Professionsübergreifend und mit ElternvertreterInnen in einem Boot ist ein umfassender Blick auf die Zukunft der Geburtshilfe möglich. Fotos: © Ann Kathrin Gapp
Am 2. und 3. Oktober 2016 setzte das erste Symposium zur Traditionellen Hebammenkunst (THK) im Euroregionalen Jugendgästehaus Aachen die Idee einer interdisziplinären Fachkonferenz für den Erhalt des geburtshilflichen Handwerks um. Die Tagung unter der Schirmherrschaft des Deutschen Fachverbandes für Hausgeburtshilfe (DFH) stand unter dem Motto „Das Handwerk schützen“. Gefördert und mitgestaltet wurde sie von den Müttern und Elternverbänden GreenBirth e.V. und Motherhood e.V. Denn im Mittelpunkt standen auch die Bedürfnisse von werdenden Eltern.
Das Symposium setzte sich weiterhin zum Ziel, auf die Probleme eines Berufstandes aufmerksam zu machen, der schon seit längerem um seinen Erhalt ringt. Die schwierige wirtschaftliche Situation, immer weniger Geburtshilfe praktizierende Hebammen und neue Ausbildungsgänge, die aus Sicht des DFH weder zu Ende gedacht noch praxisnah genug ausgerichtet sind, bedrohen den praktischen Beruf der Hebamme.
Auf dem Symposium wurden Forschungsarbeiten zu geburtshilflichen, politischen und rechtlichen Themen präsentiert und diskutiert. Ziel der Veranstaltung war es, mit angstbesetzten Mythen westlicher Geburtsmedizin aufzuräumen und kritisch zu hinterfragen, was heute über Geburtshilfe gelehrt wird.
Im Dialog mit den BesucherInnen standen 22 ReferentInnen aus Deutschland, Österreich, Tschechien und der Schweiz, neben Hebammen auch FachärztInnen, HeilpraktikerInnen, PsychologInnen, RechtsanwältInnen, SteuerberaterInnen, FinanzexpertInnen und nicht zuletzt frauenpolitisch engagierte Mütter. Die Veranstaltung mit über 150 TeilnehmerInnen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz war ausgebucht. Die meisten waren freiberufliche Hebammen.
Die ReferentInnen hielten Vorträge mit anschließenden Diskussionsforen zu den vier Schwerpunktthemen „Merkmale der Hebammenkunst/Entbindungskunst“, „Kultur gestalten“, „Praxisentwicklung“ und „Soziale Auswirkungen“. Die Abfolge war so organisiert, dass die TeilnehmerInnen in überschaubaren Gruppen partizipieren konnten, auch um den Rahmen für die anschließende Diskussion persönlicher zu gestalten. Durch Diskussionstechniken wie „Speed-Networking“ und „Fishbowl“ sollte der persönliche Kontakt gefördert werden (siehe Kasten). Zwischen den Vorträgen fanden Posterpräsentationen statt. Die lichtdurchfluteten Konferenzsäle waren von Bäumen umgeben und sorgten für ein angenehmes Ambiente.
Fotos: © Ann Kathrin Gapp
Berufspolitik
Die Berufsgruppe der Hebammen stellte die Ergebnisse verschiedener Forschungsarbeiten aus dem Studiengang Midwifery vor. Hier standen der Status quo und die Zukunft der Hebammenarbeit im Mittelpunkt. Die Hebamme Gerlinde Wascher Ociepka präsentierte ihre Arbeit mit dem Titel: „Hebamme ohne Geburt – eine Gefahr für die Zu(ku)nft“. Weitere Referentinnen waren Katharina Wünsch (Thema: Schwangerenvorsorge), Frauke Wagener (Thema: Zivil- und strafrechtliche Prozesse gegen Hebammen) und Irmgard Rowohlt (Thema: Management der Plazentarphase). Die Hebamme Eva-Maria Müller-Markfort stellte sich in ihrem Vortrag der „Sinnfrage“ in der Geburtshilfe (siehe Links).
Peter Ewald, Rechtsanwalt aus München, gab einen Überblick über rechtliche Themen wie Vertragsgestaltung im Hebammenwesen.
Die niedergelassene und berufspolitisch engagierte Ärztin Dr. Ulrike Bös hielt einen Vortrag über „Frauengesundheit in Zeiten unbegrenzter Machbarkeit“. Sie fragte, wie die Verbindung von moderner Wissenschaft und traditionellen Kenntnissen der Gesundheit von Frauen zugutekommen und dabei einen Beitrag zu mehr Körper- und Selbstbewusstsein der Frau leisten könne. Sie warf auch einen Blick auf den Wandel des medizinischen Systems, das sich insbesondere durch den einfacheren und breiteren Zugang zu Wissen und Bildung verändert, durch die Stärkung der PatientInnenautonomie und der Elternverbände. Durch eine scheinbar unbegrenzte Machbarkeit in der Medizin werde Frauengesundheit fast unmerklich manipuliert. Bös erläuterte auch, wie die Berufsverbände der FrauenärztInnen eine sinnvolle Kooperation mit freiberuflichen Hebammen zunehmend boykottierten und aus ökonomischen Gründen sowie aus dem Argument der forensischen Verantwortung heraus nahezu unmöglich machten. Sie plädierte für die Entwicklung sinnstiftender Kooperationsmodelle und wies auf die Bedeutung der Hebammenvor- und Fürsorge hin.
