Hebammen müssen nicht lernen, wie Mediziner:innen zu denken, um sich zu legitimieren.
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Sich mit dem hebammenspezifischen Denkstil zu befassen, ist vor dem Hintergrund der Akademisierung von zentraler Bedeutung. Eine Beschäftigung mit dem eigenen Wissenschaftssystem ist daher zwingend notwendig.
Im Folgenden geht es um die Auseinandersetzung damit, »wie« Hebammen eigentlich wissen. Es geht um die Beschreibung der Grundlage, auf der Hebammen auf die Phänomene rund um Geburt und Elternwerdung blicken, sich diese erklären und neues Wissen generieren. Die Auseinandersetzung mit dem hebammenspezifischen Denkstil ist vor dem Hintergrund des Wechsels der grundständigen Ausbildung hin zur Akademisierung von zentraler Bedeutung für das Hebammenwesen. Gilt es doch, das Originäre zu bewahren und in Wissenschaftlichkeit zu überführen. Mit der Akademisierung ist der gesellschaftliche Auftrag verbunden, die theoretische Grundlegung des eigenen Wissenschaftssystems zu beschreiben.
Zukünftige Hebammen werden mit dem Studium sozialisiert. Bildlich gesprochen übernehmen sie mit der Muttermilch die Denk- und Verstehensweisen der sie ausbildenden Disziplin. Dies wirkt nicht nur auf das berufliche Selbstverständnis zukünftiger Hebammen, sondern beeinflusst das Hebammenwesen als solches. Die zu beobachtende Subsumierung von Hebammenstudiengängen unter die Fakultäten der Medizin wird somit Einfluss darauf nehmen, wie Hebammen zukünftig denken und handeln. Soll das Originäre des Hebammenwesens erhalten bleiben, bedeutet dies also, aufmerksam zu sein. Vor dem Hintergrund meiner Sozialisation als Hebamme gehe ich davon aus, dass Hebammen (noch) anders denken als Mediziner:innen. Dieses »anders« gilt es zu beschreiben und so als das Genuine der Berufsgruppe zu erhalten.
Ziel des Artikels ist es nicht, eine abschließende Beschreibung von hebammenspezifischem Denkstil und dem Wissenschaftssystem der Hebammenwissenschaft bereitzuhalten. Vielmehr möchte ich den Diskurs weiterführen über die Grundlagen des Denkens von Hebammen und damit auch der Hebammenwissenschaft als eigenständige Disziplin (Kahl, 2013).
An der Katholischen Hochschule (katho) Köln werden die Studierenden zu Beginn des sekundärqualifizierenden Studienganges Hebammenkunde zur Studienmotivation befragt. Dabei kommen zunehmend Antworten zutage, die sich sinngemäß mit der Notwendigkeit des Studiums für Hebammen auseinandersetzen, um »zukünftig mit Ärzt:innen auf Augenhöhe kommunizieren zu können«. In dem anschließenden Austausch bildet sich eine Kernbotschaft heraus, die da heißt: »Wir Hebammen müssen denken und argumentieren wie Mediziner:innen, um von Ärzt:innen und der Gesellschaft ernst genommen zu werden.«
Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage nach der Passung (Glasersfeld, 1987). Blicken Hebammen tatsächlich aus der Brille des aus der Medizin stammenden Begriffspaares von Physiologie und Pathologie unter Einbindung des Risikobegriffs auf Geburt und die dazugehörigen Prozesse? Oder greifen Hebammen auf ein anderes Verständnis zurück? Ein Verständnis, das das professionelle Handeln der Praktikerin bisher geleitet hat, aber im Vorsprachlichen verharrend an Wertigkeit in der eigenen Disziplin zu verlieren droht, da sich mit dem zunehmenden Aneignen des Denkens der Medizin ein ausformuliertes Denkgebäude anbietet? Oder kurz gesagt: Passt das klassisch naturwissenschaftliche Paradigma der Medizin, um das Denken und Verstehen von Hebammen vollständig abzubilden?
