Illustration: © Melanie Garanin

Narben tragen so manche Erinnerung in sich: zum Beispiel an den Kieselstein, der sich beim ersten satten Sturz beim Laufen-Lernen ins kleine Knie gebohrt hat. Der hauchdünne weiße Strich unterhalb der Bikini-Linie erzählt die Geschichte von Pauls Geburt, in der es für ihn so brenzlig wurde, dass der Kaiserschnitt zuletzt sicherer war. Narben schreiben sogar Kinogeschichte, hat doch selbst der berühmteste Zauberschüler ein Wundmal, das ihn zeichnet und ihn täglich an seine Herkunft erinnert.

Der Nabel erzählt unser aller Herkunft. Als gut verheilte physiologische Wunde trägt er die Erinnerung an die Verbundenheit zu unserer Mutter über die Plazenta, ohne die es kein Leben gegeben hätte. Mit unserem Wissen als Hebammen sehen wir tiefer, denn wir waren hundertmal Zeuginnen, wie diese Verbindung getrennt wurde. Natürliche Prozesse wie das Eintrocknen, aber auch aktive Wundheilungsprozesse des Körpers kommen danach einfach in Gang. Und nach fünf, sechs, manchmal zwölf Tagen lässt das Kindchen den Nabelschnurrest los und behält fürs ganze Leben, tief in einem Grübchen verborgen, diese erinnernde Narbe zurück: den Nabel seiner Welt.

Irgendwie lustig und spannend, dass sich genau dieser Nabel im Laufe der Schwangerschaft bei sehr vielen Frauen wieder deutlicher zeigt, indem er hervortritt. Manchmal sehr sensibel, meistens nicht zu ignorieren, weil er wie ein Knopf nach außen geschoben wird, lässt sich nicht übersehen, dass wir alle eine Herkunft haben: den Schoß unserer Mutter.

Darum mag ich den achtsamen Umgang mit dem Moment, wenn die Nabelschnur durchtrennt wird, und auch die bedachte Begleitung des Ablösungsprozesses am Nabelgrund. Es geht um mehr als nur die physiologische Wundheilung. Es geht um das Eingestehen unserer Abhängigkeit im Mutterleib, um unsere Loslösung davon und darum, dass die Trennung – physisch und emotional – ein gesunder Prozess ist. Manchmal vergessen wir das und sind auf ungute Weise bis in unser Erwachsenenleben hinein mit unseren Müttern »verbandelt«. Nicht umsonst heißt die dafür angebotene Ritualarbeit für Männer und Frauen »Cut the cord« oder »Ablösung von der Nabelschnur«.

Schmunzelnd geduldig betrachte ich als Hebamme bei manchem Wochenbettbesuch sämtliche Bauchnäbel der Familie, wenn Geschwisterkindern klar wird, dass wir alle wohl einmal eine solche Schnur gehabt haben müssen, als wir noch so klein waren, wie das Neugeborene jetzt. So schön kann eine Nabelschau sein!

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