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Eine empirische Untersuchung belegt die physiologische Rolle von Ruhephasen im Geburtsprozess. Sogar das Kind verschafft sich durch sein Mitwirken Pausen. Durch das Wissen darum können vorschnelle Eingriffe verhindert und eine gesunde Geburt für Mutter und Kind begünstigt werden.
Unter KollegInnen hört man immer wieder Erfahrungsberichte über Pausen in den verschiedensten Phasen der Geburt: »Ich hatte die Erfahrung bei einer Freundin, da war ich als Hebamme bei der Geburt von dem zweiten Kind dabei. Das war tatsächlich so: Sie hatte nur alle 10 bis 15 Minuten eine Wehe und ist dann in so eine Art Schlaf oder irgendwas verfallen. Es war aber unheimlich gut, dass sie das konnte und dass das Kind einfach so gut in die Welt kommen konnte, trotz dieser relativ langen Pausen oder gerade deswegen.« (Expertinnen-Interview 2017: Gülzow 56ff.)
»Da fällt mir ein, dass mir das bei einer Geburt sehr eindrücklich war. Da habe ich mit einer Frau, die ihr drittes Kind geboren hat, eine Hausgeburt gemacht. Sie hatte eine gute Wehentätigkeit, und dann ist sie auf einmal eingeschlafen und hatte für eine halbe Stunde eine wirkliche Schlafphase. Und ich habe daneben gesessen und Zeitung gelesen. Das war wirklich eine ganz entspannte Situation. Und dann mit einem Mal wird sie wach, sagt ups, Blase springt, Kind kommt. Das war eigentlich die eindrücklichste Pause, die ich so erlebt habe, in dieser Tiefe.« (Expertinnen-Interview 2017: Friese-Berg 9ff.)
Als Pausen werden hier Phasen im begonnenen Geburtsprozess beschrieben, in denen sich der Rhythmus der Wehen verlangsamt oder die Wehen für eine Weile ganz ausbleiben, es aber nach einer gewissen Zeit spontan zu einem Wiederaufleben der Wehen und Voranschreiten der Geburt kommt.
Die gängigen Lehrmeinungen in der westlichen Medizin und in den aktuellen Lehrbüchern zur Einschätzung langsamer Geburtsverläufe sind überwiegend von defizitären Begriffen wie »protrahierte Geburt«, »Geburtsstillstand« oder Formulierungen wie »Wehenschwäche«, »ineffektive Wehen« oder »falsche Wehen« geprägt (Schneider et al. 2016; Dudenhausen 2014; Mändle & Opitz-Kreuter 2015; Breckwoldt et al. 2008; Diedrich et al. 2007).
Es gibt aber auch andere Beobachtungen und Einschätzungen zu diesem Phänomen, die es zulassen, physiologische Funktionen bestimmter längerer Wehenpausen in der Geburt abzuleiten.
»Das ist eben eine völlig andere Sicht, wenn du sagst, loslassen ist eine Aktivität. Wenn sich der Tonus der Muskeln herabsetzt, das kann man ja auch als einen aktiven Körperprozess sehen. Natürlich ist die Frau da gerade mal äußerlich passiv, aber innerlich ist das eine riesige Leistung, diese Spannung jetzt abzubauen.« (Expertinnen-Interview 2017: Franke 794ff.)
Literaturrecherche und empirische Untersuchung
Diesem Artikel liegen die Recherchen zur Masterarbeit »Vom Fortschritt in der Pause – Eine empirische Untersuchung über die physiologische Rolle von Ruhephasen im Geburtsprozess« an der Fachhochschule Salzburg 2018 zugrunde. Zweck dieser Arbeit war eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Frage, inwieweit Pausen im Prozess des Gebärens ein wichtiger, physiologischer Teil sein können.
Im Rahmen einer Literaturrecherche wurden Beschreibungen und Einschätzungen zu Pausenphasen im Geburtsverlauf sowohl in der aktuellen als auch in der historischen Fachliteratur ab dem 19. Jahrhundert gesammelt und analysiert.
Ein zweiter Teil der Literaturanalyse setzt sich mit der Frage auseinander, wie es in der Entwicklung der modernen Geburtsmedizin zu der – wie sich herausstellt – wissenschaftlich wenig fundierten Normierung der Geburtszeit kam, die Zeitdruck in der Geburtsbegleitung zur Folge hat. Dies bildet eine wichtige Grundlage zum Verständnis dafür, warum es bei der aktuellen Geburtshilfe in Kliniken bisher wenig Raum für Pausen zu geben scheint (siehe Artikel DHZ 9/2018, Seite 44ff.).
Im dritten Teil der Literaturrecherche wurde zusammengetragen, über welche hormonellen und neurologischen, aber auch mechanischen Abläufe sowohl der mütterliche als auch der kindliche Organismus die Geburt verlangsamen können. Dieser Teil der Arbeit trägt neue wissenschaftliche Erkenntnisse, vor allem aus der Neuroendokrinologie, und Thesen von erfahrenen GeburtshelferInnen zusammen.
