr motiviert seien, dann widerspreche ich ebenfalls – denn es gibt durchaus »schwierige« Geburtsbegleitungen in der Hausgeburtshilfe und im Geburtshaus.

Wenn ich selbst über Probleme in der Geburtshilfe spreche, bemühe ich mich darum, diese auf Evidenzen und mit sachlichen Argumenten zu begründen. Es ist allerdings nicht so einfach, Kritik zu üben und dabei immer sachlich und achtsam zu bleiben. Denn es ist verführerisch, die Verantwortung für Fehlentwicklungen einfach pauschal auf eine andere Berufsgruppe zu schieben. Tatsächlich gibt es im Kreißsaal durch die spezielle Struktur von geteilter Verantwortung und gleichzeitiger Hierarchie ein großes Konfliktpotenzial . Aber es gibt auch individuelle Wege, damit umzugehen.

Manchmal passiert es, dass sich noch in der Abschlussrunde eine Teilnehmende als Ärztin outet. Dann wird mir ganz heiß und ich überlege sofort, was ich alles von mir gegeben habe – und ob sie sich von mir oder anderen anwesenden Hebammen angegriffen gefühlt haben könnte.

Inzwischen versuche ich einfach, immer so zu arbeiten und zu sprechen, als seien sowohl Hebammen als auch Ärzt:innen anwesend. Das verändert nicht nur meinen Unterricht, sondern auch mein Denken. Ich versuche auf Augenhöhe mit anderen zu sprechen. Wir sollten überhaupt mehr miteinander sprechen als übereinander.

Zitiervorlage
Franke T: Auf Augenhöhe sprechen. Deutsche Hebammen Zeitschrift 2022. 74 (6): 116

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