»Eine erstgebärende Frau kann auch bei einer Muttermundseröffnung von 6 cm noch in der Latenzphase sein.« Foto: © Taras Grebinets/stock.adobe.com

Wann die Geburt beginnt, zählt zu den spannenden und noch offenen Fragen der Forschung: Bislang wurde kein Biomarker, kein endokriner oder chemischer Botenstoff identifiziert, der sicher den Geburtsbeginn anzeigt und messbar macht. Die Latenzphase als Zeitraum vom Geburtsbeginn bis zur aktiven Eröffnungsphase wurde kürzlich von den beiden Geburtshelfern Wayne Cohen und Emmanuel Friedman genauer in den Blick genommen. Neue Aspekte dieser hoch sensible Phase der Geburt werden deutlich, andere fehlen noch. Ein interdisziplinärer Blick tut Not. 

Die Latenzphase beschreibt den Zeitraum vom Geburtsbeginn bis zum Beginn der aktiven Eröffnungsphase. Während dieser Phase finden nicht nur biochemische und elektromechanische Vorgänge, sondern vielfältige Umbauprozesse im Körper der Gebärenden statt. So verändert sich beispielsweise die Collagenstruktur der Zervix: Sie wird weicher, dünner und beginnt sich zu öffnen.

Kürzlich wurde im American Journal of Obstetrics and Gynecology ein Expert:innenreview der Geburtshelfer Wayne Cohen und Emmanuel Friedman veröffentlicht (Cohen & Friedman, 2023), das zum Teil grundlegend andere Aussagen als die »Graphicostatistical Analysis of Labour« des Co-Autors Emanuel Friedman aus dem Jahr 1955 enthält (Friedman, 1955).

Aufgezeigt werden Publikationen zu möglicher eigenständiger Kontraktilität des zervikalen Muskelgewebes, individuelle Verläufe der Latenzphase in Bezug auf die Eröffnung des Muttermundes, Vorwehen als Teil der Physiologie, der physiologisch einzustufenden Dauer der Latenzphase sowie psychologische Einflussfaktoren und die Betreuungsform.

Eigenständige Kontraktionen im zervikalen Muskelgewebe?

Die Autoren diskutieren anhand verschiedener Publikationen eine mögliche Aktivität der glatten Zervixmuskulatur (»Cervical Smooth-muscle«), die sich im oberen Zervixbereich neben dem Muttermund befindet: Diese zeige verschiedene Aktivitätsmuster, die sich von der Kontraktilität des Uterus unterscheiden und unabhängig davon auftreten. So existieren Annahmen, dass Kontraktionen des glatten zervikalen Muskelgewebes hauptsächlich in der Latenzphase auftreten und Einfluss auf die Dauer der Latenzphase haben. Hierzu wäre weitere Forschung wünschenswert, wie diese Kontraktion stimuliert oder beeinflusst wird beziehungsweise medikamentös stimuliert oder beeinflusst werden kann.

Retrospektiver Blick auf den Geburtsverlauf

Die Autoren diskutieren eine Vielzahl von Publikationen, die anhand verschiedener Angaben zwischen 3 und 6 cm Muttermundseröffnung das Ende der Latenzphase definieren. Aus Sicht der Autoren haben 74 % der Gebärenden bei einer Muttermundseröffnung von 5 cm die aktive Eröffnungsphase erreicht und damit die Latenzphase beendet. Jedoch befinden sich noch mindestens 10 % aller Gebärenden bei einer Muttermundseröffnung von 5 cm in der Latenzphase und somit noch nicht in der aktiven Eröffnungsphase. Die Autoren benennen den zwar unüblichen, aber möglichen Verlauf, dass eine Erstgebärende auch bei einer Muttermundseröffnung von 6 cm noch in der Latenzphase sein kann.

Retrospektiv könne anhand des Verlaufs der Eröffnungsgeschwindigkeit der Übergang zwischen Latenz- und Eröffnungsphase definiert werden, indem eine veränderte Eröffnungsgeschwindigkeit des Muttermunds grafisch aufgezeigt wird, was jedoch während der Geburt nur schwer möglich ist, da der Verlauf vorab nicht eingeschätzt werden kann. Weitere Forschung sei wünschenswert. Die Autoren betonen, dass die Wahl einer Zentimeterangabe als Ende der Latenzphase »willkürlich« sei. Sie warnen vor damit einhergehenden fehlerbehafteten Implikationen für die Praxis.

Vorwehen

Die Autoren geben zu bedenken, dass Vorwehen auftreten können, die die Gebärende als Geburtswehen erlebt, die jedoch keine messbaren Veränderungen im Bereich der Zervix bewirken. Diese Vorwehen können über mehrere Stunden andauern und wieder ganz aufhören. Aus Sicht der Autoren wäre es ein Fehler, Vorwehen als Geburtsbeginn zu definieren und Gebärende einseitig darin zu unterstützen und zu betreuen, dass eine einmalig begonnene Wehentätigkeit medikamentös und invasiv weiter vorangetrieben wird. Vorwehen könnten wieder ganz aufhören und zeigten keinen Geburtsbeginn an.

