Rückenschmerzen und Beschwerden im Bewegungsapparat kennen viele Hebammen. Welche Tätigkeiten sind es genau, die Schmerzen verursachen, wie gehen Hebammen damit um und wie kann die Zukunft schmerzfrei werden? Eine eigene quantitative Erhebung zeigt Antworten und Auswege.
Viele Hebammen kennen es: Der Dienst endet, aber der Körper arbeitet weiter. Der Rücken meldet sich auf der Heimfahrt, beim Hinsetzen, manchmal auch in der Nacht. Was als »normal nach einem langen Dienst« beginnt, wird schleichend zu einem Dauerbegleiter. Schmerzen werden hingenommen, relativiert, ignoriert − weil die Bedürfnisse der Gebärenden meistens zuerst kommen. Doch wer trägt eigentlich uns als Hebammen?
Die körperlichen Anforderungen in der Geburtshilfe sind hoch – und dennoch bleibt die Rückengesundheit von Hebammen bislang ein wenig beachtetes Thema. Während für Pflegeberufe bereits zahlreiche Erkenntnisse zum ergonomischem Arbeiten vorliegen (Bernal et al. 2015), fehlen im deutschsprachigen Raum spezifische Daten zur Belastungssituation von Hebammen weitgehend.
Eine eigene, im Rahmen eines Bachelorprojekts durchgeführte quantitative Erhebung an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg (DHBW) in Stuttgart liefert neue Einblicke in das Ausmaß und die Ursachen von Rückenbeschwerden in der Geburtsbegleitung. Gleichzeitig werden ein paar Ideen aufgezeigt, wie ergonomischere Arbeitsweisen aussehen können.
Ein Berufsrisiko
Chronische Rückenschmerzen gehören zu den häufigsten und kostenintensivsten Gesundheitsproblemen überhaupt mit großem Einfluss auf das Leben der Betroffenen (Hoy, 2014). Studien zeigen, dass Frauen überdurchschnittlich häufig betroffen sind und dass viele Berufe im medizinischen Bereich ein besonders hohes Risiko dafür bergen (von der Lippe, 2021).
Heute werden Rückenschmerzen nicht mehr rein biomechanisch verstanden, sondern als bio-psycho-soziales Geschehen, bei dem körperliche Belastung, Stress und Arbeitsbedingungen eng miteinander verwoben sind (AWMF, 2017).
Für Hebammen ergibt sich daraus eine besondere Brisanz: Das Arbeiten im Kreißsaal ist geprägt von Zeitdruck, anstrengenden Körperhaltungen, emotionaler Verantwortung und immer wieder haltenden Tätigkeiten, beispielsweise beim Halten eines Beins der Gebärenden oder des Kindes bei der Stillunterstützung. Ein internationaler Fachartikel deutet bereits darauf hin, dass gesundheitliche Belastungen ein relevanter Faktor für den Berufsausstieg sein können. Belastbare Daten für Deutschland fehlen bislang jedoch (Baker, 2016).
Methodik der Datenerhebung
Im Rahmen einer Projektarbeit während des Bachelorstudiums für angewandte Hebammenwissenschaften an der DHBW Stuttgart wurde von September bis Dezember 2021 ein mit Questionpro entwickelter Fragebogen online zum Thema »rückenbelastende Arbeitsmomente in der Geburtsbegleitung« geteilt, der sich an Kolleg:innen richtete, die zu der Zeit im Kreißsaal arbeiteten. Da die Häufigkeit der Geburtsbegleitungen außerklinisch erheblich niedriger ist, war der Fragebogen nur an klinisch tätige Hebammen gerichtet; wohlwissend, dass auch die außerklinische Geburtsbegleitung sehr belastend für den Rücken der Kolleginnen sein kann. Insgesamt nahmen 635 Hebammen teil, was die hohe Relevanz des Themas hervorhebt. Nach Sichtung aller Fragebögen blieben 513 auswertbare Rückmeldungen übrig.
