Prof. Henry Völzke: »Selbst ein moderater oder milder Jodmangel in der Schwangerschaft könnte neurokognitive Auswirkungen haben.« Foto: © JackF/stock.adobe.com
Der Greifswalder Experte Henry Völzke berichtet von wissenschaftlicher Forschungsarbeit und politischen Anstrengungen, um die Jodversorgung zu verbessern. Schwangere gehören zu den wichtigsten Risikogruppen.
Birgit Heimbach: Vor drei Jahren haben wir über den Jodmangel in Deutschland berichtet und dass Frauen auf einen ausreichend hohen Status achten müssen, wenn sie schwanger sind und stillen. Ansonsten bestehe die Gefahr, dass ihre Schilddrüsenfunktion beeinträchtigt wird, es zu einem reduzierten Stoffwechsel kommt und sich außerdem das Gehirn des Kindes nicht ausreichend ausbildet. Hat sich inzwischen etwas verbessert an der Situation?
Henry Völzke: Das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft ist seit Jahren sensibel für diese Thematik. Er hat vor zwei Jahren eine mit öffentlichen Geldern finanzierte Aufklärungskampagne durchführen lassen. Darin wurde aufgeklärt über den Jodmangel in der Schwangerschaft. Das Ministerium hat sich auch eingesetzt für eine erhöhte Beimischung von Jod im Speisesalz bis 30 ppm (30 µg Jod pro Gramm Salz). Letzteres konnte während der Legislatur der Ampel leider nicht umgesetzt werden. Die Aufklärungskampagne soll weitergehen. Ob eine erneute Gesetzesinitiative kommt, ist derzeit unklar.
Hat sich durch die Aufklärungskampagne bereits etwas an der Jodversorgung geändert?
Trotz dieser Bemühungen nimmt der Jodstatus weiter ab. Das hat zwei wesentliche Gründe: Ein Teil der Bevölkerung neigt dazu, sich mit Fertignahrung zu versorgen. Diese wird in der Regel ohne jodiertes Speisesalz hergestellt. Irreführend ist der oft auf den Packungen vermerkte Hinweis auf Meersalz, worin sich aber kein Jod befindet. Der zweite Grund ist der Trend zum Vegetarismus, der gerade bei jungen Frauen verbreitet ist. Tiere bekommen in der Regel jodiertes Futtermittel, was dann über Eier, Milch und Milchprodukte dem Endverbraucher Mensch zugutekommt. Da viele junge Menschen nun auch noch oft nichtjodierte Milchersatzprodukte zu sich nehmen, verstärkt sich der Jodmangel.
Ihre Daten beruhen unter anderem auf dem dreijährigen Forschungsprojekt EUthyroid, das Sie koordiniert haben. Es wurden epidemiologische Jod- und Schilddrüsenstudien sowie Registerdaten aus 27 europäischen Ländern ausgewertet, um den ersten europäischen, harmonisierten Datensatz zu generieren. Wie geht es weiter?
Seit zwei Jahren gibt es eine zweite EUthyroid-Studie. Um das Problembewusstsein zu fördern und Zugangswege zu testen, werden nun Interventionsstudien bei Jugendlichen und jungen Frauen vor einer Schwangerschaft durchgeführt. Neben europäischen Regionen sind auch Pakistan und Bangladesch beteiligt.
Es soll also möglichst global gedacht werden.
Ja, es geht unter anderem um eine verbesserte, harmonisierte paneuropäische Gesetzgebung. Immerhin kamen 27 Politiker:innen des neuen EU-Parlaments zu einem Treffen nach Brüssel, um mit verschiedenen Organisationen wie Iodine Global Network (IGN), EUthyroid oder der World Iodine Association über entsprechende Möglichkeiten nachzudenken.
Es gibt immer noch einen Jodmangel bei Schwangeren?
Ja, in Europa nimmt etwa die Hälfte aller Schwangeren zu wenig Jod auf.