Die empirische Untersuchung wurde anhand von leitfadengestützten narrativen Expertinnen-Interviews mit sieben berufserfahrenen Hebammen durchgeführt: Tara Franke, Sabine Friese-Berg, Grete Gülzow, Verena Schmid, Eva-Maria Schwaighofer, Dr. Christiane Schwarz und Celia Rosario Shiguango. Mit Hilfe der strukturierten Inhaltsanalyse der transkribierten Interviews in methodischer Anlehnung an Mayring konnten deutliche Überschneidungen der Aussagen und Einschätzungen über die beobachteten Pausenphasen herausgearbeitet werden. Sie liefern eine hilfreiche Grundlage für das Verständnis und die Einschätzung von langsamen Geburtsphasen und helfen, das Phänomen besser einzuordnen.
Die Pause in historischer und aktueller Fachliteratur
In den Stichproeben aus Fachtexten aus dem 19. Jahrhundert wird ein Nachlassen der Wehen noch durchgehend als eine mögliche individuelle Variation des Geburtsprozesses interpretiert, unter anderem bei den bekannten Geburtshelfern und Lehrbuchautoren Johann L. Boër (1751–1835), Eduard C.J. v. Siebold (1801–1861), Carl S. Credé (1819–1892) und Christian G. Leopold (1846–1911). Solche Variationen wurden in der Regel zugelassen, wobei abwartendes Verhalten als förderlich erfahren und angeraten wurde.
»Die verschiedenen Eigenschaften der Wehen, die Häufigkeit, Dauer und Stärke derselben sind sehr verschieden nach der Constitution des weiblichen Körpers. […] Die Wehen sind oft sehr unbeständig, bald werden sie schwächer, und nehmen oft wieder auf einmal zu.« (Martens 1802)
»Äußern sich die Wehen schwach, oder hören sie gänzlich auf in der ersten Geburtszeit, selbst in der zweiten [entsprechen Latenz- und Eröffnungsperiode, d. Verf.], so ist dieses unter sonst günstigen Verhältnissen von gar keiner Bedeutung: oft bedarf es nur der Erholung und der Zeit, worauf sich die Contractionen wieder in voller Integrität einstellen. […] Ja es bedarf oft auch dann noch, wenn in der dritten Geburtsperiode [entspricht der Zeit bis zur aktiven Austreibungsperiode, d. Verf.] nach abgeflossenem Fruchtwasser und schon tief stehenden Kindsteilen, die Wehen nachlassen oder ganz aufhören, durchaus weder Arzeneien noch sonst mechanischer Hülfe: Ruhe, Zeit und Geduld führen auch hier ohne Gefahr für Mutter und Kind zum erwünschten Ziele.« (Siebold 1841)
In den Strichproben aus der Fachliteratur des 20. Jahrhunderts finden sich kaum Beschreibungen von Wehenpausen, dafür wird ausführlich über Wehenschwächen geschrieben. Geburtsdauer und Wehenhäufigkeit werden normiert, und die Interventionsrate steigt deutlich an (Bumm 1914; Pschyrembel1963; Friedmann 1954/1955; Martius 1995).
»Die Wehenschwäche ist eine Anomalie der treibenden Kräfte, bei der die Wehen zu schwach, zu kurz oder zu selten sind, um ein Fortschreiten der Geburt zu bewirken.« (Pschyrembel 1963)
»Die häufigste Ursache regelwidriger Geburtsverläufe stellt die funktionelle Störung der Wehentätigkeit und Regelwidrigkeiten der Zervix mit nachfolgender verzögerter Retraktion und Dilatation des Muttermundes dar. […] Bei der primären Wehenschwäche ist eine individuelle dosierte Oxytocingabe unter fortlaufender kardio-tokographischer Kontrolle ebenso angezeigt, wie die Blasensprengung und die digitale Muttermundsdehnung. […] In der Austreibungsperiode ist es bei einer auftretenden Wehenschwäche sinnvoll, die Entbindung durch die Vakuum- oder Zangenextraktion zu beenden.« (Martius 1995)
So waren in der ärztlichen Fachliteratur ab Anfang des 21. Jahrhunderts so gut wie keine Erwähnungen von Pausen während der Geburt zu finden (Schneider et al. 2016; Dudenhausen 2014; Breckwoldt et al. 2008; Diedrich et al. 2007). Dafür gab es aber viele Angaben zur Normierung der Wehentätigkeit und der Geburtsdauer, trotz der inzwischen von neuer Forschung festgestellten fraglichen Evidenz (Zekiye et al. 2015; Thorogood & Donaldson 2015; Dudenhausen 2014; Walsh 2011; Neal et al. 2010; Zhang et al. 2010; Rouse et al. 2009; Lavender et al. 2006; Enkin et al. 2000; Albers et al.1999).
