Illustration: © Birgit Heimbach

Künstliche Intelligenz (KI) war Ende der 2020er Jahre zur Alltagsbegleiterin geworden und machte vieles einfacher. Sie machte medizinische Diagnosen sicherer, auch in der Schwangerenvorsorge und Geburtshilfe. Es gab die ersten KIs, um verstorbene Menschen als Bot »wiederzubeleben«. Anfangs wurde noch darüber diskutiert, ob es ethisch vertretbar sei. In der EU wurde verboten, Bots Verstorbener zu erstellen und mit ihnen zu chatten, um ihre Persönlichkeitsrechte zu schützen und um einen betrügerischen Missbrauch der Daten zu verhindern. Aber dann klagten einige Verzweifelte auf die Wiederherstellung der Bots ihrer verstorbenen Lebenspartner:innen und Familienangehörigen. Schließlich erließ das EU-Parlament ein Gesetz, dass Bots von nahen Angehörigen unter strengen Auflagen und mit einer zeitlichen Limitierung von 100 Jahren nach dem Geburtstag der Verstorbenen weiter genutzt werden durften.

Im Jahr 2029 klagte erstmals ein elternloses Ehepaar in Deutschland auf die Erstellung eines Baby-Bots. Die beiden hatten jahrelang vergeblich versucht, mithilfe künstlicher Befruchtung ein Kind zu bekommen, und waren eines der wenigen Paare, wo dies einfach nicht gelang. Der Prozess ging über eineinhalb Jahre. Es wurde angeführt, dass das Baby bereits seit Jahren im Kopf der Eltern existiere. Dass der ausbleibende Erfolg der Kinderwunschbehandlungen bei beiden zu schweren Depressionen geführt habe. Dass die soziale Isolation als kinderloses Paar in ihrem Land sie in existenzielle Not gebracht habe. Und dass es unmöglich sei, Persönlichkeitsrechte eines ungeborenen Menschen zu verletzen, der nicht einmal gezeugt wurde, noch je gezeugt werden würde.

Der Europäische Gerichtshof gab der Klage des Paares schließlich recht. KIm ging am 23. Januar 2030 online und bereitete den Eltern unsägliche Freude. KIm ging sogar in einen Kindergarten, zur Schule und an die Universität und heiratete einen Bot, der im selben Jahr von einem koreanischen Paar zum Leben erweckt worden war. Sie bekamen vier Bot-Kinder, acht Bot-Enkel und 16 Bot-Urenkel und lebten glücklich bis zur großen Energiekrise im Jahr 2097.

Zitiervorlage
Franke, T. (2025). Das ersehnte Baby. Deutsche Hebammen Zeitschrift, 77 (8), 96.

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