Neeltje Schubert stellt den Einsatz der Moderationsmethode Lego Serious Play vor.

Foto: © Dr. Angelica Ensel

Nach dem erfolgreichen Auftakt in Berlin im vergangenen Jahr fand die Tagung »HEBA-PÄD« zur pädagogischen Arbeit im Hebammenstudium nun am 4. Mai 2025 zum zweiten Mal statt – direkt vor dem DHV-Kongress in der Medizinischen Fakultät der Universität Münster.

Acht Vorträge, zehn Workshops, ein Seminar und 21 Poster präsentierten eine Vielfalt von Themen und Methoden auf der Kooperationsveranstaltung der Deutschen Gesellschaft für Hebammenwissenschaft (DGHWi) und des Deutschen Hebammenverbands (DHV) am 4. Mai. Die Beiträge, ausgewählt durch ein Peer-Review, zeigten ein hohes fachliches Niveau und boten vielfältige Inspirationen für Lehre, Praxisanleitung und Prüfungsgestaltung.

Nach der Begrüßung von Prof. Dr. Rainhild Schäfers, Leiterin des Studiengangs Hebammenwissenschaft der gastgebenden Universität, und Studiendekan Prof. Dr. Bernhard Marschall eröffnete die Präsidentin der DGHWi Prof. Dr. Nicola Bauer den Kongress mit der beeindruckenden Nachricht, dass es mittlerweile 47 Studiengänge auf Bachelor- und Masterebene in der akademischen Hebammenausbildung in Deutschland gibt. Mit 300 Teilnehmenden war die Tagung vollständig ausgebucht. Ein deutliches Zeichen für ihre Relevanz, wie Prof. Dr. Lea Beckmann, Beirätin für den Bildungsbereich im DHV, betonte. Das bewährte Format soll künftig jährlich fortgeführt werden.

Lea Beckmann, Beirätin für den Bildungs­bereich im DHV (links), und Nicola Bauer, Präsidentin der DGHWi

Foto: © Meike Schwinger, Institut für Hebammenwissenschaft, Münster

Persönlichkeitsentwicklung und Problemlösekompetenz

Hebamme zu werden bedeutet weit mehr als Wissenserwerb. Das Erlernen der professionellen Rolle ist ein intensiver Prozess der Persönlichkeitsentwicklung mit einer Reihe von Herausforderungen, insbesondere wenn die Studierenden mit psychisch belastenden, ethisch komplexen Situationen konfrontiert sind. Gleichzeitig nehmen psychische Belastungen unter Studierenden zu, was das Fördern von Problemlösekompetenz umso wichtiger macht.

Die Begleitung solcher herausfordernder Lernprozesse war Thema des Vortrags »Praxisbegleitung in der Hebammenwissenschaft – Wege zur professionellen Rolle« von Neeltje Schubert, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Hebammenstudiengang am Universitätsklinikum Tübingen. Unter dem Motto »Man kann einen Menschen nichts lehren, man kann ihm nur helfen, es in sich selbst zu entdecken« von Galileo Galilei präsentierte sie eine innovative Methode der Praxisbegleitung zum Erlernen von Problemlösekompetenz: Sechs Lerneinheiten, deren Inhalte ein Spektrum von Herausforderungen umfassen – von »Schwierige Gespräche führen« bis zu »In ethische und moralische Konflikte und Dilemmata geraten«.

Im Mittelpunkt der Methode steht der Einsatz von »Lego Serious Play«, einer von der Lego-Gruppe entwickelte Moderationsmethode zur Förderung von kreativem Denken und Kommunikation. Mit Hilfe der Lego-Elemente stellen die Studierenden beobachtete Praxissituationen dar. Durch diese Aufstellung kann die Komplexität einer Problematik sinnlich erfasst und Konstellationen können verändert werden, beispielsweise durch Variationen der Aufstellung – eine Methode, die an psychodramatische Arbeit erinnert.

