Abschied für einen Studiengang: Ann Thomson, Tamara Marraffa, Laura Zinßer, Janice Hill, Hanna Gehling, Mechthild Groß, Anne Hallet, Christina Heß, Luise Lengler, Neeltje Schubert (v.l.)
Foto: © Luise Lengler
Am 14. November 2025 wurde der Abschluss des Europäischen Masterstudiengangs Hebammenwissenschaft gefeiert, der 2009 an der Medizinischen Hochschule Hannover gestartet war. Fachvorträge, internationale Perspektiven und Posterpräsentationen boten Raum für Austausch und würdigten die Bedeutung des internationalen Programms.
»In diesem Raum sind wir gestartet.« Stolz und bewegt eröffnete Prof. Dr. Mechthild Groß die Konferenz »European Midwifery Homecoming 2025« zum erfolgreichen Abschluss des Programms European Master of Science in Midwifery an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH). Sie war 2009 die Initiatorin des Europäischen Masterstudiengangs Hebammenwissenschaft. Über 15 Jahre wurde dieses einzigartige Studienprogramm in Kooperation mit zunächst fünf, später drei Standorten in Europa durchgeführt. Heute sind viele der Absolvent:innen weltweit in führenden Positionen in Praxis, Lehre und Forschung tätig und leisten einen bedeutenden Beitrag zur Weiterentwicklung der Hebammenprofession und innovativer Betreuungsmodelle.
Innovativ von Anfang an
Die Grußworte zu Beginn verdeutlichten die große Leistung und den innovativen Charakter des Programms. Als europäische Kooperation war es bereichernd durch seine internationale Vielfalt. Voneinander lernen und gegenseitige Inspiration waren zentrale Bausteine. Als Online-Programm war es hochinnovativ, lange bevor dies selbstverständlich wurde.
»Es war ein Leuchtturmprojekt und eine große Herausforderung, das gemeinsame Programm aufzustellen«, so Prof. Dr. Marianne Nieuwenhuijze, Leiterin des Forschungszentrums für Hebammenwissenschaft der Hochschule Maastricht: »Die Entwicklung eines Masterprogramms zu begleiten, ist wie eine Geburt begleiten.« Nieuwenhujize berichtete von der Entstehung der Idee und dem Prozess der Umsetzung und fügte hinzu: »Solange wir einander zuhören, können wir eine Menge auf die Beine stellen.«
Eine Vision wird Wirklichkeit
Auf einem Treffen der Europäischen Hebammen-Vereinigung (European Midwives Association – EMA) 2004 in Schweden wurden der Mangel an Möglichkeiten der akademischen Weiterbildung für Hebammen in ihrer eigenen Disziplin und notwendige Entwicklungen thematisiert. Weitere Treffen in Berlin, Maastricht und Glasgow führten zu einem Antrag auf EU-Förderung zur Entwicklung eines Masterprogramms, der gewährt wurde. Teilnehmende Hochschulen waren neben der MHH die Glasgow Caledonian University in Schottland, die Haute École de la Santé in Lausanne/Schweiz, die Akademie Verloskunde Maastricht (ZUYD) in den Niederlanden und das College of Health Studies Ljubljana in Slowenien.
Die erste Kohorte startete 2009. In Deutschland war dieser Studiengang über viele Jahre das einzige Masterprogramm für Hebammen. Mechthild Groß stellte den Studiengang vor, der 120 Punkte im European Credit Transfer and Accumulation System (ECTS) umfasste und über zwei Jahre lief. Davon waren 60 ECTS für Pflicht- und 60 ECTS für Wahlmodule vorgesehen. Eine einführende Woche in Präsenz und die Masterarbeit am Ende rahmten das Programm ein. Rund um den Globus verteilt waren die Studierenden Botschafterinnen der MHH, so Groß. Die Präsenzwochen zu Beginn eines jeden Studienjahres rotierten zwischen den Standorten in Glasgow, Maastricht, Lausanne und Hannover. In Hannover fanden Einführungswochen 2010, 2014, 2018, 2020 und 2021 statt.
Auch wenn die Eröffnungswochen an anderen Standorten stattfanden, waren seit 2013 alle neuen Studierenden an der MHH eingeschrieben. Die Glasgow Caledonian University stieg aus dem Programm aus. Glücklicherweise blieb Angela Poats, PhD, von der University of Hull dem Programm verbunden. Etliche Studierende sind heute als Professorinnen in hebammenwissenschaftlichen Studiengängen tätig.
