Elke Mattern, Gertrud Ayerle, Susanne Lohmann und Änne Kirchner stellten Ende September in Halle-Wittenberg die Ergebnisse aus ihren Befragungen von 50 Frauen und 20 Hebammen vor. Foto: © DFG

Ende September wurden in der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg am Fachtag „Informieren – diskutieren – die Zukunft skizzieren“ die Ergebnisse eines Projektes der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) vorgestellt: „Präferenzen und Defizite in der hebammenrelevanten Versorgung aus Sicht der Schwangeren, Mütter und Hebammen“.

Einen tiefen Einblick, wie Frauen heute die Betreuungsleistung von Hebammen wahrnehmen, gaben am 30. September die Hebammen und Forscherinnen Dr. Gertrud M. Ayerle, Elke Mattern (M. Sc.), Diplompsychologin Susanne Lohmann sowie Änne Kirchner, Physiotherapeutin und Cand. M. Sc., mit der ersten Vorstellung ihres aktuellen Forschungsprojektes in Halle. Sie realisierten an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg einen ersten Schritt hin zu einer verstärkten Ausrichtung auf die Zielgruppe der Nutzerinnen von Hebammenleistungen. Um die Präferenzen der betreuten Frauen zu ermitteln und deren Einschätzung vorhandener Defizite zu erfahren, bezogen sie 50 Schwangere und Frauen mit Geburtserfahrung in Deutschland in ihre Studie ein. In vier ergänzenden Fokusgruppengesprächen wurden außerdem 20 Hebammen zu ihrer Einschätzung zu diesen Themen befragt.

Erhebung in Gesprächsgruppen

Die Forscherinnen bemühten sich darum, Frauen aus unterschiedlichen Lebensumständen zu akquirieren. Die Erhebung erfolgte in zehn Gesprächsgruppen von jeweils vier bis sechs Frauen. Um den Austausch zu erleichtern, wurden die Gruppen aus Frauen mit ähnlichem sozialem Hintergrund zusammengesetzt. Ziel war es, dass die teilnehmenden Frauen ihre Präferenzen und Einschätzung von Defiziten in der Hebammenversorgung durch das gemeinsame Gespräch innerhalb der Gruppe offenlegten. Die Studienleitung initiierte das Gespräch in der Gruppe und moderierte es im Weiteren nur da, wo es nötig erschien, also möglichst zurückhaltend.

Die gesamten Gespräche wurden als Audiodatei aufgezeichnet. Bei der Auswertung der umfangreichen Datenmengen legten die Forscherinnen den Fokus auf emotional belegte oder intensiver diskutierte Diskussionsphasen, da sie diesen eine besondere Bedeutung zumaßen.

Dass die Studie von Wissenschaftlerinnen mit dem Grundberuf der Hebamme durchgeführt und geleitet wurde, war den Studienteilnehmerinnen bekannt. Dies könnte die Motivation zur Teilnahme an der Studie wie auch den Tenor ihrer Äußerungen beeinflusst haben.
Aus der Vielzahl der herausgearbeiteten Themen stellten die Forscherinnen einige Ergebnisse beispielhaft vor. So äußerten sich die Frauen ausführlich zur Unverzichtbarkeit von Hebammenarbeit und betonten die Rolle dieser Geburtshelferinnen als unvoreingenommene Fachfrauen. Sie hatten die Hebammen sowohl durch ihre Beratung wie auch durch ihre praktische Anleitung als entlastend und präventiv wirksam erlebt. Auch Mehrgebärende äußerten Beratungsbedarf, Alleinerziehende und Frauen mit besonderen Problemen erachteten die erfahrene Hebammenhilfe als besonders notwendig. Insbesondere die aufsuchende Hebammenhilfe wurde als wertvoll empfunden.

