Illustration: © Melanie Garanin
Nicht selten erlebe ich Frauen, die sich perfekt auf die Geburt ihres Kindes vorbereiten wollen. Sie lernen das Atmen, sie üben Entspannungstechniken, sie turnen sämtliche Gebärhaltungen in der Vorbereitung durch und nehmen sich den Tipp ihrer Wochenbetthebamme, sich während der Geburt bloß nicht hinzulegen, so ernst, dass sie in der Latenzphase im Stehen einschlafen.
Es scheint, dass es so viel vorzubereiten gibt für diese aktive, selbstbestimmte Geburt und dass mit der Anzahl der Vorbereitungsmöglichkeiten eben auch die Chancen steigen, dass man als Gebärende auch wirklich Vieles falsch machen kann.
Je länger ich dieses Phänomen beobachte und darüber nachdenke, desto mehr komme ich zu dem Schluss, dass selbst das Gebären zu einer bewerteten Challenge in unserer leistungsorientierten Gesellschaft geworden ist. Machst du es gut, hast du gut geübt, stellst du dich gut an – dann wird es eine gute Geburt! Und wenn etwas nicht gut läuft? Dann suchen nicht wenige Frauen den Fehler bei sich. »Vielleicht war ich zu verkopft? Hätte ich noch mehr Treppensteigen müssen? Wahrscheinlich habe ich mein Ungeborenes im Stich gelassen, weil mich der Schmerz so absorbiert hat!«
Womöglich gilt es für uns als Hebammen in der Geburtsvorbereitung mit der Frau noch andere wesentliche Aspekte aufzugreifen und physiologisch und philosophisch aufzudröseln: Ist es nicht so, dass ein großer Teil der fortgeschrittenen Eröffnung darin besteht, dass die Gebärende in eine annehmende, eine zulassende, eine öffnende und sich hingebende Haltung finden muss? Hat sie nicht genau dafür den instinktiven Impuls, sich vom Schmerz, von der Kraft, vom Druck, ja von ihrem Kind leiten zu lassen? Hat nicht genau sie so viele Körpermöglichkeiten des sinnvollen Ausweichens und Weitwerdens? Ein mobiles Steißbein? Aufgelockerte Fugen? Weiche Gewebe im Beckenraum? Befeuchtung und Gleitstoffe für die Vagina?
Und ist es nicht das Kind, das ausgestattet ist mit den aktiven Fähigkeiten? Mehr als einem Dutzend verschiedener Reflexe, um sich zu stellen, zu drehen, zu beugen, zu strecken. Sich mit den Füßchen im Fundus abzustoßen. Sich mit dem eigenen Adrenalinhaushalt so aufzuputschen, dass die Dynamik der Geburt entsteht. Das eigene Gebärtempo zu regulieren – schließlich verlässt es den Mutterleib für immer. Wie gut, schon als Frischgeborenes mit dem eigenen Rhythmus angenommen worden zu sein.
Und so sage ich mit Überzeugung in die fragenden Augen der Schwangeren, ob sie wohl genug vorbereitet sei: »Du erledigst maximal 50 Prozent der Arbeit. Mach dich weich, durchlässig, nachgiebig, gib dich hin! Und hab Vertrauen: Dein Kind gebärt sich!«
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