Eine Gegenüberstellung
Um dem Denken von Hebammen auf die Spur zu kommen, stelle ich Medizin und Hebammenwesen einander gegenüber. Ausgangspunkt ist der Begriff des Hebammenwesens. Im aristotelischen Verständnis verweist der Begriff des »Wesens« auf ein »Selbststandbesitzendes Individuum« (vgl. Rapp, 2018, 175). Die Frage nach dem, was wesentlich für das Individuum ist, gibt Antwort auf den Selbststand, wie Aristoteles es nennt. Selbststand im aristotelischen Sinne steht für das Wesentliche, die Essenz, das Grundlegende einer Einheit oder eines Individuums.
Für das Hebammenwesen, das zwar kein Individuum ist, aber wie die Medizin sprachlich eine Einheit darstellt, stellt sich damit die Frage nach dem Wesentlichen. Also die Frage nach dem Grundlegenden oder der Essenz des Hebammenwesens, das beschreibt, was es ausmacht, von anderen unterscheidet – und damit gleichzeitig abgrenzt. Ich gehe davon aus, dass diese »Essenz« wesentlich auch für das Denken der Hebammenwissenschaft ist, da Hebammenwissenschaftlerinnen als Hebammen sozialisiert sind.
Vorgestellt
Ludwik Fleck (geboren 1896 in Lwiw, gestorben 1961 in Israel) war Wissenschaftstheoretiker und Mediziner. Seine Arbeiten haben entscheidend zur Entwicklung der Wissenschaftssoziologie beigetragen. Seine Ideen beeinflussten spätere Denker wie Thomas Kuhn und leisteten einen wesentlichen Beitrag zum Verständnis der Dynamik wissenschaftlicher Paradigmen und dem kollektiven Charakter der Erkenntnis. Trotz begrenzter Anerkennung zu Lebzeiten, wird er heute als der Pionier einer soziologisch informierten Wissenschaftstheorie angesehen.
Theoretischer Hintergrund
Um Medizin und Hebammenwesen mit ihren Denkgebäuden vergleichend gegenüberzustellen, greife ich auf die Betrachtungen Ludwik Flecks zur Medizin zurück (siehe Kasten). Mit seinen Überlegungen zur Entstehung einer wissenschaftlichen Tatsache liegt ein Werk vor, dass in der Betrachtung von Wissenschaften beziehungsweise Wissenschaftssystemen für den Theoretiker grundlegend ist (Kuhn 1967; Kahl 2013). Ausgehend von der Frage wie Krankheit zu einer wissenschaftlichen Tatsache in der Medizin wird, analysiert Fleck, selbst Mediziner, die innere Struktur dieser wissenschaftlichen Disziplin (Fleck et al. 1935).
Für Fleck ist die Entwicklung des Weges, wie eine Gemeinschaft denkt und worüber sie denkt, aus historischer Perspektive zu betrachten. Wie Medizin über Krankheit nachdenkt, ist für ihn ein über Epochen hinweg angelegter Denkweg, der durch die soziale Interaktion einer Denkgemeinschaft entsteht (vgl. Fleck et al., 1935, 135). Ein Denkweg also, der von einer sogenannten Präidee ausgeht, sich im Denkkollektiv der Disziplinangehörigen einer Wissenschaft niederschlägt und zu »neuzeitlichen wissenschaftlichen Auffassungen führ[t]« (Fleck et al., 1935, 131). Tradition, Erziehung sowie Herangehensweisen des Erkennens sind Faktoren, die laut Fleck beeinflussen, wie ein Denkkollektiv über einen Gegenstand oder ein Phänomen nachdenkt – am Beispiel der Medizin über Krankheit.
Thomas Kuhn nimmt Flecks Gedanken auf und betrachtet die Struktur einer solcherart einmal verhandelten und von den Disziplinangehörigen grundsätzlich nicht mehr in Frage gestellten »Blaupause« für die einzelnen Wissenschaftssysteme (Kuhn, 1967). Sie lässt sich abbilden über Erkenntnis- und, Wissenschaftstheorie sowie Paradigma und Denkstil und zeigt sich in den generierten Theorien sowie in der Praxis der Wissenschaft (Böhm, 1995; Siebolds & Risse, 2002).
Auf diesem grundlegenden theoretischen Fundament bedarf es keiner Erklärungen mehr, warum und wie Forschungsvorhaben angelegt und diskutiert werden. Der Austausch innerhalb des von Fleck als esoterischer Kreis bezeichneten Wissenschaft sowie mit der Gesellschaft, die den exoterischen Kreis abbildet, kann sich somit hauptsächlich auf das Erforschte und zu Erforschende konzentrieren (vgl. Fleck et al., 1935, 150).