Der sinnlich-analytische Zugang ermöglicht ein multidimensionales Verstehen. So erlaubt die Methode eine spielerische Annäherung an hochkomplexe, ethisch herausfordernde Situationen, die psychisch belastend und mit Hilflosigkeit verbunden sein können. Im kreativen Zusammenspiel von Herz, Hand und Hirn werden Gedanken sortiert und strukturiert. Es entstehen Bilder von Lösungen, die im Modell dargestellt werden. Im gemeinsamen Prozess werden Problemlösekompetenz und Resilienz entwickelt.

Fallstudien als Lehr- und Prüfungsmethode

Angela Rocholl, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Hebammenstudiengang an der Universität zu Köln, stellte mit der »Case Study Methode« ein weiteres praxisnahes Lehrkonzept zur Förderung komplexen Fallverstehens und der Entwicklung von Handlungskompetenzen vor. Im Modul »Hebammenkunde in besonderen Situationen« werden die Studierenden auf die Begleitung von Familien in belastenden oder komplexen Lebenslagen vorbereitet – zum Beispiel bei einer Schwangerschaft mit HIV, der Situation nach einer Frühgeburt oder der Geburt eines Kindes mit einer Behinderung.

Das intersektorale Modul verbindet Theorie, Praxiseinsätze und Reflexionsseminare. So werden die Studierenden beispielsweise in den Frühen Hilfen, einer Mutter-Kind-Einrichtung oder in der psychosozialen Elternberatung eingesetzt. Die Prüfungsleistung besteht aus Fallbeschreibung, Analyse der Problematik, der Entwicklung von Lösungsmöglichkeiten und einer abschließenden kritischen Reflexion.

Künstliche Intelligenz im Hebammenstudium

Die Veröffentlichung von ChatGPT 2022 markiere einen Wendepunkt für Wissenschaft und Hochschulbildung, so Prof. Dr. Susanne Simon von der Evangelischen Hochschule Berlin (EHB). Die Frage, welches Wissen zukünftig erworben werden soll, erfordere Veränderungen von Lehr- und Lernmethoden sowie Prüfungsformaten. Gleichzeitig sei die Entwicklung von KI-gestützten Prüfungsformaten und Selbstlern-Toolboxen aufwendig. ChatCPT zu integrieren, sei daher Chance und Herausforderung zugleich.

In ihrem Vortrag präsentierte Simon die Entwicklung eines KI-gestützten Prüfungsformats und einer KI-Richtlinie für den Studiengang an der Evangelischen Hochschule Berlin, gefördert durch ein Drittmittelprojekt. Ergänzend dazu entstand eine Selbstlern-Toolbox als freiwillige Schulung für Lehrende und Studierende. Darin werden die Grundlagen, Potenziale und Herausforderungen von KI vermittelt. In einer KI-gestützten Hausarbeit sollten die Studierenden zehn Kernaussagen zu einem Thema mittels KI ermitteln, diese mit wissenschaftlicher Literatur prüfen und kritisch bewerten.

Die Auswertung zeigte: Unsicherheiten im Umgang mit KI sind deutlich erkennbar. Gleichzeitig erkennen die Studierenden die Begrenztheit von KI. Studierende und Lehrende bewerteten das Projekt positiv. Simon empfiehlt, KI zuerst in den Lehr-Lernprozess einzuführen, bevor sie in Prüfungsleistungen integriert wird. Wichtig seien dabei insbesondere auch praxisnahe Szenarien. An der EHB solle KI langfristig im gesamten Studiengang verankert werden, begleitet durch kontinuierliche Schulungen für Lehrende. Wichtig sei außerdem eine hochschulinterne KI-Richtlinie für den Einsatz in Lehr-, Lern- und Prüfungskonzepten sowie die Sicherstellung eines datenschutzkonformen Zugangs über die Hochschule.

