Barbara Zukunft-Huber: „Bindungsforscher sagen ‚Bindung vor Bildung‘. Jeden Tag darf ich erfahren, wie Säuglinge in Gegenwart der Mütter in sich ruhend spielen und strahlen.“ Foto: Archiv Barbara Zukunft-Huber

Die Kinderphysiotherapeutin Barbara Zukunft-Huber im Gespräch.

Birgit Heimbach: Sie arbeiten seit 40 Jahren als Kinderphysiotherapeutin schwerpunktmäßig mit Säuglingen. Sie bieten ganz verschiedene Therapien an, etwa Vojta, Bobath, Castillo Morales, Craniosacrale Therapie. Können Sie kurz erklären, wann Sie welche Therapie anwenden?

Barbara Zukunft-Huber: Immer starte ich bei Säuglingen mit dem Konzept nach Bobath, so wie ich es im Buch „Babygymnastik – so unterstützen Sie Ihr Kind“ beschrieben habe. Ich zeige den Eltern Trageweisen und Methoden, wie sie die Entwicklung positiv stimulieren können, so auch die beste Haltung beim Füttern. Natürlich erkläre ich den Eltern die normale Entwicklung, vor allem, dass diese von allen Kinder selbst gefunden wird, dass die Kinder nicht hingesetzt und hingestellt werden sollen, auch nicht Babygeräte benutzen sollen. Wenn ich mit der Bobath-Therapie nach etwa sechs Wochen keine Erfolge sehe, gehe ich zur Vojta-Therapie über. Castillo Morales wird bei Kindern mit Mund-Schluckbeschwerden integriert. Die Craniosacrale Therapie reicht manchmal aus, um leichte Kopfasymmetrien zu behandeln.

Sie erwähnen in Ihrem Artikel für Ihren Untersuchungsbogen zwei Meilensteine der Entwicklung des Säuglings. Was ist der Unterschied zum sogenannten Grenzstein?

Der Begriff Meilenstein besagt, dass er erreicht werden muss, sonst besteht Gefahr, dass der Säugling einen negativen Weg in seiner Entwicklung geht. Den Begriff Grenzstein habe ich in dem Buch „Normale und gestörte Entwicklung“ (1989) von Prof. Richard Michaelis, einem bekannten Kinderneurologen, gelesen. Zum Beispiel hat er als Grenzstein das Sitzen mit neun Monaten beschrieben. Er meinte, Kinder seien auffällig, wenn sie mit neun Monaten noch nicht sitzen können. Dazu haben Mütter in Fragebögen geantwortet, ab wann ihr Kind saß. Das heißt, dies wurde nicht wie bei Emmi Pikler und Václav Vojta durch Beobachtung der Entwicklung des Kindes, sondern durch Befragung der Mütter festgestellt. In der Praxis, seit über 40 Jahren, sehe ich, dass Kinder sich meist erst über die Krabbelposition zur Seite zum Sitzen schieben und dann aber nur kurz sitzen.

Sie sprechen vom Siebener-Syndrom, von dem kaum eine Hebamme gehört hat. Denn der Manualmediziner Dr. Heiner Biedermann hat es umgetauft in das KiSS-Syndrom.

Kann sein, dass die Manualtherapeuten dies anders benennen. Dies ist schade, denn man kann aus dem Namen ersehen, dass tatsächlich durch einseitige Kopfdrehung der ganze Körper mitreagiert. Grund ist eine Asymmetrie des Körpers. Eine Symmetrie sollte ja normalerweise mit dem ersten Meilenstein im Alter von vier Monaten vorhanden sein. Leider kennen dieses Syndrom nicht mehr alle Therapeuten

Ich kenne die Plakate von Vojta, die sehr ausführlich die Fähigkeiten von Säuglingen mit Fotos in Zeitleisten zeigen. Gibt es weitere Plakate von anderen Autoren in dieser Art, die Sie Hebammen empfehlen könnten?

