Marie Selentschik bei der Arbeit in ihrer Klinik Foto: privat

Eine der ersten Hebammenstudentinnen berichtet von ihrem Berufsweg seit dem Examen. Als angestellte Hebamme in einer kleinen Klinik spürt sie den Personalmangel, fühlt sich aber gut eingearbeitet und unterstützt durch Trainings, Supervision und Austausch. Neben ihrer Teilzeitstelle arbeite sie auch freiberuflich und genießt dabei ihre Freiheiten. 

Als einer der ersten Jahrgänge bin ich mit meinen Kommiliton:innen nach dem Hebammenkunde-Studium im Oktober 2023 in die Arbeitswelt gestartet. Wir wurden im Rahmen eines Modellstudiengangs »altrechtlich« ausgebildet und haben gleichzeitig dual studiert. Das bedeutet: Ich habe das früher übliche Examen geschrieben und einen Bachelorabschluss erreicht.

Seit knapp acht Monaten arbeite ich jetzt im Kreißsaal. Wenn mich jemand vor einem Jahr gefragt hätte, wie ich arbeiten möchte, hätte ich wahrscheinlich von der Außerklinik erzählt. Zu hierarchisch und medizinisch erschien mir die klinische Geburtshilfe. Jetzt kombiniere ich eine 60-Prozent-Stelle im Kreißsaal mit freiberuflichen Vor- und Nachsorgen. Wie kam es dazu und wie ist es mir seit meinem Berufseinstieg ergangen?

Ziel: Nicht ausbrennen!

Nach meinem Examen im Winter 2022/23 habe ich den Sommer mit dem Schreiben meiner Bachelorarbeit verbracht und die Zeit genutzt, um mich für eine Arbeitsstelle zu entscheiden. Die Pause von sechs Monaten hat mir gutgetan, um die Liebe für die Hebammentätigkeit wiederzuentdecken. Nach der anstrengenden Examenszeit war von Anfang an klar, dass eine volle Stelle im Kreißsaal für mich nicht in Frage kommt. Die ständigen Schichtwechsel und die technisierte Geburtshilfe im Krankenhaus schreckten mich ab. Ich wollte in meiner Freizeit nicht ausgebrannt von meiner Arbeit sein.

Anfangs habe ich lange überlegt, nur freiberuflich zu arbeiten und das auch mit Geburtshilfe. In der Gegend, in der ich lebe, gibt es nur eine Hausgeburtshebamme und keine weitere Möglichkeit, außerklinisch zu gebären. Ohne Team als Berufsanfängerin Geburten zu Hause zu begleiten, hat sich für mich nicht richtig angefühlt. Zusätzlich war die finanzielle Belastung für den Einstieg in die außerklinische Geburtshilfe für mich nicht tragbar.

Ausschlaggebend für meine Entscheidung, in die Klinik zu gehen, waren also deren Standort, die finanzielle Sicherheit und die Größe des Hauses, in dem eine Eins-zu-eins-Betreuung zur Regel und nicht zur Ausnahme gehört.

Freudig, aber auch ein bisschen aufgeregt habe ich im Oktober 2023 angefangen, in der Klinik zu arbeiten. Eine Freundin aus dem Studium hat zur gleichen Zeit dort begonnen. Das hat mir Sicherheit gegeben und der gemeinsame Austausch ist bis heute eine große Stütze.

Die Einarbeitungszeit verlief ruhig. In einem Haus mit etwa 500 Geburten im Jahr gibt es viele Dienste, in denen wenig zu tun ist. Auf der anderen Seite muss man an manchen Tagen alleine im Dienst mehrere Frauen gleichzeitig betreuen. Das kann schnell stressig und frustrierend werden. Insbesondere wenn das Gefühl entsteht, den Frauen und ihren Bedürfnissen nicht gerecht zu werden.

