»Werdende Hebammen fühlen sich als Mittäterinnen. Sie nehmen wahr, dass sich seit Generationen von Hebammen das System selbst erhält und Hebammen angstvoll gelernt haben.« Foto: © Canva
Erstmals wurden in Deutschland Zusammenhänge zwischen gewaltvollen Erfahrungen werdender Hebammen in ihren Praxiseinsätzen und wie sie diese bewältigen untersucht. Für eine strukturierte Reflexion, Gegenmaßnahmen und Schutzkonzepte sind Fach- und Führungskräfte aus Praxis und Lehre gefordert.
Das Poster zur »Bewältigung von Gewalterleben werdender Hebammen im praktischen Einsatz« landete im September beim Posterwettbewerb vom 4. Lübecker interprofessionellen Perinatalkongress (LiP) auf dem ersten Platz. Es wurde auf der Basis einer Dissertation entwickelt (Köhler & Schwarz, 2024).
Zur Forschungsfrage liegen laut Literaturrecherche besorgniserregende Zahlen vor: Laut einer quantitativen Befragung gaben 95 % der werdenden Hebammen an, dass sie Gewalt in der Geburtshilfe erwarten (Schoene et al., 2023).
Unsichtbare und nicht protokollierte Gewalt wurde von werdenden Hebammen im Mangel ethischer Grundsätze gegenüber Gebärenden beobachtet. Sichtbare Gewalt zeigte sich in der Anwendung von Interventionen (Mena-Tudela, 2020).
Im praktischen Einsatz erleben werdende Hebammen im Lernprozess laut internationaler Studien weltweit Gewalt in Form von körperlicher Verletzung, verbaler Verletzung (Beleidigungen), emotionaler Verletzung (Demütigungen, Erniedrigung, Einschüchterung) und ungenügender Kommunikation (Simpson et al., 2023; Capper et al., 2020; Fathi et al., 2018).
Die Fragestellung der Dissertation an der Universität zu Lübeck lautet: Wie bewältigen werdende Hebammen in Deutschland in ihrem praktischen Einsatz Gewalterleben?
Methodik
Eine qualitative Querschnittstudie mit Leitfaden-gestützten Interviews wurde gewählt, um das Gewalterleben sowie dessen Bewältigung von werdenden Hebammen und jungen Hebammen zu erfassen, deren Examen weniger als zwei Jahre zurücklag (n = 23). Ein Einschlusskriterium war das Erleben von Gewalt.
Die Datenerhebung erfolgte nach dem Theoretical Sampling der Grounded Theory, einer Forschungsmethode, bei der aus Interviews und Erfahrungen Schritt für Schritt Ergebnisse gewonnen und in Zusammenhang gebracht werden, bis keine weiteren Erkenntnisse gefunden werden. Als Datenauswertungsverfahren wurde das offene, axiale und selektive Kodieren mit Hilfe von MAXQDA genutzt, einem Computerprogramm, das Texte und Interviews systematisch ordnet, um Muster und Themen zu erkennen. Ein Ethikvotum der Universität zu Lübeck liegt vor.
Ergebnisse
In den Interviews positionieren sich die Studienteilnehmerinnen gegen Gewalt. Sie nehmen ein Normalisierungspotenzial wahr: »Gute« werdende Hebammen sollten Anforderungen bewältigen. Sie nehmen wahr, dass sie hart werden sollen gegen die Belastungen des Arbeitsalltags der Hebammen.
Die Studienteilnehmerinnen beschreiben, dass damit das Gegenteil erreicht wird. Sie beschreiben Angst: vor Versagen, vor Bewertung und davor, als Verräterin bezeichnet zu werden, wenn sie Missstände ansprechen. Sie berichten von der Angst, dass das Erlebte zur Routine wird. Gewalt wird als Lerngegenstand wahrgenommen. Dennoch sind der Wunsch und Wille zur Veränderung bei allen Studienteilnehmerinnen präsent.
Werdende Hebammen fühlen sich als Mittäterinnen. Sie nehmen wahr, dass sich seit Generationen von Hebammen das System selbst erhält und Hebammen angstvoll gelernt haben.
Strategien zur Bewältigung von Gewalterleben sind die Überwindung von Selbstzweifeln, Rückzug, Kommunikation besonders mit Kommilitoninnen (Peer to Peer), Ausgleich in der Freizeit, Austausch mit Freund:innen oder Familie, die Vermeidung, zur (Mit-)Täterin zu werden, und das Verlassen der Situation.
Die Studienteilnehmerinnen eint die Vision auf ein eigenständiges Arbeiten als Hebamme – symbolisch beschreibt eine Interviewte dieses Ziel als »den Nordstern«. Einige werden aktiv gegen die Normalisierung von Gewalt, indem sie sich berufspolitisch engagieren und sich Hilfe von außen suchen. Andere erfahren Widerstände, sie haben die Hoffnung auf Veränderung und halten die Situation des Gewalterlebens aus: »Augen zu und durch«.
Um einen Transformationsprozess von der Ohnmacht zur Handlungsmacht – hinaus aus dem Gewaltkreislauf – zu unterstützen, benötigen die werdenden Hebammen Hilfe und Schutz.
Laut den Studienteilnehmerinnen sollten Hebammen, Praxisanleiter:innen und besonders das Führungspersonal hinsehen, Gewalt benennen und Maßnahmen gegen Verstöße von Menschenrechten umsetzen, die Konsequenzen nach sich ziehen.
Die Studienteilnehmerinnen wollen, dass werdende Hebammen auf den ersten Praxiseinsatz vorbereitet werden. Resilienzfaktoren könnten bewusst wahrgenommen und gezielt genutzt werden. Eine strukturierte Reflexion sollte stattfinden.