An diese Themen knüpfte auch der Vortrag von Dr. Ivo Fähnle-Schiegg, Facharzt für Gynäkologie und Geburtshilfe sowie Oberarzt des Luzerner Kantonspitals, an. Aus seiner Sicht gehöre die Betreuung regelrechter Geburten in den Kernbereich selbstständiger Tätigkeit von Hebammen in einer geburtshilflichen Abteilung. Hebammen könnten durch fachkompetente Begleitung zu einer signifikanten Reduzierung von unnötigen Interventionen in der Geburtshilfe beitragen. Dies allerdings nur dann, wenn sich der Berufsstand in Eigenverantwortlichkeit ausreichend schulen lasse und weiterbilde, um mehr Verantwortung übernehmen zu können. Es müsse auch wieder eine gute Schulung der ärztlichen GeburtshelferInnen in praktischer Geburtshilfe aufleben. Zudem solle der interdisziplinäre Dialog zwischen Hebammen und MedizinerInnen auf Fortbildungen und vor Ort in den Kliniken gepflegt werden.
Die anschließende Diskussion zeigte zahlreiche Stolperstellen auf, die einer Weiterentwicklung für diese Vision im Weg stehen. Hier wurden die Unterschiede der Bedingungen in den verschiedenen Ländern deutlich: In der Schweiz finden sich bessere ökonomische Rahmenbedingungen für eine Durchsetzung derartiger Ziele als in Deutschland. Auch haben Hebammen in Schweizer Kliniken im Durchschnitt mehr Zeit für die Einzelbetreuung von Gebärenden.
Die Mütter- und Elternverbände GreenBirth e.V. und MotherHood e.V. stellten die Bedürfnisse von werdenden Eltern vor. Was brauchen Frauen heutzutage, die ein Kind erwarten? Was wünschen sie sich? So nahmen sowohl die präsentierten wissenschaftlichen Forschungsarbeiten zum Thema „Mütterwünsche bei der Geburt“ als auch die konkret von Müttern formulierten Forderungen einen hohen Stellenwert auf dem Symposium ein. Eine der am häufigsten verlangten Leistungen war eine zugewandte und fachkompetente Eins-zu-eins-Betreuung durch Hebammen, unabhängig vom Geburtsort.
Mehr Zeit und Raum
Was die übliche Verwendung von Ultraschall zur schnellen pränatalen Diagnostik oder die Periduralanästhesie für eine unkomplizierte, schmerzfreie Geburt für die Bindung des Kindes zur Mutter vor, während und nach der Geburt bedeuten kann, trug Marita Klippel-Heidekrüger vor. Die Berliner Gestalttherapeutin und Leiterin der Arbeitsgruppe „Pränatal fundierte Psychotherapie“ ermutigte Eltern zum kritischen Umgang mit Ultraschall, Wehenbeschleunigern, Periduralanästhesie oder Kaiserschnitt – den regelhaften Schwangerschafts- und Geburtsverlauf vorausgesetzt. „In den meisten Fällen sind frühe Ultraschalluntersuchungen unbegründet. Eltern denken häufig, es würde einfach nur rasch ein erstes Foto ihres Ungeborenen geschossen. Um wieviel vorsorgender wäre es doch, wenn sich Eltern stattdessen die Zeit nehmen würden, eine selbst erspürte Bindung zu ihrem Kind aufzubauen.“
Speed-Networking
Diese Methode funktioniert wie das „Bäumchen-wechsel-dich“ beim Speed-Dating: Gesprächspaare diskutieren einige wenige Minuten unter vier Augen, bis eine Glocke sie auffordert, einen Platz weiter zum nächsten Gesprächspartner zu rücken.
Fishbowl
Diese Diskussionsform soll es ermöglichen, Gruppenprozesse bei einer Entscheidungsfindung zu beobachten und zu analysieren. Die Gruppe wird in zwei Teile geteilt: Ein „innerer Kreis“ von vier bis fünf Teilnehmenden diskutiert die Frage, ein „äußerer Kreis“ von bis zu 20 Teilnehmenden analysiert die Ergebnisse der Diskussion des inneren Kreises und bewertet auch den Weg zur Entscheidungsfindung. Diese offene Methode eignet sich beispielsweise zur intensiven Bearbeitung von ethischen Fragen.
Fotos: © Ann Kathrin Gapp
Diesen Gedanken griff in der Posterausstellung auch die Hebamme Franziska Maurer auf, die Gründerin der Fachstelle Fehlgeburt und perinataler Kindstod in Boll bei Bern. Ihr Postervortrag lautete „Die Bedeutung des Innehaltens. Sachkundige Familienbegleitung bei perinatalem Kindstod“. Nicht die routinierte Beschleunigung des Geburtsprozesses nach Feststellung des Kindstodes im Mutterleib, sondern gerade die fachkundige aktive Verlangsamung durch die Hebamme befähige die schockierten Eltern, mit einer solchen Diagnose umzugehen.
Prof. Dr. Heike Molitor, Prodekanin, Umwelt- und Gesundheitswissenschaftlerin der Hochschule für Nachhaltige Entwicklung im brandenburgischen Eberswalde, sprach zukünftige Chancen der hebammengeleiteten Geburtshilfe hinsichtlich einer gesellschaftlichen und sozialen Nachhaltigkeit an. Eine Zuhörerin fasste das Thema pointiert zusammen: „So wie die Kinder wieder Platz zum Spielen brauchen, brauchen Frauen wieder Platz zum Gebären.“
Alles in allem war die Veranstaltung interessant, lehr- und erfolgreich. Lobenswert zu erwähnen ist, dass sie ohne die üblichen kommerziellen Sponsoren ausgekommen ist. Die Hebammen haben die Veranstaltung ohne die sonst üblichen „Pröbchen“, aber mit wertvollen Gedanken verlassen.
Programm der Veranstaltung: http://thk-seminare.de/programm.html
