Illustration: © Birgit Heimbach

Längst fühle ich mich abgehängt von meinen Kindern, wenn es um Begrifflichkeiten der deutschen Grammatik geht. Viel zu lang ist meine Schulzeit her. Da gibt es Verben mit verschiedenen Eigenschaften. Sie verändern sich, je nachdem, welche Anteile ein Satz enthält. Mit praktischen Beispielen wird es leichter. Ich verstehe nur Bahnhof, aber einen Versuch ist es wert:

Das Verb gebären ist intransitiv, wenn ich das Akkusativobjekt weglasse. Beispiel: Die Frau gebärt. Transitiv wird das Beispiel dann, wenn das Kind hinzukommt. Die Frau gebärt das Kind! Aktiv!

Wie aber ist es, wenn die Frau vom Kind entbunden wird? Oder wird sie gar nicht des Kindes, sondern von der Hebamme entbunden? Ist das auch aktiv?

Worte haben eine Bedeutung. Manchmal eine sehr offensichtliche, manchmal eine tiefere. Oder auch einen Deutungsspielraum. In unserem Team versuchen wir, unsere Sprache als Hebammeninstrument einzusetzen. Wir gewöhnen uns daran, Frauen zu unterstützen, statt sie als hilfebedürftig zu empfinden. Worte wie Geburtstermin müssen recht konsequent dem Geburtszeitraum weichen. Und das Bemühen, wegzukommen von einer auf Defizite ausgerichteten, diffusen Sprache lässt uns, statt von Risiken zu sprechen, eher nach Gesundheitszeichen oder Anzeichen echter potenzieller Gefahren suchen. Zumal der Risikobegriff sowieso eher mit einer mathematisch berechneten Population und ihren Merkmalen, als mit dieser einen Frau und ihrem Kind im Bauch zu tun hat.

Worte können mächtig sein. Oft kommt es vor, dass eine Betreute uns beim zweiten Termin gegenübersitzt, und sehr bewusst davon spricht, wie und wo sie ihr Kind gebären möchte. Auch werdende Hebammen verwenden nach sechs Wochen Externat nicht mehr das Wort Entbindung. Das Zuhören formt ihre Sprache.

Worte können eine Bedeutung oder einen Sinn ausdrücken. Aber sie können auch stellvertretend für eine grundsätzliche Denkweise oder Weltsicht bedeutsam werden.

Es braucht ein bisschen Zeit und Bewusstwerdung, dann kann aus dem Werbeslogan »Gebären, statt entbunden werden!« eine tiefe Bedeutung an Stelle einer leeren Worthülse entstehen. Sprache ist ein Hebammeninstrument!

Zitiervorlage
Steinmann J: Macht der Worte. DEUTSCHE HEBAMMEN ZEITSCHRIFT 2020. 72 (3): 136

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