Es zeigte sich allerdings, dass Schwangere eher zufällig von Hebammenhilfe erfahren und nicht frühzeitig und systematisch über diese Möglichkeit informiert werden. Sie wünschten sich diese Information schön möglichst früh in der Schwangerschaft durch die betreuenden GynäkologInnen. Auf den Wochenstationen wünschten sie sich Hebammen als primäre Ansprechpartnerinnen. Die befragten Hebammen interpretierten eine Wiederwahl der gleichen Hebammen bei Folgeschwangerschaften als Qualitätsmerkmal ihrer Arbeit und betonten, dass viele Frauen sich lebenslang an diese Zeit und die Betreuung erinnerten.

Hüterinnen der Selbstbestimmung?

Hebammen wurden mit ihrer eher abwartenden und beobachtenden Haltung als Unterstützerinnen für das Erleben einer physiologischen Geburt wahrgenommen. In den Gesprächen der Frauen wurden der respektvolle Umgang der Hebamme, die Vertrauensbeziehung zu ihr und die Stärkung der Selbstbestimmung der Frauen hervorgehoben, wobei auch der Wunsch nach einer stärkeren Einbeziehung der Partner geäußert wurde. Die teilnehmenden Frauen schätzten es, wenn Hebammen sie bereits frühzeitig in der Schwangerschaft begleiteten und bei der Klärung ihrer Wünsche für die Geburt unterstützten. Sie wünschten sich eine vorausschauende Betreuung, die sie mitgestalten können. Sie nahmen Hebammen als fachlich kompetent wahr und sahen sie mitunter als Mentorin, Fürsprecherin oder für sie Partei Ergreifende in Auseinandersetzungen mit Ärztin oder Arzt an.

Die teilnehmenden Frauen empfanden Enttäuschung, wenn bei starkem Arbeitsaufkommen im Kreißsaal der betreuenden Hebamme wenig Zeit für ihre Betreuung blieb. Sie äußerten die Vermutung, dass dieses Manko einer der Gründe gewesen sei, wenn es zum Kaiserschnitt gekommen war. Sie äußerten den Verdacht, dass im Kreißsaal nur eine schnelle Geburt als eine gute Geburt angesehen würde, und fühlten sich mitunter überrumpelt, missbraucht und machtlos, wenn die Realität bei der Geburt nicht dem entsprach, was am Infoabend der Klinik vermittelt worden war. Eine ärztliche Aufklärung mit Hinweis auf den möglichen Tod des Kindes empfanden Frauen als Drohung. Sie beschrieben den erlebten Kaiserschnitt als brutale Erfahrung.

Auch die befragten Hebammen beklagten den zunehmenden Druck im Kreißsaal, Geburten schnell zum Abschluss zu bringen, und hielten das DRG-System für kontraproduktiv bei der Einführung einer auf Evidenzen basierenden Versorgung. Die befragten Hebammen wünschten sich, dass Frauen sich kritischer und mit weniger Angst über anstehende Fragen informierten. Sie äußerten, dass es mitunter schwierig sei, Frauen adäquat aufzuklären und ihnen evidenzbasiertes Wissen für eine informierte Entscheidung zu geben, weil strenge Hierarchien ein Hinterfragen der ärztlichen Empfehlungen und Anordnungen erschwerten. Auch hätten nicht alle Hebammen Kenntnis über den Zugang zu evidenzbasierten Informationen.

Hebammen sahen sich zwar als Unterstützerinnen der Selbstbestimmung der Frauen, äußerten aber gleichzeitig Kritik daran, wenn Frauen mit Wünschen in ihren Kreißsaal kämen, die nicht ihrer Routine entsprachen. Sie fanden, die Frauen hätten sich vorher besser informieren müssen, während die Frauen kritisierten, dass sie keinen Zugang zu „Insider“-Informationen hätten. Kritik übten die Frauen an den Schwierigkeiten, eine Hebamme zu finden, die noch Betreuungen annimmt. Ebenso unbefriedigend wurden die Vertretungsregelungen erlebt. Auch war nicht immer klar, wie und bei welchen Problemen die Hebamme außerhalb der üblichen Arbeitszeiten erreichbar war.

