Hedwig von Beverfoerde, Sprecherin der Initiative Familienschutz, engagierte sich für die Einführung des Betreuungsgeldes. Foto: © Hedwig von Beverfoerde, privat.
Seit 2007 werden Milliardensummen aus Staatsmitteln in den bundesweiten Ausbau von Krippenplätzen investiert. Ministerin Ursula von der Leyen (CDU) hatte den Rechtsanspruch auf einen Krippenplatz durchgesetzt, der jetzt, im Jahr 2013, in Kraft tritt. Damit sind Fakten geschaffen, die kulturelle Grundorientierungen in Deutschland nachhaltig verändern können. Eine sehr frühe Fremdbetreuung bereits für ein- und zweijährige Säuglinge und Kleinstkinder, die in den „alten“ Bundesländern als Ausnahmeerscheinung für Notfälle galt, soll sich zum gesellschaftlichen Normalfall entwickeln. Das ist die Intention der politisch Verantwortlichen und der dahinter stehenden Interessen, vor allem der Wirtschaft. Ziel dabei sind kurze Unterbrechungszeiten von erwerbstätigen – und Steuern zahlenden – Müttern.
Was aber bedeutet das für die betroffenen Kleinstkinder? Immer mehr Experten warnen vor den hohen Risiken früher Fremdbetreuung und kritisieren die fehlende Orientierung am Kindeswohl. Die Entwicklungspsychologie, Säuglings- und Kleinkindforschung sowie die Neuropsychologie belegen zweifelsfrei die zentrale Bedeutung der ersten Beziehungserfahrungen für die geistige, soziale und emotionale Entwicklung des Menschen. Der renommierte ostdeutsche Psychiater Dr. Hans-Joachim Maaz betont, wie wichtig in den ersten drei Lebensjahren die empathische und liebende Begleitung – idealerweise durch die Mutter – sei. Wesentlich sei, dass die Mutter für das Kind erreichbar ist. Eine zu frühe stundenlange Trennung von der wichtigsten Bindungs- und Bezugsperson bedeute dagegen für das Kind eine schwere Belastung. Das Verlustgefühl verursache Angst, Hilflosigkeit und damit Stress, der gravierende Langzeitfolgen für die Gesamtentwicklung des Kindes nach sich ziehen könne.
Dr. Rainer Böhm, leitender Arzt am Sozialpädiatrischen Zentrum in Bielefeld, bestätigte diese Erkenntnisse vor dem Familienausschuss des Bundestages am 14. September 2012. Verschiedene internationale Studien belegten die enorme Stressbelastung kleiner Kinder in früher außerhäuslicher Gruppenbetreuung: „Somit muss als gesichert gelten, dass besorgniserregende Veränderungen des Cortisolprofils (Stresshormon) vor allem bei außerfamiliärer Betreuung von Kleinkindern auftreten. Und das selbst bei qualitativ sehr guter Betreuung. Jene Cortisoltagesprofile, wie sie bei Kleinkindern in Kinderkrippen nachgewiesen wurden, lassen sich am ehesten mit den Stressreaktionen von Managern vergleichen.“
Solche Befunde – von staatlichen Stellen weitgehend verschwiegen – sollten Eltern kennen, um die jeweils bestmögliche Antwort in der Betreuungsfrage zu finden. Sollen (müssen) sie dem wirtschaftlichen und staatlichen Druck – oder dem eigenen Wunsch – nachgeben und die Erwerbstätigkeit schnellstmöglich wieder aufnehmen? Oder könnten sie dem kindlichen Bedürfnis nach längerer Elternzuwendung entsprechen? Wir haben uns als „Initiative Familienschutz“ vehement für die Einführung des Betreuungsgeldes eingesetzt, um wenigstens einen ersten Schritt zu mehr finanzieller Wahlfreiheit für Eltern zu erreichen. Konkret muss jede Familie für ihr Kind in der jeweiligen Lebenssituation entscheiden. Die Hebamme als kompetente Vertrauensperson kann dabei aufklärend und beratend zur Seite stehen.
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