Spektrum und Notwendigkeit der Hebammenwissenschaft
Unter dem Titel »Hebammenwissenschaft – was ist das und warum brauchen wir sie? Erfahrungen aus Skandinavien« reflektierte Prof. Dr. Ellen Aagaard Nøhr von der University of Southern Danmark in Odense. Als Hebamme und Epidemiologin war sie die erste Professorin für Hebammenwissenschaft in Dänemark. Nach 17 Jahren Arbeit als Hebamme, einem Studium der Epidemiologie und einer Promotion arbeitete sie zwölf Jahre als Epidemiologin, bevor sie sich wieder der Hebammenwissenschaft zuwandte.
Ausgangspunkt ihres Vortrags war die Frage, ob man eine Wissenschaft nach einer Profession benennen könne, wie es bei der Hebammenwissenschaft der Fall ist. Da sich die Hebammenwissenschaft, ebenso wie zum Beispiel die Pflegewissenschaft oder die Sozialwissenschaften, auf naturwissenschaftliche, biologische, soziale und psychologische Fakten beziehen, sei diese Benennung durchaus angebracht.
In Schweden könne die Hebammenprofession auf mehr als 50 Jahre Forschung zurückblicken, während es in Norwegen und Dänemark jeweils seit etwa zehn Jahren disziplinäre Forschung von Hebammen gebe. Nøhr benannte Unterschiede und Ähnlichkeiten der Versorgungspraxis und Forschung in den skandinavischen Ländern und stellte bahnbrechende hebammenwissenschaftliche Forschungen aus Schweden vor. Hierzu gehören etwa die Forschungsergebnisse von Vivianne Wahlberg von 1982 zur Credé-Prophylaxe, die zeigten, dass diese schmerzhaft ist, Konjunktivitis und geschwollene Augen verursacht, aber keinen schützenden Effekt in Bezug auf Gonokokken bietet.
Die Forschung zur Frühentlassung nach der Geburt von Ulla Waldenström zeigte 1987, dass diese keine negativen Effekte für die Mutter-Kind-Gesundheit bringt. Heute ist Frühentlassung die Norm – Mutter, Kind und Familie profitieren von ihr.
Ein drittes Beispiel ist die Forschung von Ann-Marie Widström, die 1988 das damals strikte Stillschema in Frage stellte und zeigte, wie das Baby selbst das erste Stillen initiiert, dessen Bedeutung längst durch neuere Forschung belegt ist und sich in den Empfehlungen der WHO spiegelt.
Eine weitere bahnbrechende Forschung aus Norwegen von Nina Schmidt belegte im Jahr 2000 die sehr guten geburtshilflichen Ergebnisse in den sogenannten Free-standing Maternity Homes in abgelegenen Regionen. Zur Realität in den skandinavischen Ländern gehöre wie in allen Industrienationen auch die gestiegene Sectiorate. In Dänemark, Schweden und Norwegen liege sie zwischen 18 und 20 %. »Wir waren in den skandinavischen Ländern in einer Bubble«, so Nøhr. »Jetzt arbeiten wir jeden Tag daran, Wissen dorthin weiterzugeben, wo die Hebammenarbeit nicht so stark ist«.
Als Fazit ihres Vortrags skizzierte Nøhr die unterschiedlichen Dimensionen der Hebammenforschung. Diese sind:
- Grundlagenforschung zum Verständnis der Mechanismen von Schwangerschaft, Geburt und Mutterschaft
- Mutter-Kind- und Familiengesundheit im Lebensverlauf
- Reproduktive Gesundheit
- Praxis von Hebammenarbeit und Geburtshilfe
- Hebammenausbildung
- Psychosoziale Gesundheit und Wohlbefinden von Hebammen und Geburtshelfer:innen
- Forschungsmethoden sowie Theorien und Modelle der Hebammenarbeit.
Ihre wichtige Botschaft zum Schluss: Hebammenwissenschaftliche Forschung ist nicht Hebammen vorbehalten, viele Forschungsprojekte brauchen interdisziplinäre Perspektiven und profitieren davon.
Prof. Dr. Katja Stahl, Universität Lübeck, präsentierte eine Studie zur Auswertung der Implementation eines Modells zur Schwangerenvorsorge in der Gruppe in Hamburg (siehe hierzu auch den Artikel von Güneş Brown in DHZ 11/23).
»Richtiger« Wehenbeginn?