Ein (verkürzter) Blick auf die Medizin
Wie Medizin über die Präidee Krankheit nachdenkt und daraus resultierend über Krankheiten forscht, ist also ein über Epochen hinweg angelegter Denkstil, der mittels Sozialisation an zukünftige Disziplinangehörige weitergegeben wird. Mit Aristoteles und seinen philosophischen Betrachtungen zu dem, was Menschen als real erkennen können, übernimmt die Medizin den naturwissenschaftlich ausgerichteten Blick auf den Körper des Menschen. Um einen realen Blick auf die Wirklichkeit zu ermöglichen, unternimmt Aristoteles die »Aufteilung« des Menschen in einen privaten, nicht definitiv wissenschaftlich verstehbaren Seelenanteil und in eine stoffnahe Körpermaschine, die Ursachen-Wirkzusammenhänge aufweist.
Aufgrund dieses Kunstgriffs der Körper-Seele Trennung kann der Mensch also ganz Vernunft-gesteuert, auf das Stoffliche, das Körpernahe reduziert betrachtet werden. Transzendente Phänomene wie beispielsweise die Seele nehmen in einem solchen Verständnis keinen Einfluss auf die real zu erkennende Körpermaschine. Vielmehr ist es nun möglich, die Körpermaschine auf ihre Funktionsweisen hin reduziert zu betrachten (Sensualistische Reduktion) (Siebolds & Risse, 2002).
Neurologisch-operativen oder auch kardiologischen Eingriffen steht somit beispielsweise nichts entgegen, da die transzendenten Phänomene wie Seele oder Liebe philosophisch abgespalten werden. Ihnen wird keine reale Bedeutung für das Funktionieren der Körpermaschine beigemessen.
Das aristotelische Verständnis vom klugen Handeln der Medizin zeigt sich in der Wiederherstellung von Körperfunktionen, falls der Körper Störungen zeigt. Krankheit wird dabei grundsätzlich verstanden als etwas von der Norm Abweichendes (vgl. Fleck et al., 1935). Während die Norm sich im Begriff der Physiologie zeigt, verweist der Begriff Pathologie auf das von der Norm Abweichende.
In aller Kürze zusammengefasst bedeutet das für den Denkstil der klassischen Medizin, dass das Denken und Handeln von Mediziner:innen bestimmt ist durch das Stoffliche, also die körpernahe Welt. Das Erkennen dieses Stofflichen ist für die Disziplin vor dem Hintergrund des naturwissenschaftlichen Paradigmas das höchstmöglich real Erkennbare. Das von der Norm Abweichende zu heilen, entspricht vor dem Hintergrund dieses Denkstils klugen ärztlichen Handelns (Siebolds, 2002).
» Passt das klassisch naturwissenschaftliche Paradigma der Medizin, um das Denken und Verstehen von Hebammen vollständig abzubilden? «
Ein Blick auf das Hebammenwesen
Das Kerndokument zur Philosophie der Hebamme der International Confederation of Midwifes (ICM, 2025) vermittelt, dass Hebammen weltweit ein grundlegendes Verständnis zu den Prozessen rund um Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett teilen. Verfolgt man den hebammengeführten Diskurs, wird die Geburt länderübergreifend als das zentrale Moment des Hebammenwesens verstanden. Dass das Handeln von Hebammen dabei auf Basis von Ur-Wissen und Philosophien basiert, konnte man den ICM-Dokumenten zumindest bis 2013 entnehmen (vgl. Kahl, 2013, 19). Warum dieser nicht weiter vertiefte Hinweis heute in den Dokumenten nicht mehr zu finden ist, ist nicht nachzuvollziehen. Stattdessen finden wir in den Kerndokumenten Verweise auf ein Verständnis, das die Prozesse rund um Geburt in Zusammenhang mit dem Natürlichen, dem Normalen sowie der Physiologie stellt.