Der Gedanke, allein die volle Verantwortung zu übernehmen, hat mir anfangs große Sorgen bereitet. Die nächste Kinderklinik liegt 45 Minuten entfernt. Bei einem Notfall wird die Erstversorgung des Neugeborenen primär von den Hebammen und dem Anästhesie-Team übernommen. Wie wichtig eine gute interdisziplinäre Zusammenarbeit ist, habe ich schnell gelernt. Hilfreich sind die gemeinsamen Notfalltrainings, die regelmäßig alle zwei Jahre vor Ort stattfinden.

Training von Notfällen im Team

Im Februar war es wieder Zeit für so ein Training. Ein Team von Trainer:innen hatte bereits am Abend vorher einen Kreißsaal, den OP und die Neugeborenen-Reanimationseinheit mit Kameras und verschiedenem Übungsmaterial ausgestattet. Aufgeteilt in Gruppen wurden verschiedene Notfallszenarien geübt und anschließend gemeinsam analysiert. Eine Gruppe bestand aus Hebammen, Gynäkolog:innen, Kinderkrankenschwestern der Wochenbettstation, Anästhesist:innen und einem OP-Team.

An diesem Tag wurden der eklamptische Anfall, Neugeborenenreanimation, Schulterdystokie und die Reanimation einer Gebärenden und Notsectio bei einer aufgestiegenen PDA geübt. Für mich war das Training nervenaufreibend. Das lag vor allem an den realistischen Szenarien und der Angst, mich vor meinen neuen Kolleg:innen zu blamieren. Auf der anderen Seite war es hilfreich, diese Fälle in den eigenen Räumen mit dem ganzen Team durchzuspielen. So konnte gemeinsam geschaut werden, welche Abläufe verbessert werden können, und alle kennen sich nun mit den vorhandenen Gegebenheiten aus.

Nach dem Training bin ich mit sehr viel Input und rauchendem Kopf nach Hause gegangen. Jetzt versuche ich, in ruhigen Momenten im Kreißsaal alle Notfall-Abläufe im Kopf durchzugehen und zu festigen. Das hilft mir dabei, Sicherheit zu gewinnen.

Nach vier Wochen Einarbeitung hatte ich meinen ersten Nachtdienst allein und prompt eine Geburt, die in einer sekundären Sectio endete. Meine Fähigkeiten wurden auf die Probe gestellt und ich musste allein Verantwortung übernehmen. Das war für mich herausfordernd, aber auch eine Bestärkung meiner Handlungsautonomie.

Im selben Monat musste ich zum ersten Mal ein Kind verlegen und habe eine Notsectio wegen einer fetalen Bradykardie betreut. Daneben habe ich mit ganz viel Ruhe Geburten begleitet, bei Bekannten die Nachsorge übernommen und mir viele Tipps und Tricks für meinen Hebammenalltag angeeignet. Dazu gehört es für mich, Familien bedürfnisorientiert, evidenzbasiert und respektvoll im Prozess des Elternwerdens zu unterstützen. Ich bin in meiner neuen Berufsidentität angekommen.

Junges, bereicherndes Team

Das kleine Team, in dem ich arbeite, besteht größtenteils aus jungen Kolleginnen. Über 30 Jahre alt sind nur fünf Hebammen, die im Kreißsaal arbeiten. Alle anderen sind in ihren Zwanzigern und arbeiten teilweise schon seit ihrem 19. Lebensjahr als Hebamme. Die »Alten« sind noch jung, und es gibt wenig Reibereien im Team. Kurz vor mir und kurz nach mir haben noch zwei weitere Kolleginnen frisch nach der Ausbildung angefangen zu arbeiten. Beide mit einer Vollzeitstelle und unter gleichen Voraussetzungen. Ihr Werdegang und die Erfahrungen unterscheiden sich aber sehr deutlich voneinander. Die erste Kollegin liebt die Hebammenarbeit im Kreißsaal. Sie hat immer den Durchblick, tritt in jeglicher Situation sicher auf und kommt auch mit einem hohen Arbeitspensum gut zurecht. Die zweite Kollegin dagegen hinterfragt die Hierarchien und Interventionen, zum Beispiel den Einsatz von Oxytocin oder die Dammschnittrate, die mit der klinischen Geburtshilfe einhergehen. Sie fühlt sich mit der klinischen Geburtshilfe nicht wohl, ist in stressigen Situationen stark gefordert und zweifelt an ihren eigenen Fähigkeiten. Nach drei Monaten beschloss sie, zu kündigen und im Geburtshaus zu arbeiten. Das zeigt, wie unterschiedliche Persönlichkeiten das gleiche Arbeitsumfeld wahrnehmen und wie subjektiv die Zufriedenheit ist.