Laut der Deutschen Gesellschaft für Ernährung gibt es schon zwischen Deutschland und der Schweiz unterschiedliche Empfehlungen (siehe Tabelle). Kann man das lösen?
Der wesentliche Unterschied zwischen der Schweiz und Deutschland ist der Umstand, dass das Problembewusstsein der Bevölkerung gegenüber den Folgen eines Jodmangels dort deutlich besser zu sein scheint als hier. Das liegt auch daran, dass die Schweiz als Alpenland ohne Prävention einen schweren Jodmangel aufweisen würde mit den entsprechenden Folgen. Historisch war der Kretinismus weit verbreitet, also das Vollbild eines unter Jodmangel heranwachsenden und damit geschädigten Kindes. Insofern verwundert es nicht, dass die Schweiz schon 1922 und damit als erstes Land dem Kochsalz Jod zugesetzt hat.
| Alter | Jod Deutschland, Österreich | Jod
WHO, Schweiz |
| µg/Tag | µg/Tag | |
| Säuglinge | ||
| 0 bis unter 4 Monate¹ | 40 | 50 |
| 4 bis unter 12 Monate | 80 | 50 |
| Kinder | ||
| 1 bis unter 4 Jahre | 100 | 90 |
| 4 bis unter 7 Jahre | 120 | 90 |
| 7 bis unter 10 Jahre | 140 | 120 |
| 10 bis unter 13 Jahre | 180 | 120 |
| 13 bis unter 15 Jahre | 200 | 150 |
| Jugendliche und Erwachsene | ||
| 15 bis unter 19 Jahre | 200 | 150 |
| 19 bis unter 25 Jahre | 200 | 150 |
| 25 bis unter 51 Jahre | 200 | 150 |
| 51 bis unter 65 Jahre | 180 | 150 |
| 65 Jahre oder älter | 180 | 150 |
| Schwangere | 230 | 200 |
| Stillende | 260 | 200 |
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¹Hierbei handelt es sich um einen Schätzwert. |
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Deutschland und Österreich empfehlen für die Jodzufuhr andere Werte als die Schweiz und die WHO.
Quelle: Deutsche Gesellschaft für Ernährung, 2000 (https://www.dge.de/wissenschaft/referenzwerte/jod/)
Und wie sieht es mit dem IQ der Kinder aus?
Selbst ein moderater oder milder Mangel in der Schwangerschaft könnte neurokognitive Auswirkungen haben. Der IQ der Kinder ist dann nicht so hoch, wie er sein könnte, und es gibt zum Beispiel ein erhöhtes Risiko für ADHS.
Viel Erfolg bei Ihren Bemühungen gegen Jodmangel in der Bevölkerung!
Vorgestellt
EUthyroid
Das Netzwerk EUthyroid war eine gesamteuropäische Initiative von 30 Partnern in 27 Ländern. Es hat die Jodversorgung der europäischen Bevölkerung erfasst und Maßnahmen entwickelt, um die Jodversorgung zu verbessern. Die Koordinierung des EU Horizon 2020 Forschungsprojektes mit einer Laufzeit von drei Jahren und einem Fördervolumen von drei Millionen Euro übernahm die Universitätsmedizin Greifswald unter der Leitung von Prof. Dr. med. Henry Völzke.
Obwohl eine ausreichende Jodversorgung durch Anreicherung von Salz gewährleistet werden kann, verwenden nur 27 % der europäischen Haushalte jodiertes Salz. In vielen Ländern herrscht daher ein milder bis mittelschwerer Jodmangel, von dem 350 Millionen Bürger:innen betroffen sind. Jodmangel verursacht Krankheiten und enorme, vermeidbare Kosten in Gesundheitssystemen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) ruft daher seit Jahren zu besserer Prävention auf.
Mit dem aktuellen EUthyroid2-Projekt werden Zugangswege zu jungen Menschen erforscht, um ihr Problembewusstsein für Jodmangel zu verbessern und die Prävention zu optimieren.
> https://www.medizin.uni-greifswald.de/de/forschungalt/ forschungsprofil/eu-euthyroid/