Aktuell wird die Physiologie der Geburt vor allem in der Fachliteratur von und für Hebammen wieder erforscht. Dort finden sich, wenn auch nur vereinzelt, dafür aber zum Teil sehr differenzierte Beschreibungen von Pausen im Geburtsprozess (Paiman et al. 2015; Ramsayer 2013; Weiss & Luft 2013; Schmidt-Bäumler & Jahn-Zöhrens 2013; Rosenberger et al. 2012; Hildebrandt & Göbel 2011; Walsh 2011; Rockenschaub 2005; Gaskin 2003; Davis et al. 2002).
Erfahrungsberichte der Expertinnen
Die Expertinnen-Interviews sowie Aussagen in hebammenspezifischen Fachtexten aus jüngerer Zeit liefern einen klaren Beweis dafür, dass Pausen in der Geburt ein wiederkehrendes Phänomen sind, vor allem in der interventionsarmen Geburtshilfe – wie interessanterweise eben auch in Fachtexten aus dem 19. Jahrhundert beschrieben. Es konnte eine Vielzahl reichhaltiger Erfahrungsberichte von Pausenphasen in der Geburt zusammengetragen werden, wobei die beschriebenen Ruhezeiten in der laufenden Geburt 10–15 Minuten bis über mehrere Stunden anhielten. Wichtig ist hier, dass bei den beschriebenen Pausen, wenn sie richtige Ruhephasen waren, durchgehend ein positiver Effekt auf den Geburtsverlauf beobachtet wurde. In den meisten beschriebenen Fällen wurden die Wehen nach solchen Phasen intensiver und rhythmischer und es gab einen spürbaren Geburtsfortschritt (Thorogood & Donaldson 2015; Mändle & Opitz-Kreuter 2015; Weiss & Luft 2013; Ramsayer 2013; Rosenberger et al. 2013; Hildebrandt & Göbel 2011; Walsh 2011; Gaskin 2003; Davis et al.2002, Simkin 2001; Siebold 1841; Boër 1817; Martens 1802).
Lange Pausen und Schlaf sind Formen der tiefsten Parasympathikus-Aktivierung. Generell sind Ruhepausen überwiegend durch das parasympathische System geleitete Phasen, die zur Stärkung der Körperfunktionen durch Regeneration notwendig sind (Behrends 2016; Dierlmeier 2015). Auf eine stärkere Sympathikus-Aktivität folgt in der Regel ein parasympathischer Ausgleich (Morschitzky 2013; Hollmann & Strüder 2009; Selye 1974). Gerade wenn es zum Beispiel einen Geburtsfortschritt gab oder spezifische Ängste aufkommen, wodurch der Sympathikus stark angeregt wird, ist es logisch, dass es danach eines längeren parasympathisch dominierten Ausgleichs bedarf. So können Mutter und Kind wieder in einen Zustand der Homöostase geraten, was den häufig auf Pausen folgenden erneuten Geburtsfortschritt erklären kann.
»Meine Erfahrung ist, dass die Pause wie ein Schlaf ist. Und dass dadurch natürlich auch Kräfte wieder zurückkommen.« (Friese-Berg 132f.)
»Es ist ein ständiges Fließen und Ausgleichen, je nach Situation. Und deshalb ist der Körper so intelligent. Er kann wirklich abmessen, was braucht es jetzt. Und die Systeme reagieren auf diese Weise auf das, was es jetzt braucht.« (Schmid 572ff.)
»Die Adaptation kann neurovegetativ sein – also die Zeit, um wieder in die Homöostase zu kommen. Sie kann endokrin sein, bis die Hormonbilanz wieder richtig steht. Sie kann metabolisch sein, bis die Energie-Ebene wieder richtig steht.« (Schmid 679ff.)
»Der Körper nimmt sich eine Pause, wenn er eine Pause braucht.« (Schwarz 956)
»Eigentlich kann ich Pausen grundsätzlich erst mal immer gut zulassen. Pause steht jedem Menschen zu.« (Friese-Berg 123f.)
Die beschriebenen Pausen konnten oft bestimmten Situationen und Phasen im Geburtsverlauf zugeordnet werden, zum Beispiel der häufig schubhaften Reifung des Wehensystems in der Vorwehen- und Latenzphase, den Anpassungsprozessen in der Übergangs- und Geburtsphase, in der die Aktivität des Sympathikus wieder mehr steigt, oder auch allgemeinen Anpassungs- und Regenerationsprozessen der Gebärenden und des ungeborenen Kindes in der Geburt (Jowitt 2014; Thorogood & Donaldson 2015; Weiss & Luft 2013; Rosenberger et al. 2013; Simkin 2001; Expertinnen-Interviews: Schmid 196ff.; Franke 424ff.; Schwaighofer 66ff.; Friese-Berg 40f; Schwarz 695ff.; Shiguango 63ff.; Gülzow 36ff.).
Emotionale Anpassung
Neben den körperlichen Anpassungsprozessen gibt es bei den beschriebenen Pausen auch solche, die von den Expertinnen auf psychisch-emotionale Aspekte zurückgeführt werden, zum Teil auf Grund von Selbstäußerungen der Gebärenden. Zum Beispiel brauchen die Gebärenden Zeit, um sich bestimmte Schritte in der Geburt zuzutrauen, sie zuzulassen und anzugehen (Hildebrandt & Göbel 2011; Weiss & Luft 2013; Ramsayer 2013; Expertinnen-Interviews: Schwarz 626ff.; Franke 604ff.; Schmid 113f; Friese-Berg 263ff.).
