Illustration: © Melanie Garanin
Wer kennt das nicht? In einer deutschen Stadt findet ein Kongress oder eine Hebammenfortbildung statt. Schon im Zug auf dem Weg dorthin kommen dir zwei dieser Frauen irgendwie anders vor als die anderen Reisenden. Sie unterhalten sich und du schnappst ein paar Wortfetzen auf – »schnell eröffnet«, »ne VE gemacht«, »ambulant nach Hause« – und hast Gewissheit, dass es sich um Hebammen handelt. Hättest du aber auch am Wollschal erkennen können.
Nach der Ankunft läufst du zu Fuß zum Kongressort und auf dem Weg entdeckst du noch mehr von ihnen: mehr von den Filzstulpen, den üppig bunten Kugelketten, den kurzen, farbenfrohen Röcken über dunklen Leggins, den Wolle-Seide-Shirts. Gar nicht zu reden vom Duft nach Sanddornhandcreme oder dem wohlgenährten Stillkind im Tragetuch auf dem Rücken der Berufskolleginnen. Es scheint, man erkennt Hebammen mehrere Meter gegen den Wind. Selbst diejenigen, die sich tarnen wollen und bewusst »keine Birkenstöcke und Batikröcke« tragen, erkennst du irgendwie doch.
Eine spannende Mini-Feldforschung machte ich unlängst auf der Konferenz einer deutschen Wissenschaftsgesellschaft von und für Hebammen: Auch bei den wissenschaftlich affinen oder arbeitenden Hebammen scheint es einen geheimnisvoll verbindenden Dresscode zu geben. Mit einer Kollegin stehe ich in einer Pause beisammen und wir vergeben Punkte im Ranking um das beliebteste Forscherinnen-Kleidungsstück. Ist es der kurze oder noch kürzere enge Rock, der die schwarz-bestrumpften Beine zur Geltung bringt? Oder ist es doch der marineblaue Hosenanzug mit Pumps, der seriöse Lässigkeit ausstrahlt und die Frau von Welt umschmeichelt? Seltener, aber doch so hier und da, fällt das Kostüm dann auch sehr klassisch aus.
Zugegeben gilt das auch für mich selbst, dass es verschiedene Kleidungsstücke für bestimmte Zwecke im beruflichen Kontext gibt. Der Rettungsdienst weiß definitiv besser, von wem er die Übergabeinformationen bei einer notwendigen Verlegung bekommt, wenn ich statt ziviler Kleidung ein T-Shirt mit dem Geburtshaus-Logo trage. Es soll sogar Kolleginnen geben, die hierzu einen weißen Kittel anziehen, der sie als »Leitende Hebamme« ausweist. Zum regionalpolitischen Runden Tisch hole auch ich meinen blauen Zweiteiler aus dem Schrank und verjünge ihn mit ordentlichen Sneakern, weil mir das ein Gefühl von Augenhöhe und Unverstaubtheit gibt. So fühle ich mich mit der passenden Klamotte ganz bei mir und der diskussionsfreudigen Runde.
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