Gehen wir im Sinne Flecks von einer Präidee aus, die historisch angelegt noch unscharf gedacht das Denken von Hebammen auf die Prozesse rund um Geburt lenkt. Das ist aus heutiger Sicht sicherlich nichts Bahnbrechendes. Sie hat sich im Denken von Hebammen verfestigt und steht für die originäre Legitimation ihres Handelns. Ausgehend von dieser ganz zu Anfang stehenden Präidee oder auch dem »Ur-Wissen« gilt es nun, dem hebammenspezifischen Denkstil weiter auf die Spur zu kommen.
Ich stelle in Frage, ob das von der Medizin geprägte Begriffspaar Physiologie – Pathologie tatsächlich den Denkrahmen bietet, unter dem Hebammen auf die Prozesse rund um Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett geschaut haben und noch heute schauen. Also: Ist der grundlegende Denkstil von Hebammen bei der Betreuung von Frauen und ihren Familien tatsächlich gerichtet auf die Norm, in Beziehung gesetzt zu dem von der Norm Abweichenden?
Greifen wir den hebammengeführten Diskurs auf, scheinen Geburt und ihre angrenzenden Phänomene bei Hebammen bis heute vielmehr für etwas zu stehen, das zum Leben dazugehört und mit ihm unweigerlich verbunden ist. Des Weiteren scheint es ein gemeinsam geteiltes Verständnis im Hebammenwesen zu geben, dass diese Phänomene in ihrer Normalität jedoch als so besonders zu betrachten sind, dass sie der Begleitung bedürfen. Die Betonung des Besonderen in der Normalität ist dabei nicht gleichzusetzen mit dem »von der Norm Abweichenden« oder dem Risiko.
»Hebammen sind sich dabei der Brüchigkeit des Lebens bewusst«, wie eine Absolventin der katho Köln es in einem Seminar beschrieb. Das mag auf den ersten Blick verklärt klingen. Der Satz, spontan ins Unreine gesprochen, bringt jedoch gut das Ringen um die unterschiedlichen Facetten des Besonderen aus Hebammensicht zum Ausdruck. Er steht beispielhaft für den Versuch, aus dem Vorsprachlichen herauszutreten und das bisher nicht näher Benannte zu benennen.
Gehen wir einen Schritt weiter in der Betrachtung, so werden die Normalität der Phänomene rund um Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett unter Einbindung des Besonderen von Hebammen in den Zusammenhang mit einem ganzheitlichen Verständnis vom Menschen gesetzt (ICM, 2025). So blicken Hebammen beispielsweise über die reine »Geburtsmechanik« hinaus multiperspektivisch auf das Phänomen Geburt. Dies zeigt sich unter anderem in der Betrachtung der Geburt unter Einbeziehung von Prozessen wie Mutterwerdung oder Elternwerdung. Die zu erkennende Wirklichkeit des Denkkollektivs der Hebammen ist damit keine rein auf die körperlich-stofflichen Prozesse reduzierte Wirklichkeit, sondern eine Wirklichkeit, die es unter gleichzeitiger Einbindung der körperlichen, seelischen, sozialen und integrativen Anteile des Menschen zu erkennen und zu denken gilt (vgl. Leutz, 2013). In Abgrenzung zu Physiologie und Pathologie und dem damit verbundenen problemlösenden Blick auf Phänomene (Fahy, 1998) ist der Blick der Hebamme vielmehr darauf gerichtet, die individuellen Prozesse zu verstehen und die Begleitung situativ dem individuellen Geschehen entsprechend auszurichten. Im Gegensatz zum sensualistisch-reduktiven Blick der Medizin, der die Körpermaschine fokussiert, richtet sich der Blick der Hebamme hermeneutisch auf das Fallgeschehen der einzelnen Frau aus. Dies bedeutet, dass im Prozess der Begleitung, wie zum Beispiel unter der Geburt, die Hebamme sich auf das Deuten und Verstehen der vollen Fallwirklichkeit konzentriert. Und ja, dies schließt auch körperliche Prozesse mit ein.
In Abgrenzung zum medizinischen Blick auf Physiologie und Pathologie ist jedoch der Blick der Hebamme dabei auf die Ressourcen gerichtet, die Mutter und Kind mitbringen und die im Verlauf des Begleitungsprozesses Veränderungen unterliegen. Die systematische Prüfung der körperlichen, seelischen, sozialen und integrativen Anteile des Menschen im individuellen Begleitungsprozess dient dabei der Ressourceneinschätzung und leitet situativ den professionellen Begleitungsprozess der Hebamme.