Ein Studium hat keine meiner Kolleginnen abgeschlossen. Das hat anfangs dazu geführt, dass ich mit meiner »neumodischen« Ausbildung besonders beäugt wurde. Alle wollten sichergehen, dass das Studium die gleiche Qualität wie die Ausbildung an einer altehrwürdigen Hebammenschule hat. Ins Team wurde ich trotzdem herzlich aufgenommen und schnell wurde klar, dass der praktische Ausbildungsinhalt und somit meine geburtshilflichen Fertigkeiten mit der ehemaligen Ausbildung gleichzusetzen sind. Mittlerweile vergessen meine Kolleginnen regelmäßig, dass ich studiert habe.

In einer Dienstbesprechung, in der es um die Einführung eines neuen Qualitätssicherungsprogrammes ging, ist neulich der Satz gefallen: »Wer soll das denn verstehen, dafür muss man ja studiert haben.« Woraufhin ich entgegnet habe: »Ich habe studiert und verstehe es trotzdem nicht«. Im Kreißsaalalltag fallen die unterschiedlichen Ausbildungen nicht ins Gewicht, vielmehr ist das Arbeiten von der individuellen Betreuungsart und dem Erfahrungswissen der einzelnen Hebammen geprägt.

Leitlinienkonform?

Die geburtshilfliche Abteilung hat im März angefangen, ihre Standards zu überarbeiten. Es wurden Kleingruppen mit jeweils einer Ärzt:in und zwei Hebammen gebildet. Jede Gruppe hat sich mit drei bis vier Themen beschäftigt und diese mithilfe aktueller Leitlinien überarbeitet, insbesondere der AWMF-S3-Leitlinie zur »vaginalen Geburt am Termin«. Mit eingeflossen sind außerdem die Konzernstandards und das Erfahrungswissen des Teams.

Für die Ausarbeitung hatten wir einen Monat Zeit, die Ergebnisse wurden gemeinsam vorgestellt und diskutiert. Insgesamt habe ich den Prozess als sehr konstruktiv erlebt. Es wurden neue Evidenzen mit Erfahrungswissen kombiniert und alle können sich an den neuen Erkenntnissen in ihrer Arbeit orientieren.

Mein abgeschlossenes Studium war in diesem Fall von Vorteil. Leitlinienrecherche und evidenzbasiertes Arbeiten sind für mich kein Problem und ich konnte meinen Kolleginnen mit meiner Erfahrung helfen. Mein Bachelorabschluss befähigt mich, Dinge kritisch zu hinterfragen, und ermöglicht es mir, neue wissenschaftliche Erkenntnisse mit Erfahrungswissen zu verknüpfen. In den hierarchischen Klinikstrukturen macht die höhere Qualifizierung jedoch keinen spürbaren Unterschied. Außerdem wird der Studienabschluss finanziell nicht anerkannt: Ich bekomme trotz einer höheren Ausbildung kein höheres Gehalt.

Kurz vor Weihnachten kam es im Kreißsaal zum absoluten Personalnotstand. Von insgesamt zwölf Kolleginnen waren sieben krank und drei im Urlaub. Nach verzweifelten Anrufen bei der Pflegedienstleitung war es nicht möglich, Hebammen von einer Zeitarbeitsfirma zu organisieren. So wurden eine Woche lang die Schichten von drei Kolleginnen abgedeckt, von denen eine ihren Urlaub frühzeitig beendet hatte.

