Illustration: © Melanie Garanin

Hebammen, die Frauen im ganzen Betreuungsbogen begleiten, kennen dieses Phänomen: Sitzt beim Erstkontakt noch eine unsichere, vom Frühschwangerschaftschaos gebeutelte Frau vor ihnen, ist häufig im Verlauf der Schwangerschaft, durch die Geburtsarbeit und die ersten Lebensmonate mit dem Säugling eine unglaubliche Persönlichkeitsentwicklung spürbar. Begleitet durch die Impulse ihrer Hebamme trainiert sie, für sich und ihr Kind zu sorgen, zu wählen und einzustehen. Wir können dem Reifungsprozess förmlich zusehen.

Mir scheint, im physiologischen Verlauf eines Schwangerschaftsverlustes im ersten Trimester liegt ähnliches Potenzial. Voraussetzung dafür ist eine stärkende, orientierende Begleitung durch Hebammen. Erlebt die Frau, dass ihr Verlust ernst genommen wird und erhält sie an der Physiologie ausgerichtete Informationen zu ihren Möglichkeiten, kann sie den Prozess einer »kleinen« Geburt als überaus stärkend erleben. Nicht selten sortiert sich die Schwangere bereits im ersten Gespräch erstaunlich schnell, atmet auf über die Wahlfreiheit für das Management und bildet rasch ihre eigene Haltung.

Im Warten auf die Blutung beginnt bereits die Verarbeitung der Trauer über ihr gegangenes Kind. Diese Frau übt einen Rhythmus aus dem Hinwenden zum Geschehen und dem Weiterleben im Alltag. Während in ihrem Innern alle Hormonprozesse verstanden haben, dass der »Signalgeber« Embryo keine Erhaltungsbotschaft mehr sendet, bereitet sich der Körper im Weichwerden auf Öffnung und Lösung vor. Irgendwann sehnt die Mutter das Einsetzen der Geburt so sehr herbei, dass dies oft stärker scheint als die Trauer. Im Prozess der kleinen Geburt – meist in einer Wehenarbeit von mehreren Stunden – durchlebt sie, dass ihr Kind geht. Sie öffnet sich und lässt es gehen.

Der Körper erholt sich und nicht selten fühlen sich die Frauen bald bereit für eine neue Empfängnis. Viele erleben Selbstwirksamkeit und fühlen sich für künftige Schwangerschaften besser informierter über ihre Wahlmöglichkeiten. Eine kleine Geburt hat tatsächlich das Potenzial des gesamten Schwangerschafts- und Geburtsprozesses in komprimierter Form. Achtsames Begleiten ist Persönlichkeitsförderung durch die Hebamme.

In der nächsten Ausgabe der DHZ 1/2021 lautet unser Schwerpunktthema »Fehlgeburten begleiten«.

Zitiervorlage
Steinmann J: Die Kraft der »kleinen Geburt«. Deutsche Hebammen Zeitschrift 2020. 72 (12): 116

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