Ich selbst habe schon vor Jahren das Plakat „Störfaktoren der gesunden Bewegungsentwicklung“ für die Praxis zusammengestellt und ein zweites Plakat ist zurzeit auf dem Markt: „Säuglingsgymnastik für das erste halbe Jahr“. Beide sind im Max-Schmidt-Römhild Verlag zu beziehen. Ein drittes, „Meilensteine und ihre Alarmzeichen im ersten Lebensjahr“, ist gerade im Entstehen. Von anderen Autoren kenne ich noch das Plakat zur „Diagnostik Lagereaktionen“ für die kinesiologische Diagnostik nach Vojta.

Es wird immer wieder betont, dass die Kinder sich allein entwickeln sollen, man solle sie nicht zu früh hinsetzen, nicht zu früh zum Stehen bringen. Machen die Eltern etwas falsch?

Manche Eltern meinen zum Beispiel, dass Sitzen wichtig sei. Wenn dann die Nachbarin sagt, dass ihr Kind schon sitze, glauben sie, das eigene Kind sei zu spät dran. Diese Eltern kann man beruhigen. Jeder Säugling hat seine Entwicklung als Bauplan in sich. Emmi Pikler und Václav Vojta haben gezeigt, dass sie dies ohne Lehren und Fördern meistern. Erwachsene können nur eine Umgebung vorbereiten, die all die Dinge dem Kind darbietet, welches es gerade benötigt.

Sie scheinen mit vielen Ansätzen der Säuglingsförderung nicht einverstanden zu sein. Was bemängeln Sie noch?

Ich wünsche mir, dass die Bindung zwischen Mutter und Kind respektiert und geschützt wird. Bindungsforscher sagen „Bindung vor Bildung“. Jeden Tag darf ich erfahren, wie Säuglinge in Gegenwart der Mütter in sich ruhend spielen und strahlen. Muss eine Mutter mal kurz hinaus, dann weint es und spielt nicht mehr so konzentriert, bis die Mutter wieder erscheint.

Die Mütter müssten sich ihrer Bedeutung sicherer sein und ihren inneren Antennen besser vertrauen.

Sie sind es, die dem Kind Sicherheit geben. Ohne die Anwesenheit der Mütter fühlen sich kleine Kinder verlassen. Nicht die Mütter sollten ihre Kinder verlassen, sondern die Kinder die Mütter und dies dauert sicherlich zwei bis drei Jahre. Was die motorische Entwicklung betrifft, hat Vojta den Satz formuliert, eine Mutter habe immer Recht. Er hatte schon damals beobachtet, dass Mütter sehr sensibel sind und sofort merken, wenn etwas nicht stimmt. Heute klagen die Mütter, dass bei den Vorsorgeuntersuchungen oftmals gesagt wird, etwas wachse sich schon von alleine aus. Aus Verzweiflung gehen dann die Eltern bei schiefer Haltung des Kopfes zum Beispiel zu einem Osteopathen oder suchen einen Orthopäden auf. Heutzutage bekomme ich vorwiegend von den Orthopäden die schiefen Säuglinge überwiesen. Eventuell ist dies nur in unserer Gegend so. Über die Grenzstein-Theorie „Sitzen mit neun Monaten“ werden mir sogar in der Entwicklung gesunde Kinder von den Kinderärzten zugesandt. Hebammen sollten hierüber Bescheid wissen, denn sie haben viel Einfluss auf die Mütter und können hier sehr gut Ratschläge geben.

Die Interviewte

Barbara Zukunft-Huber ist Physiotherapeutin und arbeitet seit 1977 selbstständig in Biberach. Sie absolvierte Fortbildungen in den Bereichen Bobath, Vojta, Castillo Morales, Montessori, Manualtherapie, Therapie nach Brunkow, Craniosacral Therapie, E-Technik und in angewandter Kinesiologie. Sie ist Autorin mehrerer Fachbücher. Die unterschiedlichen Fußdeformitäten bei Säuglingen und Kindern behandelt sie mit der von ihr entwickelten Methode „dreidimensionale manuelle Fußtherapie auf neurophysiologischer Grundlage“.

Kontakt:
info@zukunft-huber.de
www.zukunft-huber.de

Zitiervorlage
Heimbach B: Interview mit Barbara Zukunft-Huber: Meilensteine. DEUTSCHE HEBAMMEN ZEITSCHRIFT 2013. 65 (2): 19–20

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