Tatsächlich haben Emotionen wie Angst einen starken Einfluss auf das vegetative Nervensystem (Porges 2010; Morschitzky 2013), das wiederum die Wehentätigkeit wesentlich mitmoduliert (Behrends 2016; Rüdel 1995). Auch bei diesen Fällen wird von positiven Auswirkungen der Pause berichtet: Die Gebärenden konnten die Pausen oft nutzen, um sich der Geburt anzunähern, ihre Ängste zu überwinden und wieder in die Entspannung zu kommen (Schmidt-Bäumler & Jahn-Zöhrens 2013; Weiss & Luft 2013; Ramsayer 2013; Hildebrandt 2011; Expertinnen-Interviews: Schmid 334ff.; Schwarz 271ff.; Shiguango 20f; Schwaighofer 1049ff.).
Dies gilt im Besonderen, wenn das Nachlassen der Wehen mit der Anregung eines Traumas etwa durch sexuelle Übergriffe oder vorangegangene traumatische Geburten in Zusammenhang gebracht wird (Curry et al. 1998; Robyn 2005; Expertinnen-Interviews: Schwarz 588; Schmid 124ff.; Franke 46ff.; Schwaighofer 937f.).
»Und in dieser Zeit, wo sie nicht wusste, ob sie sich traut oder nicht, da hat ihr Körper eben auch keine heftigen Wehen gemacht, sondern hat ihr sozusagen Zeit gegeben, den Mut zu finden.« (Schwarz 279ff.)
Als ein wichtiges Kriterium, ob das Nachlassen der Wehenintensität grundsätzlich und langfristig gesehen als geburtsfördernd eingeschätzt werden kann, wird die Dominanz der parasympathischen Regulation beschrieben. Hierbei kommt die Gebärende in der Pause zur Ruhe, kann sich entspannen, anpassen und regenerieren (Göbel & Schmidt 2013; Ramsayer 2013; Expertinnen-Interviews: Schmid 405; Schwaighofer 328; Friese-Berg 82; Gülzow 56ff.).
Doch es gibt auch Pausen, die als geburtshemmend beschrieben werden, in denen Frauen sich nicht ausruhen und in die Entspannung finden. Diese Pausen scheinen eher dazu zu dienen, die Geburt anzuhalten und aus dem Prozess auszusteigen (Expertinnen-Interviews: Friese-Berg 81ff.; Schmid 412ff.; Gülzow 65ff.; Schwaighofer 722ff.; Franke 890ff.).
Pausen, die durch Angst oder durch Spannung aus dem Umfeld oder durch die Frau selbst hervorgerufen werden, können zwar physiologisch hergeleitet werden, da hier Adrenalin wehenhemmend wirkt und Frauen in der Regel ihr Kind erst dann zur Welt bringen, wenn sie sich sicher fühlen (Behrends 2016; Odent 2009; Rockenschaub 2005; Morschitzky 2013; Gaskin 2003). Doch stören sie den Geburtsverlauf oft und sind daher nicht primär geburtsfördernd. Treten Pausen also auf Grund von äußeren Störungen auf, etwa durch Angehörige oder Fachpersonal, sollte die Situation so verändert werden, dass sie wieder förderlich für die Geburt wird.
Über diese häufig beschriebene Fähigkeit der Frauen, die Geburt anzuhalten, wenn sie sich nicht sicher fühlen, sind kaum Hinweise in den gängigen medizinischen Fachbüchern zu finden. Dabei wären sie eine wichtige Grundlage für einen sensiblen Umgang des Fachpersonals mit Pausen, die durch das betreuende Umfeld ausgelöst werden. Von Hebammen gibt es viele, zum Teil dramatische Berichte über dieses Phänomen (Expertinnen-Interviews: Schwarz 452ff.; Schmid 280ff.; Friese-Berg 145ff.; Shiguango 12ff.; Franke 354ff.; Gülzow 21ff.; Schwaighofer 542ff.).