Geht man zum Zeitpunkt der Erhebung davon aus, dass etwa 19.000 Hebammen aktiv in der Geburtshilfe arbeiteten, zeigt die Auswertung – auch aufgrund der hohen Heterogenität der soziodemografischen Daten – ein umfassendes Bild der Belastungssituation (SHV, 2022). Die Daten wurden quantitativ mithilfe des Statistikprogramms SPSS (Version 22.2) ausgewertet. Erfasst wurden unter anderem:
- Häufigkeit und Dauer von Rückenbeschwerden
- Belastende Arbeitssituationen
- Subjektive Bedeutung der Beschwerden
- Soziodemografische Daten.
Die Ergebnisse ermöglichen erstmals eine systematische Annäherung an die Belastungssituation von Hebammen im Kreißsaal.
Häufigkeit und Dauer der Beschwerden
Die erste Erkenntnis des Fragebogens ist, dass Rückenbelastungen sehr häufig bei der Kreißsaalarbeit auftreten.
Abbildung 1: Häufigkeit von Schmerzen im Bewegungsapparat im Zusammenhang mit der Kreißsaaltätigkeit, ausgehend von einer Fünf-Tage-Woche (n= 513)
Quelle: Mora, A. (2022)
Wie Abbildung 1 zeigt, berichtet ein Drittel der Hebammen über sehr häufig auftretende Schmerzen im Zusammenhang mit ihrer Kreißsaaltätigkeit. Die 21,8 % der Kolleginnen, die Rückenbeschwerden fast nie erleben, wurden bei den folgenden Fragen zu belastenden Situationen ausgeklammert und zu den soziodemografischen Angaben weitergeleitet. Alle betroffenen Kolleginnen wurden gebeten, die Dauer der Schmerzen zeitlich einzuordnen (siehe Abbildung 2).
Auch wenn diese Frage als einzige deutlich seltener beantwortet wurde, zeigt sich, dass die Belastung bei fast allen erfassten Kolleginnen schon sehr lange besteht, was laut der S3-Leitlinie »Nationale Versorgungsleitlinie Kreuzschmerz« als mögliches Risiko einer Chronifizierung gewertet werden kann (AWMF, 2017). Laut Leitlinie gelten Schmerzen, die länger als drei Monate bestehen und nahezu täglich auftreten, als chronisch. Sie betont: Je früher interveniert wird, desto besser sind die Chancen, eine Chronifizierung zu verhindern.
Belastende Arbeitsmomente
Ein zentraler Bestandteil der Erhebung war die Identifikation konkreter Tätigkeiten, die als besonders rückenbelastend erlebt werden. Dabei nannten die Kolleginnen 732 Tätigkeiten, die sie als belastend erleben (siehe Tabelle).
| Belastende Tätigkeiten | Anzahl | Prozent |
| Halten des Beins | 30 | 9,9 |
| Wassergeburten | 113 | 37,4 |
| Stillhilfe | 76 | 25,2 |
| Dammschutz | 74 | 24,5 |
| CTG halten | 51 | 16,9 |
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Tabelle: Auflistung der am häufigsten genannten belastenden Situationen (n=302) |
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Quelle: Eigene Darstellung/Andrea Mora |
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Die Teilnehmerinnen wurden aufgefordert, die subjektive Belastung in den einzelnen Situationen zu spezifizieren. Betrachtet man die Stillunterstützung – eine Aufgabe, die nach jeder Geburt mit unterschiedlichem Aufwand stattfindet, zeigten sich zum Beispiel detaillierte Einschätzungen (siehe Abbildung 3).
Abbildung 3: Tabelle zur detaillierten Häufigkeit der Rückenschmerzen in belastendsten Situationen
Quelle: Eigene Darstellung/Andrea Mora
Wie gehen Hebammen mit der Situation um?