Medizin versus Hebammenwissenschaft
Ausgehend von der Annahme, dass Hebammenwissenschaftlerinnen als Hebammen sozialisiert sind und deren Denkstil in die Wissenschaft überführen, ist dieser der Ausgang allen hebammenwissenschaftlichen Arbeitens.
Übernehmen wir Flecks Verständnis einer Wissenschaft als ein soziales System und ergänzen es um Kuhns Ausführungen zum Wesen von Wissenschaft (Kuhn, 1967), so entsteht ein von den Disziplinangehörigen ausgehandeltes Theoriegebäude der jeweiligen Wissenschaft. Dieses gibt Einblick, wie in der Wissenschaft Wirklichkeit erkannt, Theorien formuliert, Phänomene erforscht und wie diese interpretiert werden. So generieren Disziplinangehörige mittels Forschung neue Erkenntnisse, die als Tatsachen in der Regel von der Disziplin angenommen werden (vgl. Kuhn, 1967). Im folgenden Vergleich ist es daher elementar zu verstehen, dass es nicht die Wissenschaft gibt, sondern Wissenschaften. Diese unterscheiden sich in der Art und Weise, wie sich die Disziplinangehörigen die Wirklichkeit erschließen.
Die Tabelle skizziert das Wissenschaftssystem der Medizin und stellt ihm ein mögliches Wissenschaftssystem der Hebammenwissenschaft gegenüber. Dies geschieht ohne Anspruch auf Vollständigkeit oder abschließende Gültigkeit.
| Wissenschaftssystem | Medizin | Hebammenwissenschaft | |
| Erkenntnistheorie | Beschreibt und legt fest, wie Erkenntnis entsteht | Das real Erkennbare, weil messbare, ist die stoffliche, die körpernahe Welt.
Wissen über Wirklichkeit ist objektiv gegeben und damit real.
Naturwissenschaft |
Erkennen geht über das Erfassen des Messbaren, des Stoffnahen hinaus.
Wissen über Wirklichkeit ist vom Menschen aktiv konstruiert
Konstruktivismus |
| Wissenschaftstheorie | Setzt sich mit den Voraussetzungen und der Form der Erkenntnisgewinnung auseinander | Kritischer Rationalismus | Theoriepluralität
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| Paradigma | Beschreibt den Blick auf Welt | Quantitativ
|
Multiperspektivisch und mehrdimensional (Integration quantitativer sowie qualitativer Paradigmen) |
| Denkstil | Art und Weise, wie ein Denkkollektiv Phänomene betrachtet und daraus resultierend Probleme angeht und löst | Physiologie – Pathologie
Methode: Sensualistische Reduktion |
Ressourcenorientiert
Methode: Hermeneutische Fallarbeit |
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Tabelle: Gegenüberstellung von Medizin und Hebammenwissenschaft in der Struktur der Wissenschaftssysteme |
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Quelle: Cornelia Kahl, adaptiert nach Siebolds & Risse, 2002 |
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Auftrag an die Hebammenwissenschaft
Müssen Hebammen denken und argumentieren wie Mediziner:innen, um von Ärzt:innen und der Gesellschaft ernst genommen zu werden, wie die Studierenden es formulierten? In meinem Verständnis liegt die Betonung auf etwas anderem: Hebammenwesen und damit auch die Hebammenwissenschaft müssen sich ihres genuinen Denkgebäudes (wieder) bewusst werden. Dessen Wertigkeit gilt es zu erkennen und zu erhalten. Dieses Denkgebäude steht im aristotelischen Verständnis für den Selbststand beziehungsweise das Wesentliche der Berufsgruppe sowie der Hebammenwissenschaft und unterscheidet es von anderen.
Hebammen müssen nicht lernen, wie Mediziner:innen zu denken, um sich vor der Gesellschaft oder angrenzenden Berufsgruppen oder wissenschaftlichen Disziplinen zu legitimieren. Vielmehr gilt es, das mit dem eigenen Denkstil verbundenen Theoriegebäude transparent zu machen. Dazu bedarf es, aus dem Vorsprachlichen herauszutreten. Mit dem Auftrag zur Bildung einer wissenschaftlichen Disziplin hat das Hebammenwesen mit der Akademisierung genau diese Aufgabe zugesprochen bekommen (vgl. Fischer et al., 1993, 29). Die Theoriepluralität gilt es dabei als ein wesentliches Merkmal der eigenen Disziplin zu begreifen (Fischer et al., 1993).
