Infertilität betrifft nach WHO-Schätzungen rund jede sechste Person im reproduktiven Alter und führt vielerorts zu erheblichen finanziellen Hürden und ungleichen Behandlungschancen. Foto: © motortion/stock.adobe.com
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) legt erstmals eine globale Leitlinie zur Unfruchtbarkeit vor, um den Zugang zur Fertilitätsmedizin deutlich zu verbessern. Rund jede sechste Person im reproduktiven Alter ist betroffen, häufig verbunden mit hohen Kosten und ungleichen Behandlungschancen.
»Unfruchtbarkeit ist eines der am meisten übersehenen Probleme der öffentlichen Gesundheit unserer Zeit und weltweit ein großes Gerechtigkeitsproblem«, sagte WHO-Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus. »Millionen Menschen müssen diesen Weg allein gehen.«
Infertilität, definiert als das Ausbleiben einer Schwangerschaft nach mindestens 12 Monaten regelmäßigem ungeschütztem Geschlechtsverkehr, könne erhebliche psychosoziale, finanzielle und gesundheitliche Belastungen verursachen.
Frauen besonders stigmatisiert
Obwohl beide Geschlechter betroffen seien, verhinderten gesellschaftliche Vorstellungen von Männlichkeit häufig die Behandlung männlicher Infertilität, betonte Hauptautor Gitau Mburu (HRP). Frauen würden hingegen deutlich häufiger verantwortlich gemacht. Dies könne Schuldgefühle, Angst und Depressionen verstärken. Zudem seien »jährlich … 36 % der infertilen Frauen Gewalt durch Intimpartner ausgesetzt«.
Empfehlungen von Prävention bis Therapie
Die neu erarbeitete Leitlinie der WHO enthält 40 Empfehlungen, basierend auf der »besten verfügbaren wissenschaftlichen Erkenntnis«. Sie decken Maßnahmen zur Prävention (etwa Informationen zu fertilitätsrelevanten Lebensstilfaktoren wie Tabakkonsum, zur Bedeutung des Alters und zur Vermeidung unbehandelter sexuell übertragbarer Infektionen, die sich ebenfalls auf die Fruchtbarkeit auswirken) ebenso ab wie klinische Vorgehensweisen bei der Diagnose weiblicher, männlicher sowie ungeklärter Ursachen.
Dazu bietet die Leitlinie eine Orientierungshilfe in Form von Flussdiagrammen dafür, wie Behandlungsoptionen schrittweise von einfacheren Strategien – bei denen Ärztinnen und Ärzte zunächst ohne aktive Behandlung Hinweise zu fruchtbaren Zeiten und zur Förderung der Fruchtbarkeit geben – zu komplexeren Behandlungsverfahren wie intrauteriner Insemination oder In-vitro-Fertilisation (IVF) weiterentwickelt werden können.
Bei der Behandlung empfiehlt die WHO unter anderem kosteneffektive Stufenkonzepte und den Vorrang einfacher Maßnahmen, bevor Techniken wie die IVF zum Einsatz kommen. Für viele häufige Ursachen, etwa das Polyzystische Ovarialsyndrom (PCOS), tubare Faktoren oder Varikozele, enthält das Dokument konkrete Therapiepfade. Länder sollen die Empfehlungen an lokale Versorgungsstrukturen anpassen und Fertilitätsmedizin stärker in nationale Strategien integrieren.
Prävention solle in Schulen, der Primärversorgung und Einrichtungen der reproduktiven Gesundheit gestärkt werden. Psychosoziale Hilfe sei über den gesamten Behandlungsverlauf notwendig.
Erfolgreiche Umsetzung erfordert Kooperation
Entscheidend sei die Zusammenarbeit zwischen Gesundheitsbehörden, Fachverbänden, Zivilgesellschaft und Betroffenen. »Die Prävention und Behandlung von Unfruchtbarkeit müssen auf der Gleichstellung der Geschlechter und reproduktiven Rechten basieren«, so Pascale Allotey (WHO). Fertilitätsmedizin solle Teil der Grundversorgung werden. Ein begleitendes Monitoring-Konzept soll Fortschritte erfassen.
Quelle: Deutsches Ärzteblatt, 28.11.2025 ∙ DHZ