Interkulturelle Kompetenzen im virtuellen Raum entwickeln

Wenn Auslandseinsätze nicht Teil des Studiums sind, werden Erasmus-Austauschprogramme nur von einem kleinen Teil der Studierenden wahrgenommen. Gleichzeitig sind die Ressourcen limitiert und der Zugang ist ungleich. Doch gerade solche Programme fördern die persönliche und berufliche Entwicklung nachhaltig. Um interkulturelles Lernen auch ohne physischen Austausch zu ermöglichen, entwickelten Prof. Dr. Michaela Michel-Schuldt (Hochschule für Wirtschaft und Gesellschaft, Ludwigshafen) und Silvia Ammann-Fiechter (ZAHW, Winterthur) gemeinsam mit internationalen Partnerhochschulen das International Students Midwives Network (ISMN), ein Konzept des selbstgesteuerten Erlernens interkultureller Kompetenzen im virtuellen Raum, das das gleichzeitig ein Kooperationsprojekt von Hebammenwissenschaft und Pflege ist.

In monatlichen Online-Lerngruppen tauschen sich jeweils acht bis zehn Studierende selbstorganisiert über Gemeinsamkeiten und Unterschiede ihrer Profession und Kultur aus. Das interkulturelle Lernen fördert Perspektivwechsel, Reflexion und Identitätsbildung. Als Prüfungsleistung schreiben die Studierenden einen reflexiven Essay. Die Vielfalt der Themen in den Gruppen und die begeisterten Rückmeldungen der Studierenden bestätigen den Erfolg des Projekts. Eine Weiterentwicklung, unter anderem durch Peer-Monitoring und die Teilnahme weiterer Hochschulen ist geplant. Mehr dazu beim International Students Midwives Network (ISMN) unter: > https://digitalcollection.zhaw.ch/items/5c0cc917-4bbc-4618- b9e3-203d8ae0d2b3.

Neue Prüfungs­instrumente

Gaby Schmidt und Prof. Dr. Oda von Rahde von der Jade Hochschule präsentierten arbeitsplatzbasierte Assessments zur strukturierten Beurteilung von kommunikativen, klinischen oder manuell-technischen Fertigkeiten anhand definierter Kriterien. Ziel dieser Instrumente ist die Überprüfung des im Skillslab Gelernten in alltäglichen Praxissituationen, beispielsweise bei einer Kurzübergabe oder der Plazentabeurteilung. Besonders spannend: Neben Assessmentbögen werden auch KI-generierte Kurzvideos und Podcasts zu konkreten Situation bereitgestellt – wertvolle Werkzeuge, sowohl für Studierende als auch Praxisanleitende, die der Optimierung des Theorie-Praxis-Transfers dienen.

Weitere Vortragsthemen waren die Praxisanleitung im Wochenbett (Daniela Erdmann), die Kombination von Inverted Classroom und Simulationstraining zur Vorbereitung der staatlichen praktischen Prüfungen im Hebammenstudiengang (Anne Rehm, HAW Hamburg) und Open Educational Resources (OER) für die Hebammenwissenschaft, präsentiert von Corinna Falk und Prof. Dr. Mirjam Peters von der Hochschule für Gesundheit, Bochum. Bei OER handelt es sich um Materialien – etwa Texte oder Lernplattformen – mit offenen Lizenzen. Das bedeutet, dass sie unter Angabe der Quelle von allen für die eigenen Zwecke genutzt und adaptiert werden dürfen. Bisher gibt es in deutscher Sprache erst wenige OER für die Hebammenwissenschaft. Diese auffindbar zu machen und Videos im OER-Format zu erstellen, war Ziel des vorgestellten Projekts. Die Erstellung von OER als wissenschaftsbasierte, allen zugängliche Ressource braucht Zeit, Expertise und die Bereitschaft zur Materialfreigabe.

Workshops, Poster und innovative Formate

Das Workshopprogramm am Nachmittag zeigte eine große inhaltliche und methodisch-didaktische Bandbreite rund um Praxisanleitung und Lehre – von simulationsbasiertem Lernen und Notfalltraining mit Nutzung von Augmented Reality bis hin zur Reflexion der eigenen Lehrpraxis im Lehrportfolio.