Diskussion
Erstmalig wurden in Deutschland Zusammenhänge zwischen dem Erleben und der Bewältigung von Gewalterleben werdender Hebammen aufgezeigt. Die Studienteilnehmerinnen beschreiben einen Unterschied des Bildes von Gewalt vor Beginn ihres Studiums beziehungsweise ihrer Ausbildung und während sie diese Lebensphase durchliefen. Durch die Tätigkeit im Kreißsaal wurde das Phänomen Gewalt in ihrem Leben deutlich präsenter.
Die Prävalenz von Gewalterleben von Hebammenstudierenden liegt laut internationalen Studien zwischen 44,8 % (Fathi et al., 2018) und 82,3 % (Capper et al., 2020) beziehungsweise 94 % (Simpson et al., 2023).
Die Studienteilnehmerinnen wollen der Normalisierung von Gewalt und einem emotionalen Auskühlen entgegensteuern. Die Aufarbeitung von Gewalterfahrungen wird von den Studienteilnehmerinnen als notwendig erachtet. Die Überwindung der Selbstzweifel, die Vision auf ein eigenständiges Arbeiten, sich aktiv wehren und Resilienzförderung könnten die Selbstwirksamkeit der werdenden Hebammen fördern (Rönnau-Böse & Fröhlich-Gildhoff, 2020).
Die Studienteilnehmerinnen nahmen sich an unterster Stelle der Hierarchie wahr. Sie sehen Führungskräfte in der Verantwortung, zu unterstützen. Es könnten Ziele sowie Maßnahmen in Schutzkonzepten formuliert und umgesetzt werden.
Die strukturierte Reflexion ist laut den Studienteilnehmerinnen in Praxis und Theorie notwendig. Dazu können Reflexionsmodelle genutzt werden, beispielsweise das Bass-Modell, das auf eine ganzheitliche Reflexion abzielt und für Hebammenstudierende entwickelt wurde (Bass et al., 2017).
Fazit
Die Studienteilnehmerinnen erkennen den Wandlungsbedarf. Ihre Studienteilnahme ist unter anderem durch den Wunsch bedingt, dass ihr Gewalterleben nach außen getragen wird und Lösungspotenziale identifiziert werden können. Sie reflektieren Auslöser der Gewalt, etwa die Arbeitsbelastungen der Hebammen, die mit einem großzügigeren Stellenschlüssel verbessert werden sollten. Hier ist die Politik in der Verantwortung, Rahmenbedingungen der Hebammenarbeit zu verbessern.
Die Studienteilnehmerinnen zeigen sich selbst als wandlungsbereit und fordern Unterstützung. Sie wollen eine gewaltfreie Geburtshilfe, gewaltfrei lernen und wünschen sich eine strategische Erneuerung des Umgangs miteinander im Kreißsaal. Ihr Ziel ist es, später als respektvoll arbeitende Hebammen zu einem respektvollen Lernen zukünftiger Generationen von Hebammen beizutragen.
Die Ergebnisse dieser Forschungsarbeit zeigen, dass dies schwer umzusetzen ist. So ist eine Umsetzung in einem Team, das dazu nicht bereit ist, fast unmöglich. Das Ziel ist hinzusehen, hinzuhören, wahrzunehmen und Gewalt zu benennen sowie zu reflektieren, um daraus Handlungen abzuleiten! Schutzkonzepte könnten entwickelt werden. Und zukünftige Forschungsprojekte könnten an diesen Ergebnissen ansetzen, um alle Beteiligten vor Gewalt zu schützen: Gebärende, Neugeborene, Familien und Mitarbeiter:innen.
Poster Download
Capper, T., Muurlink, O., Williamson, M. (2020): Midwifery students‘ experiences of bullying and workplace violence: A systematic review, In: Midwifery. 2020 Nov; 90:102819. doi: 10.1016/j.midw.2020.102819. Epub 2020 Aug 14, Australia (Zugriff 20.06.2025).
Fathi, M., Fallahi, A., Sharifi, S., Dehghani, S., Olyaei, N., Valiee, S. (2018): Status of Violence in a Selected Faculty: The Students‘ Experience. In: International Journal of Nursing Education Scholarship 15 (1). DOI: 10.1515/ijnes-2016-0063, S. 1-10.
Köhler, P., Schwarz, C. (2024): Bewältigung von Gewalterleben werdender Hebammen im praktischen Einsatz, Dissertation an der Universität zu Lübeck, In: https://doi.org/10.48769/opus-8050.
Mena-Tudela, D., Cervera-Gasch, A., Alemany-Anchel, M. J., Andreu-Pejó, L., González-Chordá, V. M. (2020): Design and Validation of the PercOV-S Questionnaire for Measuring Perceived Obstetric Violence in Nursing, Midwifery and Medical Students. In: International journal of environmental research and public health 17 (21). DOI: 10.3390/ijerph17218022, S. 1-11.
Rönnau-Böse, M., Fröhlich-Gildhoff, K. (2020): Resilienz und Resilienzförderung über die Lebensspanne. 2. erweiterte und aktualisierte Auflage. Stuttgart, Kohlhammer, S. 9-205.
Schoene, B. E.F., Oblasser, C., Stoll, K., Gross, M. M. (2023): Midwifery students witnessing violence during labour and birth and their attitudes towards supporting normal labour: A cross-sectional survey. In: Midwifery 119, S. 1–11. DOI: 10.1016/j.midw.2023.103626.
Simpson, N., Wepa, D., Vernon, R., Briley, A., Stehen, M. (2023): Midwifery students’ knowledge, understanding and experiences of workplace bullying, and violence: An integrative review. In: International Journal of Nursing Studies Advances 5, DOI: 10.1016/j.ijnsa.2023.100144, S. 1–17.