Ina May Gaskin greift in ihrem Aufsatz über »Pasmo«, einem Begriff, der in Puerto Rico für dieses Phänomen gebräuchlich zu sein scheint, auf Berichte von acht englischsprachigen Ärzten aus dem 19. und 20. Jahrhundert zurück. Sie beschreiben deutlich, wie die Geburtswehen nachlassen, wenn sich die Schwangere durch die Umgebung, insbesondere durch Ärzte, verunsichert fühlt (Gaskin 2003). Verena Schmid erläutert das Phänomen so:
»Wenn du die Umgebung veränderst oder eine Gefahr von der Umgebung kommt, produziert die Frau mehr Adrenalin und Cortisol als Antwort auf das Kampf-Flucht-System. Wenn sie in Verbindung ist mit ihrem Kind, produziert sie mehr Oxytocin und Prolaktin. Das ist ja genau der Grund, warum im Krankenhaus die Geburten oft nicht mehr funktionieren. Weil die Frau ständig in diesem Adrenalin-System ist und immer wieder rauskommt.« (Schmid 657–663)
Pausen werden therapeutisch genutzt
Die Aussagen der Expertinnen verdeutlichen, dass die Pause ein »Hebel« ist, bei dem viele GeburtshelferInnen bewusst oder unbewusst und instinktiv bereits häufig ansetzen. Viele der sowohl in der klinischen als auch der außerklinischen Praxis verbreiteten Maßnahmen zur Geburtserleichterung bewirken eine Anregung des Parasympathikus und unterstützen damit eine Vertiefung des regenerativen Aspektes von Pausen, wie warme Bäder, Massagen, entspannende Musik oder Duftöle, Verdunklung des Raumes, gedämpftes Sprechen und das Schaffen von Rückzugsräumen. Die befragten Expertinnen setzen diese Mittel sehr bewusst ein (Schmid 1062ff.; Franke 299ff.; Gülzow 85ff.; Schwarz 489ff.; Friese-Berg 399f., Shiguango 17ff.).
Die therapeutische Nutzung von Pausen zur Unterstützung des Geburtsprozesses ist also oft bereits Teil der Praxis. Es wäre erforderlich, dass dies noch mit größerer Bewusstheit geschieht und einem entsprechenden Respekt gegenüber »von sich aus« auftretenden Verlangsamungen des Geburtsrhythmus. Die Pause gehört ganz bewusst in die Mitte der geburtshilflichen Praxis, da sie ein großes Potenzial zur Stärkung des Geburtsvorgangs in sich birgt.
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Das Kind spielt eine entscheidende Rolle
Ein weiterer Aspekt, der in Fachtexten bisher kaum zur Sprache kommt, ist die Rolle des Kindes beim Auftreten von Pausen. Aus den Beobachtungen der Expertinnen geht deutlich hervor, dass das ungeborene Kind einen wichtigen Einfluss auf die Geburtsdynamik und damit auch auf Pausen in der Geburt haben kann (Schwaighofer 1268ff.; Franke 252ff.; Schmid 63ff.; Schwarz 132ff., 219ff., 329ff.). Dieser Befund wird durch jüngste wissenschaftliche Erkenntnisse gestützt, die belegen, dass die Geburtsdynamik im Dialog zwischen mütterlichem und kindlichem Organismus entsteht und über eine Vielzahl von Botenstoffen vermittelt wird. Über die fetoplazentare Einheit wird ein erheblicher Teil der Wehenhormone, aber auch der wehenhemmenden Hormone wie Progesteron synthetisiert und ausgeschüttet (Schneider et al. 2016; Coas & Dunsall 2013; Runnebaum 2013; Iliodromiti et al. 2012; Leidenberger et al. 2009).
Die Expertinnen Verena Schmid und Eva-Maria Schwaighofer beschreiben zwei exemplarische Geburtsverläufe, bei denen sie einen deutlichen Zusammenhang zwischen Nabelschnur-Komplikationen und dem Geburtstempo samt auftretenden Pausen beobachten konnten. Beide haben den Eindruck, dass hier ein Rückkopplungsmechanismus existiert und das Kind bei zu viel Zug auf die Nabelschnur Signale gibt, die das Tempo der Geburt regulieren.
»Es gibt natürlich viele Geschichten sowohl von Pausen als auch von Beschleunigungen, die das Kind gemacht hat. Zum Beispiel ist typisch, wenn das Kind einen Nabelschnurknoten hat – was man natürlich erst nach der Geburt sieht –, dass es am Ende der Eröffnungsphase eine lange Pause macht. Und der Muttermund ist offen, der Kopf steht richtig, und du verstehst nicht, warum die Austreibungsphase nicht beginnt. Und die Wehen werden langsamer, also weniger stark. Es ist so, als ob es so an einem Punkt stehen bleibt. […] Und plötzlich, an einem Punkt gibt es plötzlich starke Wehen und eine ganz schnelle Austreibungsphase. Und das hab’ ich so erlebt, dass das Kind offensichtlich weiß, wenn es lange zieht an der Nabelschnur, dass es in Gefahr kommt. Also bereitet es vor, wartet es so lange, bis die Wehen alles so weich und offen gemacht haben, dass es schnell hinauskommen kann. Und dann geht es sehr schnell hinunter. […] Das habe ich mehrfach erlebt.« (Schmid 11ff.)
»Und das Kind hat die Nabelschnur so mehrfach um sich gehabt. Es hat auch lange gebraucht, bis es da war – es war megagestresst. Also, der Körper merkt das ja, und es passiert nichts ohne Grund. Das Kind hätte am Ende eine Pause überhaupt nicht toleriert, natürlich. Das war am Anfang so langsam – so weit wie möglich ist der Muttermund aufgegangen, ohne irgendwie die Nabelschnur zu sehr zu strapazieren und ohne zu viele Kontraktionen. Und wie aber dann der Kopf tiefer eingetreten ist und wie es dann wirklich zur Geburt war, da hat der Körper das in der kürzest möglichen Zeit erledigt und hat das Kind nach draußen katapultiert.« (Schwaighofer 520ff.)