Der Wehenbeginn wird allgemein als Zeitpunkt beschrieben, was nicht adäquat ist, da es dem Prozess nicht entspricht. Woran machen Frauen den Geburtsbeginn fest? Unter dieser Fragestellung war es das Ziel einer Kohortenstudie, die Wahrnehmung der frühen Wehensymptome der Frauen und deren Erleben von Unsicherheit vor der Geburt zu ermitteln. Prof. Hanna Gehling, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Forschungs- und Lehreinheit Hebammenwissenschaft an der MHH, stellte ihre Studie über den Übergang der späten Schwangerschaft zum Wehenbeginn bei Erstgebärenden vor. Sie stellte fest, dass Frauen sich von außen betrachten: Sie zählten die zeitlichen Abstände zwischen den Wehen und definierten ihren Fortschritt anhand von äußeren Zeichen wie Blasensprung oder Zeichnungsblutung, statt in sich zu spüren. Sie würden konditioniert, sich selbst zu labeln in Bezug auf »richtige« (regelmäßige) oder »falsche« (unregelmäßige) Wehen. Es erscheine so, als würden sie auf die »richtigen« Schmerzen warten, so Gehling. In dieser Übergangsphase zwischen Schwangerschaft und klinischem Wehenbeginn sollten Frauen von Hebammen begleitet werden, wann immer sie es wollen. Neben Informationen in der Geburtsvorbereitung sollten sie – jenseits von Leitlinien – frühzeitig zu Hause untersucht werden können.
In ihrer Präsentation zu den Erfahrungen von Frauen beim Tönen, Summen und Schreien während der Wehen und Geburt stellte Dr. Laura Zinßer (MHH) das Spektrum des Erlebens vor – von der Scham, gehört zu werden, bis zur Wertschätzung der eigenen Stimme.
Gewaltfrei gebären
Die Vorträge von Prof. Dr. Claudia Limmer, Studiengang Hebammenwissenschaft an der HAW Hamburg, und der Hebamme und Pflegepädagogin Bettina Schöne, Fachhochschule des Mittelstandes Hannover, widmeten sich dem Thema »Respektlosigkeit und Gewalt während der Geburt«. Während Limmer die Ergebnisse ihrer Masterarbeit, einer Querschnittstudie aus Deutschland, vorstellte, befragte Schöne Hebammenstudierende zu ihren Erfahrungen. Deutlich wurde, dass sich in vielen Punkten Übereinstimmungen der Forschungsergebnisse zeigen – mit dem Unterschied, dass die Studierenden weitere Aspekte wahrnahmen. Sie beobachten beispielsweise, dass Frauen mit geringerer Bildung, Migrantinnen und Frauen, die nach einer abgebrochenen Hausgeburt in die Klinik überwiesen wurden, besonders gefährdet seien, respektloses und übergriffiges Verhalten zu erleben.
Auch der abschließende Vortrag zu Vulnerabilität, Intersektionalität und Modellen der Versorgung durch Hebammen von Janice Hill, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Gesundheitswissenschaften, Abteilung Hebammenwissenschaft der Universität Tübingen, und Anne Christine Manawa Nougho, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Forschungs- und Lehreinheit Hebammenwissenschaft der MHH, widmete sich dem Thema der ungleichen Versorgung. Die beiden Hebammenwissenschaftlerinnen stellten Diskriminierung und Rassismus als fundamental gesundheitsgefährdende Determinanten vor. Vergleichende Studien aus europäischen Ländern zeigten, dass Deutschland hier einen hohen Rang einnimmt. Neben einem von ihnen entwickelten Lehrmodul zur Schwangerenvorsorge vulnerabler Frauen, präsentierten die Vortragenden das interdisziplinäre Projekt »SIGEL – Sicheres Gebären in vulnerablen Lebensumständen«. Eine zweijährige Forschungsförderung durch das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt ermögliche es, das gesamte Ausbildungscurriculum im Hebammenstudium auf Lücken in der Versorgung vulnerabler Gruppen zu untersuchen und Modelle für die Ausbildung sowie partizipative Ansätze der Versorgung zu entwickeln.
Wünsche zum Abschied
Zum Abschluss der Konferenz stellte Mechthild Groß Antworten von ehemaligen Masterstudierenden vor auf die Frage: »Was war das Wichtigste für euch in diesem Programm?« Darunter: nicht allein zu sein; gestärkt zu werden; die Möglichkeit, die eigene Arbeit und Situation als Hebammen zu reflektieren; mit vielen tollen Menschen aus vielen Ländern gemeinsam zu studieren; Leidenschaft für die Forschung zu entdecken und neue Ziele zu erreichen. Für sich selbst und die Wissenschaft wünschten sich die Absolventinnen mehr Forschung zur Perspektive der Frauen, interdisziplinäre Zusammenarbeit und Partnerschaften mit Gynäkolog:innen.
Das breite Themenspektrum sowie zahlreiche Posterpräsentationen und der inspirierende Austausch untereinander rahmten die beeindruckende Konferenz. Sie würdigten das Projekt und den großen Einsatz von Mechthild Groß. Und sie weisen in die Zukunft: zur Vision eines gemeinsam gestalteten nationalen Masterprogramms für Deutschland, in dem Forschung und Ausbildung eng miteinander verbunden sind, so Groß in ihrem Schlusswort.