Zur Frage, wie Hebammen mit bestehenden Beschwerden umgehen, zeigt die Befragung ein differenziertes Bild: Am häufigsten werden erlernte ergonomische Techniken (wie Einstellung der Betten auf eine gute Arbeitshöhe, rückenschonendes Verhalten beim Bücken) eingesetzt – rund 73 % wenden sie mindestens gelegentlich an, nur 7,6 % nie. Auch Sport spielt eine wichtige Rolle: über 44 % sind regelmäßig (häufiger als 2 mal pro Woche) aktiv, vor allem mit Yoga (32 %), Joggen (23,6 %), Fahrradfahren (22,7 %) oder Krafttraining (22,7 %). Schmerzmittel werden dagegen zurückhaltend genutzt – 46,2 % greifen nie darauf zurück, weniger als 1 % häufig. Professionelle therapeutische Hilfe wird ebenfalls eher selten in Anspruch genommen: 34,4 % nutzen sie nie, 45,7 % nur selten. Ergänzend berichten Hebammen über vielfältige Selbsthilfestrategien wie Wärme (40,3 %), Massagen (17,7 %), Dehnen (13,2 %) oder Pausen (8,6 %).
Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass viele Hebammen vorhandenes Wissen zur Prävention und Selbstbehandlung einsetzen. Sie sprechen dafür, dass viele Hebammen eigenverantwortliche Strategien zur Behandlung und Prävention bereits anwenden.
Bei der Nutzung technischer Hilfsmittel zeigt sich eine große Spannbreite: Während das Abstützen am Kreißbett sehr häufig genutzt wird (rund 80 % häufig oder immer), wird eine Tritterhöhung oder andere Hilfsmittel (Griffe und Halterungen an Betten, flexibel einsetzbare Tücher) von über 90 % selten oder nie eingesetzt. Als Gründe werden vor allem fehlendes Material, mangelnde Ideen oder Bewusstsein, Zeitdruck, hierarchische Hürden sowie die Sorge vor einer zu technisierten Geburtshilfe genannt.
Praktische Konsequenzen
Die Ergebnisse der Erhebung machen deutlich, dass rückenschonendes Arbeiten nicht allein eine individuelle Aufgabe ist, sondern auf mehreren Ebenen ansetzen sollte.
Individuelle Ebene:
- Sensibilisierung für eigene Belastungsgrenzen
- Reflexion und Anpassung von Arbeitsgewohnheiten
- Nutzung und Erweiterung vorhandener Hilfsmittel
Fachliche Ebene:
- Weiterentwicklung des Rollenverständnisses
- Stärkere Aktivierung der Gebärenden
- Gezielter Einsatz von Partner:innen und Hilfsmitteln
Organisationale Ebene:
- Implementierung von Schulungsangeboten
- Entwicklung spezifischer Hilfsmittel für die Geburtshilfe
- Integration des Themas in Ausbildung und Studium.
Kinästhetische Ansätze
Auf der persönlichen Ebene können die vorgestellten Ergebnisse einladen, sensibler mit den eigenen berufsbedingten Belastungen des Bewegungsapparats umzugehen. Die Kinästhetik bietet dabei einige Ansätze.
In Schulungsangeboten zum Thema rückenschonendem Arbeiten im Hebammenalltag fällt häufig auf, dass Hebammen intuitiv häufig eine hohe Körperspannung aufbauen, wenn sie eine Frau während der Geburt beim Positionswechsel unterstützen oder sie in Geburtspositionen unterstützen (etwa beim Halten des oben liegenden Beines in der Seitenlage). Diese zum Schutz aufgebaute Körperspannung ist nur dann hilfreich, wenn sie gut angepasst und im richtigen Moment aufgebaut wird. Über einen Zeitraum von einigen Minuten hat sie aus verschiedenen Gründen negative Auswirkungen auf die Gesundheit: Sie erhöht die Belastung der Wirbelsäule, sie vermindert die Perfusion und sie schränkt die Bewegungsressourcen der Hebamme sehr stark ein.
Dabei ist ein wichtiger Aspekt in der Kinästhetik, Bewegungen so zu unterstützen, dass die Kolleginnen lernen, eher aus der Bewegung zu arbeiten als aus eigener Kraft. Das gelingt immer dann besonders gut, wenn die Bewegungsrichtung stimmt und die Hebammen ein klares Verständnis der durchzuführenden Bewegung haben.