Einen Tag nach meiner abgeklungenen Corona-Erkrankung bin ich in den Nachtdienst eingesprungen, um meine Kolleginnen zu entlasten. Im Dienstplan wurde alles umgeworfen und wir versuchten, uns so gut wie möglich gegenseitig zu unterstützen. In solchen Momenten hinterfrage ich meine Tätigkeit im Kreißsaal. Wie kann es sein, dass direkt zu meinem Berufsanfang meine Belastungsgrenzen schon so stark auf die Probe gestellt werden? Ist es langfristig möglich, ohne auszubrennen in diesem unterbesetzten Berufsfeld zu arbeiten?

Aktuell fehlen zwei volle Stellen und daraus resultiert oftmals die Streichung der Zwischendienste. Damit einhergehend müssen wir häufiger mehrere Frauen gleichzeitig betreuen und arbeiten teilweise in stressigen Diensten ohne Pausen. Langfristig ist es notwendig, mehr Hebammen einzustellen und die Arbeit attraktiver zu gestalten, sonst droht die Schließung des Kreißsaals aufgrund von Hebammenmangel und eine weitere ländliche Region rutscht in die Unterversorgung.

Gute Work-Life-Balance

Außerhalb der Klinik betreue ich Schwangere und Wöchnerinnen freiberuflich. Hier nehme ich pro Monat ungefähr zwei Frauen an. Manchmal kommt es vor, dass ich spontan noch eine weitere Frau aus dem Kreißsaal übernehme, die keine Hebamme gefunden hat. Die außerklinische Arbeit macht mir viel Spaß und fühlt sich im Augenblick an wie bezahlte Selbstverwirklichung. Ich kann mir meine Termine so legen, dass sie zu meinem Freizeitleben und meinen Diensten im Krankenhaus passen. Das führt zu viel Freiheit und einer guten Work-Life-Balance. Außerdem betreue ich die Frauen nach eigenem Ermessen und ohne einengende Rahmenstrukturen wie in der Klinik.

Ich schätze die Vertrautheit und Bindung, die ich mit den Familien aufbauen kann. Ich versuche, die Familien schon während der Schwangerschaft so viel wie möglich zu begleiten und Vorsorgen durchzuführen. Das erleichtert den Einstieg ins Wochenbett und schafft eine ganzheitliche Betreuung.

Viele der Frauen, die ich begleite, kommen für die Geburt ins Krankenhaus, in dem ich arbeite, so dass ich diese Frauen schon bei oder kurz nach der Geburt sehen kann. Fast alle meine Kolleginnen aus dem Kreißsaal arbeiten nebenbei noch freiberuflich. Dadurch habe ich ein großes Netzwerk, in dem ich Fragen stellen kann oder schnell eine Vertretung finde.

Hebammen-Identitäten

Im Moment bin ich sehr glücklich mit meiner Arbeitssituation, obwohl ich nicht mit allen Punkten der klinischen Geburtshilfe einverstanden bin. Der Berufseinstieg ist nicht immer leicht, aber ich merke, wie sich meine Hebammenfähigkeiten verbessern und sich meine Berufsidentität festigt. Für die Zukunft wünsche ich mir mehr Anerkennung des Studienabschlusses, sowohl finanziell als auch in den Aufgabenbereichen der Hebammen.

Dazu gehört zum Beispiel das Konzept der Hebamme als Primärversorger:in, das zu mehr Betreuungskontinuität führt. Dieses Thema wird auch aktuell vom DHV und verschiedenen Landesverbänden bearbeitet. Um solche Anliegen umzusetzen, müssen Hebammen berufspolitisch arbeiten, und ich bin stolz darauf, dass junge Hebammen wie ich durch die JuWeHen ein Sprachrohr bekommen.

Zitiervorlage
Selentschik, M. (2024). Von der Uni in den Kreißsaal. Deutsche Hebammen Zeitschrift, 76 (8), 12–14.