Wichtige Einsichten liefert auch der Zusammenhang zwischen längeren Pausen bei Schulterdystokien und der in dieser Situation so lebenswichtigen Blutflussregulation des Kindes, den die interviewte Expertin Christiane Schwarz beschreibt. Auch hier wird davon ausgegangen, dass der kindliche Organismus im Dialog mit dem mütterlichen die Wehendynamik regelt, um diese lebensbedrohliche Situation gut zu überstehen.
»Die physiologische Erklärung ist, wenn der Kopf eines Kindes geboren ist, dann ist der im atmosphärischen normalen Druck, aber der Körper des Kindes steckt noch im Uterus. Im nicht-kontrahierten Zustand liegt der Uterusinnendruck so bei 10 ml HG. Das ist ein bisschen mehr als draußen, aber nicht viel. Und solange diese Druckverhältnisse so bestehen, kann Blut zirkulieren. Die oberflächlichen Venen werden gestaut, das heißt, du hast eine Stauungszyanose am Kopf, aber die Zirkulation ist nicht unterbrochen. In dem Moment, wo die Frau jetzt eine Wehe macht, baut der Uterus zwischen 60 und 80 ml HG Druck auf, und jetzt wird das gesamte Restblut aus dem kindlichen Körper in den kindlichen Kopf gepresst, denn der ist ja außerhalb des Uterus. Und wenn das Kind in dieser Situation geboren wird, zum Beispiel weil jemand abnabelt, oder durch das forcierte Drücken und es wird sofort abgenabelt, weil es schlaff ist, und jetzt reanimiert wird, dann ist es nicht reanimationsfähig, weil es kein gutes Blutvolumen hat. Es ist ein hypovolämischer Schock. […] Das heißt, in dem Moment, wo der Kopf geboren ist, machen die Frau oder das Kind eine Wehenpause, um die Durchblutung aufrechtzuerhalten. Und dann ist das Kind perfekt durchblutet, dann kann es da problemlos 3 bis 4 Minuten stecken, ohne dass ihm irgendwas passiert, und dann kommt erst wieder eine Wehe. In der Zeit kann sich die Schulter wunderbar einstellen. […] Dass heißt, mit unserer Diagnosestellung Schulterdystokie und dem Anreiben einer Wehe, also dem Nicht-Respektieren einer Wehenpause, zerschießen wir dieses absolut kluge System. […]« (Schwarz 695ff.)
Im klinischen Setting werden solchen Fakten und Beobachtungen erschreckenderweise kaum Rechnung getragen. Das zeigen eigene Erfahrungen ebenso wie die der befragten Expertinnen (Schmid 63ff.; Gülzow 36ff.; Schwarz 338ff.; Schwaighofer 1268ff.) und anderer AutorInnen (Hildebrandt 2011; Ramsayer 2013). Die Hinweise darauf, dass es auch das ungeborene Kind sein kann, das gerade in Abstimmung auf seine metabolische Situation die Geburt verlangsamt, müssen wesentlich ernster genommen werden.
Zusätzlich gibt es Belege dafür, dass viele Neugeborene auf Grund hoher Syntocinongaben und anderer Interventionen wie etwa der Eröffnung der Fruchtblase deutlich gestresst sind, was sich unter anderem an auffälligen Herztonmustern zeigt (Verspyck & Sentilhes 2008; Thornton 1996; Enkin et al. 2000). Dies ist ein äußerst alarmierender Zustand. Dem Einfluss des Kindes auf die Geburtsdynamik muss dringend mehr Beachtung geschenkt werden.
Vermeintliche Wehenschwächen und Geburtsstillstände
Die Tatsache, dass der Geburtsstillstand eine relativ häufige Diagnose in der modernen Geburtsmedizin ist und in der Regel eine Reihe von Eingriffen, wie die Gabe von Wehenmitteln oder sogar eine operative Geburtsbeendigung nach sich zieht (Thorogood & Donaldson 2015; Walsh 2012; Hildebrandt 2010), hat sicher auch mit dem Fortschrittsparadigma zu tun. Dieses hat sich vor allem im Laufe des 20. Jahrhunderts auch in der Geburtsmedizin der Industriestaaten etabliert (Walsh 2012). Mit ihm geht die Normierung der Geburtszeit durch Friedman (1954; 1955) und andere einher, deren Evidenz zurzeit verstärkt in Frage gestellt wird (Zekiye et al. 2015; Thorogood & Donaldson 2015; Dudenhausen 2014; Walsh 2011; Neal et al. 2010; Zhang et al. 2010; Rouse et al. 2009; Lavender et al. 2006; Enkin et al. 2000; Albers et al.1999).