Cohen und Friedman weisen darauf hin, dass ein unzureichendes Verständnis zur Komplexität der Latenzphase dazu beitragen könnte, dass überflüssige Interventionen zu früh und zu häufig durchgeführt würden, wie beispielsweise eine Oxytocin-Unterstützung während der Geburt. Diese könnten das Auftreten einer fetalen Hypoxie sowie einer operativen Geburtsbeendigung bewirken.

Es gebe wenig sinnvolle klinische Messtechniken, um Vorwehen von Geburtswehen zu unterscheiden: So zeigte zwar eine Studie, dass eine Zervixlänge unter 1,5 cm bei 83 % der untersuchten Gebärenden den Geburtsbeginn anzeige, dies konnte jedoch in einer anderen Studie nur für 14 % aller Gebärenden verifiziert werden.

Dauer der Latenzphase

Die als normal anzunehmende Dauer der Latenzphase beträgt nach Einschätzung der Autoren ungefähr 20 Stunden bei erstgebärenden und 14 Stunden bei mehrgebärenden Frauen. Diese Phase könne jedoch nicht klar definiert werden, weil es sich um einen Zeitraum der Geburt handele, der keine klaren Grenzen habe. Gerade der initiale Beginn des Geburtszeitraumes könne nicht sicher bestimmt und daher zeitlich nur geschätzt werden.

Ursachen für eine verlängerte Latenzphase könnten übermäßige Analgesie der Mutter, Adipositas oder eine Chorioamnionitis sein, wobei ungefähr 10 % der Frauen mit einer protrahierten Latenzphase gar nicht unter der Geburt seien, sondern physiologisch einzustufende Vorwehen hätten, die ein abwartendes Vorgehen erforderten.

Tritt eine protrahierte Latenzphase auf, erfordere die Betreuung ein Abwägen. Dies umfasse entweder eine Unterstützung der Wehentätigkeit mit Oxytocin oder eine Förderung der mütterlichen Ruhe und ein abwartendes Vorgehen: Beide Maßnahmen zeigten eine ähnliche Effektivität auf die folgende Eröffnung des Muttermundes während der aktiven Geburtsphase, wobei eine sehr lange Latenzphase ein Vorbote weiterer geburtshilflicher Probleme sein könne.

Psychologische Einfluss­faktoren und Betreuungsform

Die beiden Geburtshelfer geben in ihrem Review zu bedenken, dass die Latenzphase emotional sehr belastend und herausfordernd für die Gebärende sein könne, besonders wenn sie über eine lange Zeitspanne verlaufe. Insbesondere für erstgebärende Frauen könne die Erfahrung der Latenzphase die erste Begegnung mit Geburtsschmerz sein, die nicht trivial abgewertet, sondern ernstgenommen werden sollte.

Daher komme einer guten Betreuung während der Latenzphase eine große Bedeutung zu. Existiere eine gute Beziehung zwischen der Gebärenden und der Betreuungsperson und werde die Möglichkeit einer langen Dauer der Latenzphase am besten schon während der Schwangerschaft thematisiert, könne die Gebärende besser mit verschiedenen Verläufen der Latenzphase umgehen. Die Auswirkungen einer emotionalen Betreuung und Ermutigung durch das ganze geburtshilfliche Team solle nicht unterschätzt werden.

Forschungsbedarf

Wayne Cohen und Emmanuel Friedman leiten verschiedene Implikationen zu weiterer Forschung ab, beispielsweise zur Wirkung von Medikamenten, Beruhigungsmitteln oder Sedativa auf Wehen und Latenzphase. Hier bestehe vor allem weiterer Forschungsbedarf zum Einsatz und der Wirkung von Oxytocin sub partu, Prostaglandinen und Misoprostol. Die Frage nach einer Differenzierung zwischen Vorwehen und Geburtswehen solle weiter erforscht werden.

Abkehr vom aktiven Management der Geburt

Das Review wurde durch ärztliche Geburtshelfer erstellt, wobei vor allem der Beitrag des Co-Autors Emmanuel Friedmann ins Auge fällt, da dieser in den 50er/60er Jahren das »aktive Management der Geburt« propagiert hatte (Friedman, 1955). Darin wurde unter anderem ein abwartendes Vorgehen in der Latenzphase kritisiert und durch aktives Eingreifen ersetzt. Begründet wurde dies mit einer besseren Planbarkeit der Geburt und besseren mütterlichen und kindlichen Outcome-Parametern. Zwischenzeitlich wurde gezeigt, dass Gebären in individuellen Rhythmen verläuft und dabei nach individuell verschiedenen Geburtsdauern gesunde Kinder geboren werden (Abalos et al., 2018).