Parallel zu den Workshops fanden zwei Poster-Sessions statt, die jeweils einen Teil der 21 Poster präsentierten. Beeindruckend auch hier die Themenvielfalt und der Ideenreichtum, beispielsweise ein Podcast aus dem Hebammenstudiengang der Hochschule Bochum. Unter dem Titel »Studienergebnisse auf den Ohren – Podcast Hebammenwissenschaft in 223 Sekunden« berichten Prof. Dr. Mirjam Peters und die Doktorandin Hannah Buschmann alle 14 Tage von aktuellen und praxisrelevanten Studienergebnissen aus der Hebammenwissenschaft.

Oda von Rahden von der Jade Hoch­schule Oldenburg und Heike Goal vom Delme Klinikum Delmenhorst präsentieren das kooperative Lehr- Lernprojekt Wehenideen. Foto: © Dr. Angelica Ensel

Weitere Beispiele kreativer Projekte sind das interaktive Spiel »Talking Midwifery« zum Erlernen von Fachbegriffen von Clara Eidt, Julia Solovieva und Inès Hinze Garcia (Hochschule Fulda) oder das Kooperationsprojekt »Wehenideen« der Jade Hochschule Oldenburg (Prof. Dr. Oda von Rahden) und des Delme Klinikums in Delmenhorst (Heike Goal). Mit dem Ziel, die geburtshilflichen Interventionsraten zu senken, entwickelten Studierende und Praxisanleitende in Abstimmung mit dem Kreißsaalteam ein Konzept zur Motivierung und Aktivierung von Gebärenden und Begleitpersonen.

Innovativ war auch ein Beitrag der Jungen und werdende Hebammen (JuWeHen). Zum Thema »Das Hebammenstudium aus der Perspektive Studierender« erstellten sie QR-Codes mit Audio- und Videobeiträgen zu ihren Erfahrungen in der theoretischen und praktischen Ausbildung, beispielsweise zu der Frage: »Was hilft mir im Umgang mit schwierigen und herausfordernden Situationen?«

Mit Preisen ausgezeichnet wurden die Poster von Chantal Soyka über »Die Studieneingangsphase: Individuelle Voraussetzungen und institutionelle Rahmenbedingungen im Hebammenstudium« (dritter Preis) und Kristina Vogel zu »Augmented Reality als Lehrmethode in der hochschulischen Hebammenausbildung: Realitätsnahe Notfallsimulationen zur Stärkung der Selbstwirksamkeit der Studierenden« (zweiter Preis). Den ersten Preis bekam Johanna Neumeyer mit dem Thema »Psychische Gesundheit von Hebammenstudierenden in Deutschland: Identifizierung von Belastungsfaktoren und Ressourcen und Ableitung von Strategien der Prävention und Gesundheitsförderung – Vorstellung eines Mixed-Methods-Studiendesigns«.

Die Preisträgerinnen der Posterpreise: 1. Preis Johanna Neumeyer (rechts), 2. Preis Kristina Vogel (Mitte), 3. Preis Chantal Soyka (links).

Foto: © Meike Schwinger, Institut für Hebammenwissenschaft, Münster

Große Resonanz

Die Tagung HEBA-PÄD beeindruckte durch didaktische Vielfalt, einen hohen fachlichen Anspruch und das Engagement der Teilnehmenden. Sie zeigte, dass Fragen der Lehre, Praxisanleitung und Prüfungsgestaltung zunehmend Forschungsgegenstand der Hebammenwissenschaft in Deutschland sind – ein wichtiger Beitrag zur Qualitätssicherung. Die große Resonanz spiegelt das Engagement der Ausbildenden, die Freude an einer Lehre, geprägt durch hohe Qualität mit dem Ziel der Nachhaltigkeit, und die Motivation der Studierenden, Lehre, Praxis und Wissenschaft mitzugestalten. Die dritte HEBA-PÄD-Konferenz findet am 3. Mai 2026 an der Universität Leipzig statt.

Zitiervorlage
Ensel, A. (2025). 2. Konferenz zur pädagogischen Arbeit im Hebammenstudium: Didaktische Vielfalt. Deutsche Hebammen Zeitschrift, 77 (8), 70–73.

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