Neulich sitze ich bei einer Tagung und höre zufällig ein Gespräch am Nebentisch mit. Zwei Kolleginnen unterhalten sich dort.

»Ich beneide euch angestellte Hebammen«, sagt die eine, »ihr habt ein festes Gehalt. Wenn ihr krank seid, dürft ihr im Bett bleiben und bekommt trotzdem euer Geld. Es gibt bezahlten Urlaub und später auch noch eine Rente. Euer Arbeitgeber bezahlt eure Krankenversicherung, und wenn ihr Glück habt, könnt ihr auch noch in der bezahlten Arbeitszeit an Fortbildungen teilnehmen.«

Die andere Kollegin schaut skeptisch aus. »Du hast gut reden«, meint sie, »ihr Freiberuflerinnen pickt euch doch die Rosinen aus dem Hebammenkuchen. Du betreust nur so viele Frauen gleichzeitig, wie du möchtest, und kannst dir sogar noch aussuchen, welche. Wenn du pinkeln musst, dann gehst du, und wenn du Hunger hast oder eine Pause brauchst, dann nimmst du dir die Zeit. Niemand erpresst dich, ständig aus dem Frei zur Arbeit zu kommen. Und wenn du mehr Geld brauchst, nimmst du einfach noch ein, zwei Frauen mehr an oder einen zusätzlichen Kurs, und schon ist der Urlaub verdient.«

Stille. Wer hat Recht? Gibt es zwei Wahrheiten? Zwei parallele Universen? Die Erlösung kommt aus einer ganz anderen Richtung. Ein Arzt, der den Raum betritt, begrüßt die beiden freundlich mit den Worten: »Na, ihr Berufs-Optimistinnen, plant ihr gerade wieder die Rettung der Menschheit durch schöne Geburten? Ihr dürft die Schönheit der Erfindung ‚Geburt‘ durch Mutter Natur betrachten. Und ihr seht Frauen, die guter Hoffnung sind, statt sich vor unseren Risiken zu fürchten. Ich wünschte, wir könnten alle so vertrauensvoll sein. Ihr habt es gut – eure Philosophie möchte ich auch gern haben …« Lächelnd geht er weiter. Ob die Kolleginnen wohl erraten haben, warum ich am Nebentisch laut loslachen musste?

Ich wünschte, wir würden häufiger auf das halbvolle Glas schauen, statt untereinander missgünstig zu sein. Manchmal merken wir erst beim Blick von außen, dass wir uns bei der wirklich wesentlichen Frage des Lebens völlig einig sind: Was bedeutet Geburt(-shilfe)? Im Grunde kreisen wir doch im selben Universum – manchmal eben auf unterschiedlichen Umlaufbahnen.

Zitiervorlage
Schwarz C: Paralleluniversen? DEUTSCHE HEBAMMEN ZEITSCHRIFT 2018. 70 (1): 120 

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