Wenn Geburten bei vermeintlichen Wehenschwächen, wie in der heutigen geburtsmedizinischen Praxis oft üblich, durch Syntocinongaben angetrieben werden, ist davon auszugehen, dass die physiologische Funktion der Pause oftmals missachtet wird und somit ungenutzt bleibt.
Verschiedene Studien dokumentieren durch rückwirkende Auswertung großer Mengen an PatientInnendaten einen Syntocinongebrauch von beispielsweise fast 50 % bei Erstgebärenden in einer groß angelegten retrospektiven Studie in den USA (Zhang et al. 2010); 57% in einer britischen Erhebung (Mead 2008 zitiert nach Walsh 2012) oder 61% in einer ebenfalls großen retrospektiven Studie in Frankreich (Belghiti et al. 2011). Es ist nicht nachzuvollziehen, dass ein so elementarer Prozess wie die Geburt in so vielen Fällen medikamentöse Unterstützung benötigen sollte. Auch Prof. Denis Walsh (2012) geht davon aus, dass Dystokien in der Geburtsmedizin viel zu häufig diagnostiziert und übermäßig behandelt werden, unter anderem weil sich die Diagnose zumeist auf fragwürdige Normierungen der Geburtszeit bezieht. Diese Annahme deckt sich mit den Aussagen verschiedener anderer FachautorInnen (Thorogood &Donaldson 2015; Hildebrandt 2010; Neal et al. 2010) und den Berichten der befragten Expertinnen (Expertinnen-Interviews: Gülzow 75–77; Schmid 892–894; Schwarz 76–82; Schwaighofer 780ff.). Anerkannte Fachleute wie Pschyrembel (1963), Enkin (2000), Ramsayer (2013) und Göbel & Hildebrandt (2011) kritisieren insbesondere den häufigen und vorschnellen Einsatz von Wehenmitteln in der geburtshilflichen Praxis vieler Kliniken, auch weil sie mit wesentlichen Risiken für Mutter und Kind verbunden sind (Belghiti et al. 2011; Verspyck & Sentilhes 2008; Thornton 1996).
Das sogenannte »active management« von Geburten ist trotz der fraglichen Evidenz nach wie vor eine gängige klinische Praxis (Thorogood & Donaldson 2015; Walsh 2012). Dies wird unter anderem auch darauf zurückgeführt, dass dieses Geburtsregime die Erfordernisse der Institution bedient (Thorogood & Donaldson 2015; Walsh 2012). Seit der Etablierung der Klinikgeburt ist die Geburtshilfe immer mehr institutionalisiert worden (Metz-Becker 1997), gefolgt von ihrer Industrialisierung unter anderem durch die Zentralisierung in immer größeren Kliniken, was sehr häufig mit einem unzureichenden Personalschlüssel und Routineverfahren einhergeht (Odent 2004; Walsh 2010).
Da unter diesen Umständen auf individuelle endogene Rhythmen und Dynamiken oft nur wenig Rücksicht genommen werden kann, diese aber, wie immer stärker wissenschaftlich belegt, eine entscheidende Rolle in der physiologischen Regulierung des Geburtsprozesses zwischen Mutter und Kind spielen (Iliodromiti et al. 2012; Schneider et al.2016; Coas & Dunsall 2013; Runnebaum 2013; Leidenberger 2009), muss diese Praxis viel stärker und vehementer hinterfragt und geändert werden.
Im Grunde liegt hier in nicht wenigen Fällen der Tatbestand der Körperverletzung sowie der Beschneidung des Persönlichkeitsrechtes vor, da körperliche Signale von Mutter und Kind nicht ausreichend wahrgenommen oder übergangen werden. Eva-Maria Schwaighofer (Expertinnen-Interview: 637f.) betont in diesem Zusammenhang: »[…] meine Sicherheit und unser aller Sicherheit liegt in der Physiologie der Mutter, also dieses Mutter-Kind-Paares.« Auch Verena Schmid (Expertinnen-Interview: 676ff.) legt Nachdruck darauf, dass die Sicherheit der Geburt mit der neurologischen, hormonellen und metabolischen Anpassungsvorgänge von Mutter und Kind in der Wehenpause verknüpft ist: »Und gerade weil es Adaptation ist, ist es die Garantie für eine sichere Geburt. Weil ohne Adaptation ist die Geburt nicht sicher. Das ist auch ein Konzept, das man ein bisschen besser erkennen sollte.«
Der wirkliche Geburtsstillstand wird von den Expertinnen hingegen als eine selten auftretende und als gefährlich einzuschätzende Extremsituation definiert, bei der sich die Geburt tatsächlich festgefahren hat (Transkript: Franke 881f; Gülzow 75ff.; Schwarz 524ff.). Ähnlich benennen es Göbel und Hildebrandt (2010) als »ein Debakel einer für Mutter und Kind nicht lösbaren Geburtskrise, einen Notfall, der entschlossenes und beherztes Handeln erfordert«. Kardinalsymptom ist hier, dass das Kind mit kräftigen Wehen gegen ein Geburtshindernis gepresst wird (Hildebrandt/Göbel 2010; Schwarz 117ff.). Da Pausen aber mit einer Abnahme der Wehenintensität einhergehen, kann es hinsichtlich dieses Risikos eigentlich nicht zu Überschneidungen der Begrifflichkeiten kommen. Als Kriterien dafür, wann für sie Pausenphasen im Geburtsprozess nicht mehr als geburtsfördernd einzuordnen sind, sondern Anlass zu Besorgnis geben, nennen die Expertinnen übereinstimmend Symptome von mütterlichem oder kindlichem Disstress, von dominierender Sympathikus-Aktivität oder Dissoziation (Expertinnen-Interview: Friese-Berg 84ff.; Schmid 402ff.; Franke 554ff.; Gülzow 65ff.; Schwaighofer 684ff.; Schwarz 173f.).