Ein weiterer entlastender Aspekt kann aus der kinästhetischen Betrachtung unseres Bewegungsapparats gewonnen werden. In der funktionalen Anatomie geht es darum, dass wir in allen stabilen Positionen das Gewicht über knöcherne Strukturen fließen lassen, damit die Muskulatur möglichst entspannt oder beweglich bleiben kann. Das bedeutet, dass immer, wenn die Frauen sich auf der Hebamme abstützen und sie deren Gewicht übernimmt, geschaut werden sollte, über welche knöchernen Strukturen das Gewicht fließen kann (in der tiefen Hocke beispielsweise mit einem Stillkissen unter dem Sitzbeinhöcker oder den Schienbeinen). In der Seitenlage kann es entlastend sein, wenn sich die Begleitperson an das Bettende setzt und die Frau sich mit ihrem Fuß an deren Rücken abstützen kann. So hat die Gebärende einen stabilen Halt, der Rücken der Hebamme ist frei und sie kann ihre Arbeiten unbeeinträchtigt ausführen.
Ausblick
Zurück zur Frage vom Anfang dieses Artikels: Wer trägt eigentlich uns als Hebammen?
Die Ergebnisse dieser Erhebung zeigen deutlich, dass Rückenschmerzen kein individuelles Problem sind, sondern ein strukturelles Thema der Profession. Viele Hebammen arrangieren sich mit Beschwerden, passen ihr Arbeitspensum an oder denken sogar darüber nach, die Geburtshilfe zu verlassen. Das darf nicht zur Normalität werden.
Es wird langfristig entscheidend sein, das Thema strukturell zu verankern: in der Ausbildung, in der klinischen Praxis und in der berufspolitischen Diskussion. Denn nur, wenn rückenschonendes Arbeiten als integraler Bestandteil professioneller Geburtshilfe verstanden wird, kann die Gesundheit der Hebammen nachhaltig geschützt und verbessert werden.
Die gute Nachricht ist: Es gibt Wege, die Arbeit spürbar zu erleichtern – ohne die Qualität der Betreuung zu verringern. Im Gegenteil: Wenn wir lernen, Bewegung besser zu verstehen, Gebärende aktiver einzubeziehen und Unterstützung klüger zu organisieren, profitieren alle Beteiligten.
Vielleicht beginnt Veränderung mit einer einfachen Frage im nächsten anstrengenden Moment: Muss ich diese Kraft wirklich einsetzen oder gibt es einen leichteren Weg?
Baker, K. (2016). Reasons why midwives leave. British Journal of Midwifery. https://www.britishjournalofmidwifery.com/content/birthwrite/reasons-why-midwives-leave
Bernal, D. et al. (2015). Work-related psychosocial risk factors and musculoskeletal disorders in hospital nurses and nursing aides: A systematic review and meta-analysis. International Journal of Nursing Studies, 52, 635–648. https://doi.org/10.1016/j.ijnurstu.2014.11.001
Hoy, D., et al. (2014). The global burden of low back pain: Estimates from the Global Burden of Disease 2010 study. Annals of the Rheumatic Diseases. 73(6), 968–974. https://doi.org/10.1136/annrheumdis-2013-204428
Mora, A. (2022): Rückenschonendes Arbeiten in der Geburtsbegleitung- Ergebnisse einer quantitativen Befragung (unveröffentlicht)
Nienhaus, A. (Hrsg.). (2018). RiRe – Risiken und Ressourcen in Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege. Landsberg am Lech: Ecomed.
Sächsischer Hebammenverband (2022). Zahlenspiegel zur Situation der Hebammen 2022. https://saechsischer-hebammenverband.de/download/202204_ zahlenspiegel_zur_situation_der_hebammen.pdf#:~:text=Vollzeit/ Teilzeit%20in%20Kliniken%20Für%20das%20Jahr% 202020,arbeiteten%20in%20Teilzeit%20oder% 20waren%20geringfügig%20beschäftigt
von der Lippe, E., et al. (2021). Prävalenz von Rücken- und Nackenschmerzen in Deutschland. Ergebnisse der Krankheitslaststudie BURDEN 2020. Journal of Health Monitoring, 6. https://edoc.rki.de/handle/176904/7893