Innerhalb des Konstituierungsprozesses der Hebammenwissenschaft ist die Bereitstellung dieses Wissenschaftssystems wesentlich. Neben der Stärkung des beruflichen Selbstverständnisses der Praktikerin hat es zudem Bedeutung für die disziplinübergreifende Kommunikation. Das Wissen, wie die eigene Disziplin sowie angrenzende Disziplinen denken und wie sie auf die Phänomene von Geburt und Familiarität blicken, dient dem gegenseitigen Verstehen. Dies kann Kommunikation noch besser gelingen lassen, nicht nur im Handlungsalltag der Praktikerin.
Trotz der international weit fortgeschrittenen Akademisierung von Hebammen fehlt bis heute eine umfassende Auseinandersetzung mit dem eigenen Wissenschaftssystem (Kahl, unveröffentlicht). Dies mag den international variierenden Ausbildungsmodellen geschuldet sein, die zumeist eng an Pflegewissenschaft und Medizin gebunden sind und Studierende entsprechend der Denkstile Pflege und Medizin sozialisieren.
» Hebammenwesen und -wissenschaft müssen sich ihres genuinen Denkgebäudes (wieder) bewusst werden. «
Mit der Akademisierung der Hebammenausbildung im deutschsprachigen Raum gilt es nun, den Auftrag der Gesellschaft als Chance zu begreifen. Als Chance, das Wissen, wie Hebammen originär die Phänomene rund um den Eintritt in Familiarität erkennen, verstehen und interpretieren, als das Wesentliche zu erhalten und als konstitutives Element des Wissenschaftssystems in die wissenschaftliche Disziplin zu überführen. Sollten wir diese Chance verpassen, droht nicht nur der Verlust dieses spezifischen Wissens, sondern es besteht vielmehr die Sorge, dass Hebammen zukünftig die Denkstile der sie sozialisierenden Disziplinen übernehmen, wie international zu beobachten ist. Welche Auswirkung das auf das Hebammenwesen hat, dessen sollten wir uns bewusst sein.
Fahy, K. (1998). Being a midwife or doing midwifery? In: Australian College of Midwives Incorporated Journal 11 (2), S. 11–16. https://doi.org/10.1016/S1031- 170X(98)80028-7
Fischer, R., Costazza, M., Pellert, A. (1993). Argumentation und Entscheidung. Zur Idee und Organisation von Wissenschaft. Wien, München.
Fleck, L., Schäfer, L., Schnelle, Th. (1935). Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache: Schwabe, Basel.
Glasersfeld, E. von (1987). Einführung in den radikalen Konstruktivismus. In: Ernst Glasersfeld (Hrsg.): Wissen, Sprache und Wirklichkeit. Arbeiten zum radikalen Konstruktivismus. Wiesbaden: Vieweg+Teubner Verlag. https://link.springer.com/chapter/10.1007/ 978-3-322-91089-9_17
ICM: Core Document Philosophy and Model of Midwifery Care. https://internationalmidwives.org/resources/philosophy-and-model-of-midwifery-care
Kahl, C.M. (2013). Stand der Entwicklung der Hebammenwissenschaft – Beschreibung der Ist-Situation anhand der Diskursuntersuchung der Forschungslage. Vallendar. Philosophisch-Theologische Hochschule Vallendar, Hochschulbibliothek.
Kuhn, Th. S. (1967). Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen. Suhrkamp Frankfurt a. M.
Leutz, G. A. (2013). Psychodrama: Theorie und Praxis. Springer-Verlag.
Rapp, Ch. (2018). Aristoteles zur Einführung: Junius Verlag.
Siebolds, M. (2002). Zur Entstehung therapeutischer Wirklichkeiten. Erkenntnistheoretische und systemische Aspekte in der modernen Diabetologie. Walter de Gruyter.
Siebolds, M., Risse, A. (2002). Erkenntnistheoretische und systemische Aspekte in der modernen Diabetologie: Walter de Gruyter.