Parasympathisch dominierte Pausen sind kein Geburtsstillstand, sondern im Gegensatz Teil eines dynamischen Prozesses zur Regulierung der Homöostase des Mutter-Kind-Paares sowohl auf körperlicher als auch auf psychischer Ebene. Positive Kriterien wären hier beispielsweise ein physiologischer körperlicher und psychischer Zustand der Gebärenden, eine deutliche Aktivität und Reaktivität des Kindes, eine physiologische Frequenz der kindlichen Herztöne oder Anzeichen für einen körperlichen oder psychischen Prozess, den die Gebärende gerade zu bewältigen hat (Expertinnen-Interviews: Schmid 423ff.; Franke 578; Friese-Berg 82; Schwarz 89; Schwaighofer 681ff.).
Die Pause darf nicht aus dem Blick geraten
Pausieren und Erholen, besonders bei Erschöpfung durch Anstrengung, sind ein ganz natürliches Grundbedürfnis. Momentan geraten Pausen allgemein wieder mehr in den Fokus. Sie scheinen in der stark auf Fortschritt und Leistung ausgerichteten Industriegesellschaft, in der Burnout-Symptome ein häufiges Phänomen sind (Fengler 2013; Badura et al. 2007), nur noch unzureichend eingehalten zu werden. »Zeit- und Leistungsdruck erscheinen heutzutage allgegenwärtig« (Froböse 2016). Zahlreiche AutorInnen setzen sich damit auseinander, wie wichtig Pausen für endogene Rhythmen, aber auch für die Psyche und die Gesundheit allgemein sind (Pang 2017; Rossi & Nimmons 2013; Froböse 2016; Decker-Voigt 2003, Seitz 1993).
Die Normierung der Geburtszeiten und die hohen Interventionsraten in der Geburtsmedizin, die der Pause kaum noch Raum lassen, spiegeln diesen gesellschaftlichen Trend deutlich wider. Auch die Medizinhistorikerin Barbara Duden lehrt, dass das körperliche Erleben nicht unabhängig von einem gesellschaftlichen Konzept gesehen werden könne (Duden 2016, Vortrag).
Die Salutophysiologie legt nach dem Konzept von Aaron Antonovsky den Fokus auf die Entstehung und Förderung von Gesundheit durch die Stärkung endogener Ressourcen und physiologischer Prozesse. Im salutophysiologischen Betreuungskonzept nach Verena Schmid ist es unter anderem der individuelle Rhythmus eines jeden Eltern-Kind-Paares, der die notwendigen Ressourcen innerhalb der Geburt mobilisieren kann. Starre Schemata können einem so komplexen Geschehen wie der Geburt nicht gerecht werden. Auch daher gehört das Wissen über Pausen im Geburtsprozess in die Mitte der geburtshilflichen Praxis.
Das Ergebnis dieser Arbeit weist also auf die Notwendigkeit eines Paradigmenwechsels in der Geburtsmedizin hin, weg von der nicht evidenzbasierten Normierung der Geburtszeit, hin zu einem besseren Verständnis des individuellen physiologischen Geburtsrhythmus. Das fordern Denis Walsh (2012) und andere schon seit Jahren (Gaskin 2011; Odent 2009; Browne & Chandra 2009). Der Sinn für die Pause ist in einer Geburtsmedizin, in der Zeitdruck vorherrscht, aus dem Blick geraten. Es wäre ein wesentlicher Schritt, den physiologischen Pausen im Geburtsprozess wieder mit mehr Respekt zu begegnen, sie und ihre Begleitumstände bewusster wahrzunehmen und achtsamer zu reflektieren. Die Rahmenbedingungen für längere Geburtsverläufe verändern sich auch in den Kliniken langsam. Die zeitliche Beschränkung der einzelnen Geburtsphasen wird auf Grund der Studienlage (u.a. Zhang et al. 2010; Neal et al. 2010; Myles et al. 2003; Rouse et al. 2009; Le Ray 2009; Cheng et al. 2004) gerade international aufgelockert (ACOC 2014; NICE 2014; Schwarz DHZ 9/2014; Krüger DHZ 9/2018). Dies sollten wir nutzen, um echten Ruhephasen wieder mehr Raum zu bieten, denn sie sind wichtig und können große Wirkung haben.
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