Hürden und Konflikte

Die Versorgungslage und der Zugang zu Hebammenhilfe wurden von den teilnehmenden Frauen als stressbesetzt beschrieben. Bei Hebammenmangel oder unerwarteten Komplikationen sei es schwierig bis unmöglich, eine Betreuung zu finden oder die Hebamme zu wechseln. Erschwerend kämen das unterschiedliche Leistungsspektrum und die zunehmende Arbeitsbelastung und Zeitnot der freiberuflichen Hebammen hinzu. Sie äußerten den Wunsch nach umfassenderer Betreuung bei Fragen und Beschwerden in der Schwangerschaft durch ihre Hebamme. Sie wünschten sich eine bessere Kooperation von ÄrztInnen und Hebammen in der Schwangerenvorsorge und weniger Verunsicherung durch ihre GynäkologInnen bei Befunden, die von der Norm abwichen, aber harmlos seien. Insbesondere in der Latenzphase fehle eine Hebammenbetreuung bis zur Aufnahme im Kreißsaal. Bei frühzeitiger Aufnahme beklagten die Frauen mitunter den Einsatz überflüssiger Interventionen anstelle praktischer Unterstützung im Umgang mit den Wehen. Auch Hebammen sahen das Problem der mangelhaften Betreuung von Frauen oder unsinnigen Interventionen in der frühen Geburtsphase.

Was nützt es?

Die meisten Ergebnisse werden Hebammen, GynäkologInnen und Frauen wenig überraschen. Dennoch ist es hilfreich, Belege zu haben, beispielweise, wenn Versorgungskonzepte verhandelt werden. Der Konflikt zwischen Hebammen und FrauenärztInnen ist bekannt, wird aber durch Studien wie diesen in ihren Auswirkungen auch auf die Frauen deutlich. In vielen Punkten decken sich Aussagen von Hebammen und Frauen, wie in der Feststellung eines lückenhaften Angebotes von Hebammenhilfe oder dem Wunsch nach umfassender Begleitung bereits in der Schwangerschaft, der Stärkung des Selbstbestimmungsrechts der Frauen und der Förderung der physiologischen Schwangerschaft und Geburt. Dies könnte ein weiteres Argument sein für die Suche nach einer Allianz zwischen Frauen und Hebammen bei politischen Forderungen nach einer umfassenden frauenzentrierten Betreuung, die primär durch Hebammen geleistet und angemessen vergütet wird.

Differenzen werden am ehesten da sichtbar, wo Frauen individuelle Wünsche an die Geburtsbegleitung haben, die den eigenen Interessen oder fachlichen Standards der Hebamme zuwiderlaufen oder sie in Loyalitätskonflikte zu ihrem Arbeitgeber oder den Regeln der Institution bringen. Der „Geburtsplan“ etwa, den Frauen etwa seit den 1990er Jahren für die Berücksichtigung ihrer Wünsche und zur Wahrung ihres Selbstbestimmungsrechtes nutzen, wird von den befragten Hebammen einerseits begrüßt, andererseits aber auch kritisch gesehen. Vielleicht offenbart sich an diesem Punkt ein anhaltendes Dilemma: Dass nämlich Hebammen die Geburt zwar als natürliches Ereignis ansehen, die Arbeit in vielen Kliniken jedoch eine individuelle Betreuung und das „untätige“ abwartende Begleiten normaler Geburten aus strukturellen Gründen kaum zulässt. Auch hier sind Hebammen und Frauen gemeinsam gefordert, ein Umdenken und deutliche Umstrukturierungen der Versorgung in Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett anzuschieben. Ohne handfeste Belege ist dies politisch nicht zu vermitteln. Gerade das macht Studien wie diese besonders wertvoll!

Zitiervorlage
Literatur
Ayerle GM, Lohmann S, Mattern E, Kirchner Ä: Präferenzen und Defizite in der hebammenrelevanten Versorgung in Deutschland: die Sicht der Nutzerinnen und Hebammen. Zeitschrift für Hebammenwissenschaft 2016. 7