Um zu verstehen, wie die Geschlechtshormone bei Frauen und Männern verschiedene Krankheiten beeinflussen, ist noch Grundlagenforschung nötig. Foto: © Toowongsa/stock.adobe.com

Frauen und Männer können bei denselben Erkrankungen unterschiedliche Symptome entwickeln, verschiedene Risiken haben und anders auf die gleichen Therapien ansprechen. Doch Forschung, Leitlinien und Versorgung bilden diese Realität noch zu selten ab. Darauf machte die Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin e.V. (DGIM) auf ihrer der Jahres-Pressekonferenz aufmerksam. Geschlechtersensibilität als Teil der personalisierten Medizin sei aber die Voraussetzung für gute Versorgung und helfe, Fehl- sowie Unterversorgung zu vermeiden.

Hormonelle Faktoren berücksichtigen

Ob Diabetes, Herzinsuffizienz oder bösartige Geschwüre: Bei vielen häufig auftretenden internistischen Krankheitsbildern arbeite die Forschung intensiv daran, Krankheitsmechanismen, Risikofaktoren und Behandlungsansätze immer besser zu ergründen. Aber geschlechtsspezifische und hormonelle Faktoren würden bisher kaum berücksichtigt. Bei Frauen etwa rund um die Menopause verschlechterten sich mit dem Abfall der protektiv wirkenden Östrogene die Werte für Blutdruck, Fettstoffwechsel und Blutzuckerkontrolle. Bei Männern verändere der im höheren Lebensalter sinkende Testosteron-Spiegel den Knochenstoffwechsel, wodurch das Osteporose-Risiko steige.

»Bei beiden Geschlechtern haben die individuellen hormonellen Veränderungen im Laufe des Lebens Konsequenzen für Prävention und Therapie«, so Dr. Dr. med. Dagmar Führer-Sakel, die Vorsitzende der DGIM. In vielen Bereichen bestehe jedoch noch Nachholbedarf. »Wir brauchen noch mehr Grundlagenforschung, um genau zu verstehen, wie Geschlechtshormone Stoffwechselprozesse, die Entstehung von Krebs und Autoimmunerkrankungen beeinflussen.«

Unter- und Fehlversorgung verhindern

»Die Forschung muss dort ansetzen, wo die Versorgung bislang noch zu oft blind für Unterschiede geblieben ist«, sagte auch Professorin Dr. med. Petra-Maria Schumm-Draeger, Diabetologin und Sprecherin der neu gegründeten DGIM-Kommission Geschlechtersensible Medizin. »Die Praxis orientiert sich noch zu oft am ›Standardpatienten‹.« Gerade bei Diabetes seien Frauen häufig untertherapiert und erreichten empfohlene Blutzuckerwerte und andere Therapieziele seltener als Männer.

Um diese Unter- und Fehlversorgung zu verhindern, müsse geschlechtersensible Medizin in Leitlinien, Forschung und Fortbildung stärker verankert werden. „Geschlechtersensible Medizin bedeutet für Frauen, dass sie angemessen behandelt werden“, sagte die Münchener Expertin. Mit diesem Ziel soll die neue DGIM-Kommission die Evidenz aus allen internistischen Schwerpunkten bündeln und daraus praxisnahe, geschlechtsspezifische Empfehlungen für Prävention, Diagnostik und Therapie ableiten.

Ökonomisches Potenzial erschließen

Um hier voranzukommen, brauche es vor allem mehr geschlechtersensible klinische Studien mit prospektiv-randomisiertem Ansatz. Dabei müssten neben biologischen auch soziokulturelle Faktoren berücksichtigt werden und deren Ergebnisse direkt in Leitlinien und Versorgung einfließen. Geschlechtersensible Medizin habe dabei auch ein großes ökonomisches Potenzial, weil präzisere Diagnosen und individuellere Therapien die Versorgung effizienter machen als herkömmliche Ansätze.

Quelle: Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin e.V., 3.2.2026 · DHZ