Ein aktives Management der Geburt bewirkte in der Praxis über Jahrzehnte hinweg eine Vielzahl schlechter mütterlicher und kindlicher Outcome-Parameter und wird daher ausdrücklich nicht mehr empfohlen (WHO, 2018, AWMF, 2020).

In der vorgestellten Publikation von Cohen und Friedmann von 2023 wird eine Vielzahl initial getätigter und publizierter Annahmen zurückgenommen oder relativiert. Was jedoch noch fehlt, ist ein Verweis auf die klare Evidenzlage zur Effektivität der Eins-zu-eins-Betreuung durch eine Hebamme oder ein Hebammenteam.

Kritische Einordnung

Der Fokus der vorliegenden Publikation liegt auf einer ärztlich geprägten Perspektive und lässt eine interdisziplinäre Herangehensweise und multifaktorielle Beurteilung der Latenzphase vermissen. Es wäre wünschenswert, dieses Review interdisziplinär weiterzuentwickeln und einen Fokus auf die Frage nach einer effektiven Betreuung der Gebärenden während der Latenzzeit zu legen, zumal damit große Relevanz für den Alltag einhergeht. Ebenfalls werden eine Vielzahl verfügbarer Evidenzen nicht berücksichtigt, die den Wert einer gekonnten Nichtintervention beschreiben und deren Umsetzung empfehlen (WHO, 2018; AWMF, 2020; Abalos et al., 2018).

Die aktuelle Evidenzlage umfasst: Gebärende profitieren gerade in physiologischen Geburtsverläufen vielfältig von einer Eins-zu-eins-Betreuung durch eine Hebamme oder ein Hebammenteam während der Latenzphase, der aktiven Eröffnungsphase und der Geburts- und Nachgeburtsphase (Bohren, 2017; Cibralic et al., 2023; Nove et al., 2020).

Eine gekonnte Nichtintervention stellt eine evidenzbasierte Betreuungsform dar und geht nicht nur mit sehr guten mütterlichen und kindlichen Outcome-Parametern einher (WHO, 2018; AWMF, 2020) sondern berücksichtigt auch die vielfältigen emotionalen Bedürfnisse der Gebärenden (Cibralic et al., 2023).

Zitiervorlage
Ramsayer, B. (2023). Expertenreview: Wie lange dauert die Latenzphase? Deutsche Hebammen Zeitschrift, 75 (10), 80–82.
Literatur
Abalos, E., Oladapo, O. T., Chamillard, M., Díaz, V., Pasquale, J., Bonet, M., Souza, J. P., & Gülmezoglu, A. M. (2018). Duration of spontaneous labour in ‚low-risk‘ women with ‚normal‘ perinatal outcomes: A systematic review. European journal of obstetrics, gynecology, and reproductive biology, 223, 123–132. https://doi.org/10.1016/j.ejogrb.2018.02.026

AWMF. (2020). Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften: S3-Leitlinie Vaginale Geburt am Termin. AWMF-Register Nr. 015/083. Stand: 22.12.2020 [Online]. Available: https://www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/015-083l_S3_Vaginale-Geburt-am-Termin_2021-01.pdf [Accessed 8. Januar 2021].

Bohren, M. A., Hofmeyr, G. J., Sakala, C., Fukuzawa, R. K., & Cuthbert, A. (2017). Continuous support for women during childbirth. The Cochrane database of systematic reviews, 7(7), CD003766. https://doi.org/10.1002/14651858.CD003766.pub6

Cibralic, S., Pickup, W., Diaz, A. M., Kohlhoff, J., Karlov, L., Stylianakis, A., Schmied, V., Barnett, B., & Eapen, V. (2023). The impact of midwifery continuity of care on maternal mental health: A narrative systematic review. Midwifery, 116, 103546. https://doi.org/10.1016/j.midw.2022.103546

Cohen, W. R., & Friedman, E. A. (2023). The latent phase of labor. American journal of obstetrics and gynecology, 228(5S), S1017–S1024. https://doi.org/10.1016/j.ajog.2022.04.029

Friedman, E. A. (1955). Primigravid labor; a graphicostatistical analysis. Obstetrics and gynecology, 6(6), 567–589. https://doi.org/10.1097/00006250- 195512000-00001

Nove, A., Friberg, I. K., de Bernis, L., McConville, F., Moran, A. C., Najjemba, M., Ten Hoope-Bender, P., Tracy, S., & Homer, C. S. E. (2021). Potential impact of midwives in preventing and reducing maternal and neonatal mortality and stillbirths: a Lives Saved Tool modelling study. The Lancet. Global health, 9(1), e24–e32. https://doi.org/10.1016/S2214-109X(20) 30397-1

WHO (2018). World Health Organisation. WHO recommendations. Intrapartum care for a positive childbirth experience., Geneva, WHO-Press.